Am Meer

Gnade - ein Wort, unbekannt.

Träumend steht er da auf der Mole, die schmalen Hände vergraben in seiner Hose leeren Taschen. Wenn Du Dein Auge anstrengst, wirst Du ihn sehen, so auch die Möwen, die über ihm segeln wie Luftschiffer durch den Wind.

Des Meeres Wellen gehen heut´ nur schwach, aber es ist, als hätt´ heimlich die Sonne fröhlich funkelnde Diamanten in ihnen versteckt. Eine starke Blendung. Streng Dein Auge an, sonst schwindet Dir das Bild des Jünglings auf der Mole, über ihm die Möwen, die in anderer Autoren Texte auch kreischen würden.

Hier tun sie es nicht.

Was hat er dort nur verloren, wovon träumt er - und woher soll gerade ich dies wissen. Ich bin doch bloß jemand, der schreibt.

Wahrscheinlich ist es Liebe. Oder er denkt nach über das Leben, das sich in der Beobachtung der Natur in seiner reinsten Form zeigt.

Ich könnte Dir jetzt etwas erzählen, könnte so tun, als würde ich es wissen. Und wie ich Dich kenne, würdest Du mir gar glauben - ein Fehler, ein Fehler - wie die Schöpfung, die niemals war. Ich weiss nichts.

Aber mir fällt schon irgendetwas ein. Wie wäre denn dies:

Wenn Du noch ein bisschen genauer hinschaust, wirst Du erkennen, dass der Jüngling, den man Adrian zu rufen pflegt, nicht nur einen verträumten Eindruck macht, sondern zugleich von einer tiefen Melancholie ergriffen zu sein scheint. Ja, Du hast ein geübtes Auge und eine erstaunliche Menschenkenntnis. Das hätte ich Dir nicht unbedingt zugetraut. Aber gut, ich kann es nicht ändern und werde Dir diese Fähigkeit etwas missmutig zugestehen. Wegen der Sonne, der Diamanten und so. Du verstehst.

Adrian versucht, an nichts zu denken. Er schmeckt nur das Salz auf seinen Lippen. Dann muss er trotzdem etwas denken. Die Möwen, diese dummen Möwen, dass denen nicht langweilig wird, genau wie Dir. Immer ziehen sie ihre Kreise, jetzt kreischen sie doch, wo es so ruhig war, aber vieles im Leben ist unvermeidlich, blablabla.

Ja, langweilig. Aber was solls. Der Autor ist heute gutgelaunt und lässt Adrian gleich etwas machen. Ich hoffe, Du bist schon ordentlich gespannt. Ich bin es nicht.

Adrian lehnt sich an die Molenmauer. Er ist des geraden Stehens müde und spürt jetzt, wie sein Rücken auf die kühlen Steine trifft. Es ist ihm ein bisschen unangenehm. Egal.

Nein, der Autor ist jetzt doch erschöpft von all seiner Kreativität und legt sich schlafen. Was aus Dir wird -

Auch egal.


© 2001 by Arne-Wigand Baganz


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