die schlange

ich stecke in einer gruenen schlangenhaut mit braunen und gelben flecken. sie ist ganz eng und bedrueckt mich ueberall. es ist dunkel, doch weit vorn kann ich durch diese kleinen aeuglein in die welt, die sich nun langsam im herbst entblaettern wird, schauen. noch einmal traeumt die sonne mit schwaecher gewordenener strahlenkraft vom vergehenden sommer und hat die menschen aus ihren haesslichen haeusern hervorgelockt. in der luft liegt melancholische musik, getragen von trompeten und posaunen, dazwischen erklingen verhalten die toene eines schwarzen klaviers. der pianist ist blind und traegt einen hohen hut. darunter laechelt er in sich hinein. niemand kann es sehen. ich mit meinen schlangenaugen sehe es doch und bewege mich durch das noch frische laub unbemerkt durch die szenerie. die menschen haben ihre blicke fest auf die buehne gerichtet, sind ganz und gar von den klaengen gefesselt. dabei ist es doch nur so ein kleiner spuk.

[...]

wieviel zeit ist vergangen? ich habe keine antwort, die ich dir auf diese frage geben koennte. moegen es nur wenige minuten gewesen sein. ja, vielleicht. nur wenige minuten, bis ich dich sah. unerwartet. der geist zweifelt, sieht dich von weit weg, nur von hinten. es kann eine taeuschung sein, eine entsetzliche aehnlichkeit. nichts ist sicher, wenn der geist dem herzen unterliegt - dann schneit es im sommer und die blumen verschwenden ihre farbigen blueten an den winter. nichts ist sicher und doch ...

die augen haben sich geschlossen. jetzt bin ich wie der pianist. lausche nur noch der musik und dem fast unertraeglichen gebrabbel der menschen, die sich hier versammelt haben. ich versuche, die augen wieder zu oeffnen. sie wollen nicht, sind so schwer. und obwohl ich kaempfe, kann ich mich nicht bewegen. ich kaempfe, und kann mich nicht bewegen. ich kaempfe noch immer, doch kann ich mich nicht bewegen. dann loest sich ploetzlich die erstarrung im fremden koerper, ich schnelle aus dem laub hervor. jetzt muessen sie sich mich gesehen haben. sie muessten. sie haben es nicht. sie sind in ihrer musik verloren, ich schlaengele mich zwischen den vielen beinen hindurch, bis ich dich wieder erblicke. noch sind es zwei, noch ein meter, dann krieche ich dir schon durch das hosenbein an deine brust, lege meinen kopf an dein herz, hoere dieses froehliche schlagen und spuere die waerme deines koerpers. du aber spuerst mich nicht und reichst deine hand einem anderen. gemeinsam geht ihr davon.


© 2003 by Arne-Wigand Baganz


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