In "Combray" schildert Marcel Proust die Jugendzeit des kleinen
Marcel in der französischen Kleinstadt Combray und gibt dabei vor allem ein
sehr detailliertes Bild des ihn umgebenden sozialen Milieus, der
gehobeneren Schicht, mit all seinen versteiften, oft gegen die
Menschlichkeit gewandten Umgangsformen ab. Der Marcel der Geschichte ist
dabei trotz seiner Namensgleichheit und der Ich-Perspektive des Werkes
nicht mit der Person des Schriftstellers Proust identisch, aber dennoch auf
das innigste mit ihm verwoben.
Aufgrund seiner übertrieben ausführlichen Schilderungen lässt sich das Buch
noch klar in die Nähe der durch seine Werke wenig überzeugenden Epoche des
Naturalismus stellen, auch wenn sich das Buch durch seine damals neuartig
gestaltete Erzählweise von ihr abhebt.
Ein Beispiel für den großen Raum, den selbst die belanglosesten
Belanglosigkeiten einnehmen dürfen, sind gleich die ersten 50 Seiten von
"Combray", auf denen Proust schildert, wie der kleine Marcel der
Mutter einen Gute-Nacht-Kuss abringen möchte (diese Schilderung mag man als
Leser noch mit dem Wort akzeptieren, dass das alles ja "ganz süß"
gewesen sei); es folgen breit angelegte Berichte über den ersten Löffel
Tee, die Beschaffenheit der Stadtkirche und der ländlichen Botanik usw.
usf.
Es fällt einem beim Lesen schwer, den Worten beständig zu folgen. Allzuoft
gleitet man in Gedanken ab, dann fliegen die Augen nur noch über die
langen, meist absatzlosen Seiten, bis man wieder zum Text findet.
"Bei diesen Träumen wurde mir klar, dass ich eines Tages
Schriftsteller werden wollte und dass es Zeit sei, zu wissen, was ich zu
schreiben beabsichtigte. Aber sobald ich mich danach fragte und versuchte,
einen Gegenstand zu finden, dem ich eine allumfassende philosophische
Ausdeutung geben könnte, hörte mein Geist zu arbeiten auf, ich fand mich
einer Art von Leere gegenüber, ich fühlte, dass ich kein Genie besaß, oder
hatte die Vorstellung, dass vielleicht eine Krankheit meines Gehirns es
nicht aufkommen liess."
Wenn ich sage, dass mindestens ein Drittel dieses Buches überflüssiger
Ballast ist, dann ist dies noch eine vorsichtige Schätzung. Dennoch gibt es
Gründe, warum man "Combray" lesen sollte. Marcel Proust verfügte
über einen sehr fein ausgebildeten Sprachsinn, seine vielfach
verschachtelten und oft von Poesie verzierten Satzkonstruktionen vermögen
einen trotz der zahlreichen Stellen, die man am liebsten überfliegen
möchte, immer wieder zum Weiterlesen zu motivieren.
Marcel Proust ist das Paradebeispiel eines vom Wohlstand durch und durch
gesättigten Literaten, eines Menschen, der ein finanziell immer
wohlbehütetes Leben führen konnte und der sich durch seine langatmigen
Werke der ausgiebigen Betrachtung auch von Nebensächlichkeiten, die nur das
Ergebnis einer tödlichen Langeweile, einer mangelnden Gerichtetheit des
eigenen Lebens, sein konnten, einen Namen in der Literaturgeschichte
verschafft hat, weil er sein Schaffen mit all seinen Eigenheiten in dem
Werk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zur Perfektion
getrieben hat.
Es ist gut und vor allem eine Erfahrung, Proust kennenzulernen, schwerer ist es jedoch, ihn auch noch zu lieben.