Neue arabische Lyrik - herausgegeben und übersetzt von Suleman Taufiq. 47
zeitgenössische Dichter aus 15 arabischen Staaten auf 238 Seiten, mit
Kurzbiographien und einem erläuterndem Nachwort. Letzteres spricht unter
anderem von der Stellung der Lyrik in den arabischen Ländern. Sie soll dort
eine große Breitenwirkung besitzen, manchmal gar ganze Fußballstadien mit
Zuhörern füllen; Dichter besitzen in der arabischen Gesellschaft ein hohes
Ansehen. Und weil dem so ist, lebt der arabische Dichter in seiner Heimat
gefährlich. Seine Werke fallen oft der Zensur zum Opfer, nicht nur wegen
von den Herrschern ungern gesehener politischer Äußerungen, sondern gerade
auch aufgrund zu freizügig geschilderter Erotik. Viele arabische Dichter
leben deshalb im europäischen Exil, wo ihre Sprache frei sein kann.
Welche Sprache hört man nun von diesen arabischen Dichtern, die in Taufiqs
Sammelband zusammengetragen worden sind? Es ist eine Sprache, die mit der
geschichtlichen Tradition bricht und sich aus dem jahrhundertealten
erstickenden Korsett der Religion befreien möchte, um endlich wie ein
freier Mensch atmen zu können. Aber der freie Mensch ist eine Illusion, und
die Richtung, in welche die Dichter der Sammlung stoßen, ist das längst
abgewirtschaftete Abendland und seine kulturlose Reinform. Deswegen ist es
nicht verwunderlich, wenn ein großer Teil der Gedichte dem typischen
Alltagsgesülze der Pop-Beat-wie-auch-immer-Literatur mit leicht geänderter
Einfärbung sehr nahe kommt. Diese Einfärbung besteht aus ein bisschen
Verschleierung, Stacheldraht, Blutvergießen usw.
Trotzdem gibt es ein paar Gedichte, die aus der Vielzahl als leuchtende
Sterne hervortreten. Einige seien hier auszugartig vorgestellt:
"Erzählung:
Man erzählt von einem, der sein Gedächtnis verlor.
Er wurde in eine Heilanstalt gebracht.
Ein Grashalm sagte:
»Er ist das Wasser.«
Das Wasser sagte:
»Er ist die Wolke.«
Die Wolke sagte:
»Er ist der Wind.«
Der Wind sagte:
»Er ist das Meer.«
Das Meer sagte:
»Er ist das Salz und die Tiefe.«
Der Mann notierte sein Gedächtnis
und hängte es an die Wand des kleinen Zimmers.
Der Aufseher schrieb in eine gelbe Akte:
»Es wurde bewiesen, dass der Kranke verrückt ist.«"
Mohamed Abid Al-Harbi,
Auszug aus: Träume des verlorenen Gedächtnisses
"Ich tötete meinen Vater
in dieser Nacht [...]
Ich begrub meinen Vater
in einer schönen Muschel
und warf sie in den tiefen Ozean.
Aber er entdeckte mich
unter dem Bett versteckt,
zitternd
vor Angst und Einsamkeit"
Maram Al-Masri,
Auszug aus: Rote Kirche auf weißem Marmor
"Wirf Dein Brot nicht den Vögeln und nicht den Heiligen zu
sondern in die Öffnung des Abgrundes,
als Futter für seine treuen Geschöpfe."
Saif Al-Rahbi,
Auszug aus: Einmal
"Was soll das?
Du sprangst im Nachthemd aus dem zwölften Stock.
Was soll das?
Du schautest durch alle Fenster
in die Betten der Menschen und ihre Schlafzimmer,
Stock um Stock, Stock um Stock.
Was soll das?
Du sahst ihre Sorgen,
die Angst in ihren Augen,
die Hemden und Hosen,
die leblosen Nachthemden in den Spiegeln,
die Leichen, die auf den Matratzen lagen.
Was soll das?"
Saadani Salamoni,
Auszug aus: Bist du angekommen
"Als der Himmel uns noch nah war,
berührten wir ihn mit unseren Händen.
Wir pflückten einen Stern
und liefen hinter der Morgenwolke her [...]
Als der Himmel uns noch nah war,
beteten wir nicht,
wir verneigten uns nicht,
wir hüpften wie Schmetterlinge"
Abdo Wazin, Auszug aus: Ewigkeit
Neue arabische Lyrik
Suleman Taufig, Hrsg.
Deutscher Taschenbuch Verlag
238 S., € 9,-
ISBN 3-423-13262-0