Gustavo Adolfo Bécquer (1836-70) ist einer der bekanntesten spanischen Dichter der Spätromantik. Sein Grundmotiv ist das der verzweifelten (idealischen) Liebe. Bécquer bedient sich einer einfachen Sprache - ich habe im folgenden versucht, einige seiner Werke ins Deutsche zu übertragen.


LXXXV

Es könnte die Sonne sich ewig bewölken;
Es könnte das Meer austrocknen in einem Augenblick;
Es könnte die Achse der Erde zerbrechen
     Wie ein schwacher Kristall.

Alles könnte geschehen! Es könnte der Tod
Mich bedecken mit seinem Leichentuch;
Aber niemals könnte in mir die Flamme
     Deiner Liebe verlöschen.


VI

Wie die Brise, welche das Blut auslüftet
Über dem dunklen Schlachtfeld,
Beladen mit Gerüchen und Harmonien
Im Schweigen der schwerfälligen Nacht;

Symbol des Schmerzes und der Zärtlichkeit,
Am englischen Barden im schrecklichen Drama
Die sanfte Ophelia verstandesverlustig
Blumen pflückend und singend vorbeigeht.


XIII

Deine Pupille ist blau, und wenn Du lachst
Erinnert mich ihre sanfte Klarheit
An den zitternden Glanz des Morgens,
     Der im Meer widerscheint.

Deine Pupille ist blau, und wenn Du weinst
Bilden die durchsichtigen Tränen in ihr
Tropfen von Tau
     Auf einem Veilchen.

Deine Pupille ist blau, und wenn auf ihrem Grund
Eine Idee wie ein Lichtpunkt ausstrahlt
Erscheint mir im Abendhimmel
     Ein verlorener Stern!


XX

Was ist Poesie? - sagst Du während in meine
Pupille Du eindringst mit Deiner blauen.
Was ist Poesie? Und das fragst Du mich?
Poesie... bist Du.


XLI

Du bist der Hurrikan und ich der hohe
Turm, der seiner Macht misstraut:
Du musstest mich zerschmettern oder niederreissen!...
Es konnte nicht sein!

Du warst der Ozean und ich der steil aufragende
Felsen, der Deines Auf und Ab standhaft harrte,
Du musstest Dich entzweien oder auf mich losbrausen!...
Es konnte nicht sein!

Du schön, hochmütig ich; der eine daran gewöhnt,
sich fortzuwälzen, der andere daran, nicht nachzugeben,
der Pfad verengt, unvermeidbar der Schock...
Es konnte nicht sein!

LXXXI

Es ist der Tagesanbruch ein Schatten
Deines Lachens
Und ein Strahl Deiner Augen
Das Licht des Tages;
Aber Deine Seele
Ist die Winternacht
Schwarz und eisig.


XXXVIII

Die Seufzer sind Luft - und gehen in die Luft.
Die Tränen sind Wasser - und gehen in das Meer.
Sag mir, Frau: Wenn die Liebe sich vergisst,
Weisst Du, wohin sie geht?


XVII

Heute lachen mir Erde und Himmel;
Heute kommt die Sonne aus der Tiefe meiner Seele;
Heute habe ich sie gesehen... ich habe sie gesehen und sie hat mich
      angeschaut.
Heute glaube ich an Gott!


XXIII

Für einen Blick - eine Welt,
Für ein Lachen - einen Himmel,
Für einen Kuss... Ich weiss nicht,
Was ich Dir für einen Kuss gäbe!


[Zum Anfang]


© 2005 by Arne-Wigand Baganz



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