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Kinderfeld
Der Alte zuckte mit den Schultern, ehe ihm ein "Doch" durch seine brüchigen Lippen hindurch entfuhr. Seine Augen hatten schon lange ihren Glanz verloren und nun schaute er in seiner Kurzsichtigkeit auf den armen Jungen herunter, der so viele Fragen zu stellen hatte. Der Kleine war ein richtiger Lausebengel mit struppigem Haar und dreckiger, zerschlissener Kleidung, aber irgendwie mochte ihn der Alte.
Langsam begann es dem Alten zu dämmern. Seine Sympathie für den Jungen verblaßte, machte einer kleinen Verstimmtheit platz. Der Säer war zwar schon in die Grenzbereiche der Daseinsfrist eines Menschen gedrungen, aber dies hieß nicht, daß er sich von einem Lausebengel hochnehmen lassen mußte.
Der Alte blickte in die Richtung, in die der Junge mit seinem winzigen Zeigefinger deutete. Ja, wirklich, da waren die mächtigen Berge hinter einem bunten Streifen, der das Dorf sein mußte.
Dann lief der Kleine plötzlich davon.Verwundert sah der Alte ihm ein Weilchen nach und säte danach weiter die Samen für die kommende Ernte. Als die Sonne im Zenith stand, war für den Säer wie immer die Zeit gekommen, eine Pause einzulegen. Deshalb machte er sich auf den Weg in das Dorf. Dort würde er das Mittagsmahl zusammen mit seinem treuen Weib einnehmen und sich einen erholsamen Schlaf über die wärmsten Stunden des Tages hinweg genehmigen. Dagegen war nichts einzuwenden, hatte er doch bereits eine nicht geringe Anzahl an Samen in die Erde gebracht. Unterwegs traf er jedoch auf drei komische Gestalten, die Soldaten waren und dem alten Mann sofort sehr merkwürdig erschienen. Aber erst, als sie schon sehr nah waren, konnte er sie genau erkennen, denn, wie bereits gesagt, war der Glanz aus seinen Augen längst verschwunden und er sah zudem nicht mehr allzu klar. Einer, sicher der ranghöchste, ritt auf einem Pferd, die anderen beiden gingen nebenher und hatten ihre Mühe, Schritt zu halten. Der berittene Soldat hieß sein Roß halten und stieg zu dem Alten herab.
Dann gab er seinen beiden Untergebenen einen müden Wink und sie liquidierten den alten Mann, ohne ihr Tun zu genießen noch zu bedauern. Sich angeregt unterhaltend, setzten die Soldaten ihren Weg zum Feld fort und waren alsbald auch angekommen. Es war ein großes Feld und bestens geeignet für die so wichtige Angelegenheit. Mittendrin saß der Lausebengel und sammelte die Saatkörner aus der Erde. Die Soldaten kamen auf ihn zu und fingen ein Gespräch an.
Die Worte des Jungen wurden immer lauter, er krächzte fast nur noch, sprach nicht mehr mit seiner Stimme allein, sondern mit den Stimmen all derer, die hier bald als zusammengeschmissene Kadaverbündel unter dem Feld liegen würden, brach in ein sägendes Heulen aus, rannte stolpernd davon, fiel kurz darauf über einen Stein, blieb liegen und stand nie wieder auf. Die drei Soldaten sahen all dies mit höchstem Erstaunen und einer ungezügelten Neugier. Dann klatschte der Ranghöchste unter ihnen in die Hände und es ging an die harte Arbeit, die Verwirklichung der wichtigen Sache. Die am Pferd festgezurrten Spaten wurden verteilt und das große Graben begann. © 1999 by Arne-Wigand Baganz
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