nihil est

tag und nacht hatte ich hesperien durchwandert und nur dieses eine ziel gekannt: den palast des juengst verstorbenen herrschers, in dessen vorhalle ich nun meine beiden beine in der fuer mich ueblichen art gestellt hatte. um mich herum reckten sich dorische saeulen bis an die mit allerlei malereien aufwaendig verzierte decke. inmitten dieser saeulen befand ich mich als weisser juengling, das goldene band auf meiner stirn, in der rechten hand den gruenen zweig, welchen ich unterwegs von einer zeder brach. sanft hatte der baum bei meiner untat geseufzt und ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte er seine getrockneten glieder wie in einer seligen umarmung um meinen koerper gelegt. bald liess er mich los, und so setzte ich meinen weg fort. die erinnerung an diese begebenheit suchte mich noch lange in meinen traeumen heim, wobei mir die zeder oft als etwas gaenzlich unbestimmbares erschien, wie ein wesen ohne form, ohne namen - ganz ohne eigenschaften, eine bloße ahnung.

in der residenz des herrschers hatte wohl niemand mit meiner baldigen ankunft gerechnet, denn eine ganze weile stand ich da allein, unbeachtet, aber auch unverrueckbar. kein jaeher wind, kein sturm haetten mich davonfegen koennen. in meinem kopf bewegten sich nur wenige gedanken, meine als ueberaus sicher erlebte bestimmung musste mich wohl von ihnen befreit haben, und so konnte ich auf den rechten augenblick warten, in dem etwas geschah.

wieviel zeit vergangen war, seitdem ich die halle betreten hatte, konnte ich nicht sagen. ploetzlich aber trat eine veraenderung ein - eine art schatten schlich um die saeulen. ich zweifelte fuer einen augenblick an meiner wahrnehmung. wie oft geschah es, dass man eines ereignisses harrte und sich das gehirn, so ungeduldig es war, ganz ungebeten in diese angelegenheit einmischte und ein ereignis schlichtweg erfand, obwohl es doch gar nicht eingetreten war.

"als unser herrscher starb, starb auch das leben in seiner residenz. seitdem ist sie verlassen. die alte ordnung ist nicht mehr. die zahllosen berater, die eifrigen diener - dunkel redet man im nachbarreich davon, dass sie allesamt ins meer gegangen seien. was bleibt, sind nur einige mauern, saeulen, draußen der erst vor wenigen jahren angelegte weite garten. in einigen jahrhunderten wird dies alles vergessen sein, hier gibt es nichts mehr zu holen. aber du, hast du nicht ein goldstueck fuer mich?".

der dies zu mir gesprochen hatte, war der zu einem bettler gewordene schatten, der sich nun doch als wirklichkeit manifestiert hatte. ich schuettelte meinen kopf, drueckte dem bettler jedoch behutsam den zedernzweig, den ich bis dahin noch immer gehalten hatte, in seine haende. da blitzten seine augen fuer eine bruchsekunde auf und fast nahmen seine lippen die wohlbekannte form eines laechelns ein. stumm, wie auch ich es geworden war, nickte er mir dankend zu, wobei sich seine augen schlossen. dann ging er fort, verschwand schleppend zwischen den saeulen.

mein eintreffen hatte sich nun ganz anders als in meinen erwartungen gestaltet, je mehr ich jedoch meine gedanken um diesen umstand kreisen liess, um so blasser erschien mir mein frueheres vorhaben, bis ich letztlich nichts mehr wusste. so sehr ich mich bemuehte, es waren nur dieses schweigen und diese friedliche leere in mir, die sich wohl schon beim eintreten in die halle meiner bemaechtigt hatten.

was mich in den palast bewegte - es muss sich dabei um den klaren fluss des seins gehandelt haben, den wir menschen immer nur in den stillsten momenten gleich neben dem aufmuepfigen schlag unseres herzens wahrnehmen. durch saele und weite flure, treppen hinauf und hinab lenkten die schritte meinen koerper, bis ich nach dem verstreichen einer moeglicherweise laengeren zeit vor einem streng und dennoch kaum geschmueckten altar zum stehen kam. auf diesem lag ein in leder gebundenes buechlein. als ich es aufschlug, waren die seiten weiss und ich legte es wieder vorsichtig an seinen platz - um keinen aerger zu erregen; und da drehte ich mich etwas rascher um, weil ich ploetzlich befuerchtete, dass mich etwas beim betrachten der weissen seiten beobachtet haben koennte. ich blickte jedoch nur in den leeren saal, der mir nun viel heller als zuvor erschien - so, als haette sich eine kleine sonne in ihm ihren platz gesucht.

in der mitte des saales gewahrte ich einen laenglichen, blank geschliffenen marmorblock, auf dessen weisser oberflaeche sich kurz ein rabe zeigte und der dann wie in einem unergruendbaren schrecken davonflog. ein weilchen hoerte ich noch sein flattern, er mochte wohl in seiner flucht gegen die ein oder andere saeule, die sich ihm in den weg stellte, stoßen. waehrend meine gedanken dem raben ein stueckchen hinterherflogen, wurde es in dem saal stetig heller, so dass ich bald gezwungen war, meine augen zusammenzukneifen, um nicht in fuerchterlichen schmerzen zu erblinden. aber da gewoehnten sich die augen an dieses strahlen und eine eingebung verriet mir, dass ich im goldenen licht der ewigkeit stand, denn ich spuerte, wie seine waerme durch den raum drang, wie sie auch mich ergriff und sich alle formen aufloesten. als koerperloses wohlgefuehl schwebte ich einige zeitlose zeiten durch den raum, dann fanden die formen zu ihrer alten ordnung und ich sank mit dem ruecken auf den marmorblock.

am naechsten morgen besuchte mich erneut der bettler. er schleppte meinen leichnam hinaus in den garten, wo er ihn in ein bereits in der nacht ausgehobenes loch warf, das er dann geschwind mit erde fuellte und ueberhaeufte. bevor er die staette verließ, setzte er den zedernzweig in den huegel. er schlug bald wurzeln.

als zeder wird man sich meiner erinnern.


© 2005 by Arne-Wigand Baganz


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