Hoppla! ein früher Bernhard. "Frost" heisst er und ist der erste
Roman des Autors. Worum geht es? Da ist der Ich-Erzähler, ein junger
Famulant, der den Auftrag hat, den Maler Strauch, der in einem
österreichischen Bergkaff in einem Wirtshaus lebt, zu beobachten. Diese Beobachtungen und einige abschließende Briefe machen den Inhalt des
Buches aus. Leider merkt man allzudeutlich, dass "Frost" ein
sogenanntes Frühwerk ist. Es geht um alles und nichts - vielleicht um
möglichst viel, was sich bis zum Zeitpunkt des Schreibens in Bernhards Kopf
an Gedanken angesammelt hat. Das ist oft geistbewegend zu lesen, doch
vermisst man die klare Linie, die chirurgische Präzision, für die man
spätere bernhardsche Meisterwerke wie "Holzfällen" und
"Auslöschung" lieben muss.
Was "Frost" ist, stellt Bernhard selber fest: Gedankenfetzen. "Was fange ich mit seinen Gedankenfetzen an? [...] Wie aufschreiben?
Was für Notizen? Bis wohin denn Schematisches, systematisch? Diese
Ausbrüche kommen auf mich herunter wie Felsstürze". So ein Gedankenfetzen ist zum Beispiel: "Ich investierte noch in die Menschen, als ich schon wußte, daß sie
mich hintergehen, längst wußte, daß sie es darauf abgesehen haben, mich zu
töten" oder "Der Antrieb der Natur ist verbrecherisch, und sich darauf berufen ist
eine Ausrede, wie alles nur eine Ausrede ist, was Menschen anrühren". Bernhard weiss zu deprimieren: "Der Mensch ist eine ideale Hölle für die Menschen". Auch der Hass auf das Weibliche kommt nicht zu kurz: "Das Weibliche ist von Natur aus verräterisch. Es untergräbt und
unterminiert. Ist Gift für den männlichen Geist, für den Geist überhaupt,
für das Männliche. [...] Wissenschaftlich betrachtet stellt die Frau die
Verhöhnung des Mannes dar". Das kann man alles gut und gern lesen, durch ihr recht loses
Aneinandergereihtsein werden die Fetzen jedoch gerade zum Ende des Buches
hin ein wenig anstrengend, eine Aphorismensammlung hätte es hier wohl auch
getan ---