daheim (1956)

diese blutlosen tage im winter. bleich sitzt mein kopf auf dem bleichen koerper, der wird vom ledernen sessel getragen. derer so viele stehen in meiner wohnung. oft auf ihnen auch gaeste sitzen, knarren. heute nicht, da sitz´ ich allein, die japanische rolle an der wand betrachtend. allzuoft beschaute zeichnung, doch stets neues sagend. die leichten pinselstriche immer wieder tanzen. schwarz. hinter den augen. die vorliebe fuers ost-asiatische nie aufgegeben – habe ich. sollen sie es in duesterem unverstaendnis belaecheln... konfuzius und ich: laecheln zurueck.

zu beiden seiten meines koerpers droht eine buecherwand, schweigende gesichter. bedruckte ruecken. dreieinhalbtausend zu erweckende seelen in der ganzen wohnung, wollen gegriffen werden, manchmal. meist stehend gluecklich. in ihnen: leben, mein leben, so vieles.

rot zieht sich eine reihe lenin von holz zu holz. symbol des – werweiß. nur meiner zeit? noch ist sie nicht gegangen, nicht gekommen, will auch nicht bleiben. lenin, ja, schiller, enzyklopaedien, – zugestanden – kriminalromane in englischer sprache, muss mich nicht schaemen. ist die welt groeßer als die norm. auch die herald tribune ordentlich gefaltet auf dem nachtschrank liegt. jemand bringt sie mir mit, von drueben, schon heimlich.

frueh begann der morgen. die wahl der schreibmaschine. diese oder jene. einige saetze aufs papier gehackt. ganz weiss muss es sein, dass sich meine spuren von ihm abheben. schwarz. die seiten untergebracht in den manuskript-schraenken. irgendwo, jemand wird sie finden, wenn es zeit ist. zeit.

sehe ich sie heute? wohl nicht. es ist die wievielte zigarre, die diesen gedanken nicht verscheucht, asche faellt auf jeden tisch in die silbernen teller. vielleicht bald wieder ein zettel durch den tuerspalt geschoben wird, von ihr. oder soll ich?

manchmal pantoffeln fegen ueber die dielen. sind meine, wenn ich suche: etwas. bleibe auch stehen vor dem fenster, blicke hinaus. fichte und hegel, die großen geister, dort drueben liegen, verharrend, stumm haben sie ewigen frieden – wird bald ein neuer krieg? eingebungen daraus erwachsen. diese, jene. fliegend, verfliegend. der drang, sie aufzuschreiben – der drang, sie dunklem vergessen zu opfern. immer gebe ich nach, einem von beiden. so blutlos dieser tag im winter, doch ruft die welt.

muetze und stock.


© 2006 by Arne-Wigand Baganz


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