Um Russland zu verstehen, muss man seine Vergangenheit kennen, denn wie
kaum ein anderes Land ist Russland von seiner eigenen Geschichte bestimmt –
oder mehr noch: in ihr wie in einer Falle gefangen. Die russischen Regime
wechseln sich seit Jahrhunderten ab wie ihre Führer, aber im Kern macht es
meist wenig Unterschied, ob Iwan der Schreckliche, Peter der Große, Stalin
oder Putin an der Macht ist oder wie sich das russische Imperium gerade
offiziell nennt und welche Maske es sich aufgesetzt hat, um uns zu
verwirren: Es ist und bleibt das gleiche aggressiv-expansionistische
Projekt, das sich auf Gewalt stützt und Gewalt ausübt, innerhalb wie
außerhalb seiner offiziellen Grenzen. Der ultranationalistische Spruch «Im Himmel ist Gott – und auf der Erde Russland» gibt das messianische Selbstverständnis einiger Russen erschreckend
deutlich wieder. Nichts weniger als die Weltherrschaft wird angestrebt –
und wenn man doch Abstriche machen muss, dann würde man sich vielleicht
auch mit einem russischen Reich, das nur von Lissabon bis Wladiwostok
reicht, begnügen. Vorerst, versteht sich.
Angriffskriege und Völkermorde
Der Überfall Russlands auf die Ukraine ist keine Abirrung, sondern der
Regelfall. In ihm zeigt sich glasklar, was Russland wirklich ist und was
wir auch in Zukunft von ihm zu erwarten haben, wenn es nicht
entkolonialisiert wird und damit aufhört, ein Imperium zu sein, denn seine
imperiale Gestalt begründet den russischen Teufelskreislauf, den wir seit
Jahrhunderten beobachten können; auch ein Nawalny, der seine politische
Karriere als russischer Nationalist begann, würde daran nichts ändern
können, man müsste vielleicht sogar befürchten, dass er anfangs sogar ein
wenig effektiver als Putin und damit noch gefährlicher regieren würde …
Das Wort der Nation – Vorbild für Putin?
Ein interessanter Beleg für die historische Kontinuität imperialen
Gedankenguts ist ein bereits 1971 anonym im sowjetischen Samisdat-Journal
«Wetsche» (Nr. 3) erschienener Artikel, der «Das Wort der Nation» überschrieben und mit «Russische Patrioten» unterschrieben ist. Wir sehen gleich in dem ausführlichen Zitat: Es war
alles bereits vorgeformt, ja, es liest sich geradezu wie ein Rezept für
Putin, das er nur noch befolgen musste. Es gibt sogar einen Anklang an
“Putins” Partei «Einiges Russland», wenn es im Text heisst:
«Unsere Losung ist: Ein einiges und unteilbares Russland».
Die russische Freude an der Verstümmelung der Ukraine ist also keine
frische Erscheinung, sondern schon sehr alt und muffig.
Was soll nun nach Meinung des anonymen Autors mit der Ukraine passieren,
sollte sie einmal nicht mehr Teil der Sowjetunion sein? Seine Vorstellungen
dazu sind sehr klar:
Zitat: Wie Sie wissen, gibt es in der Ukraine eine starke nationalistische Bewegung. Sie hat jedoch völlig unrealistische Ziele. Sollte sich die Frage der eigenständigen Existenz der Ukraine wirklich stellen, so würde dies unweigerlich eine Revision ihrer Grenzen erfordern.
Die Ukraine müsste folgendes abtreten:
a) die Krim,
b) die Regionen Charkiw*, Donezk, Luhansk und Saporischschja mit überwiegend russischer Bevölkerung,
c) die Regionen Odessa, Mykolajiw, Cherson, Dnipro und Sumy, deren Bevölkerung durch die historischen Bemühungen des russischen Staates ausreichend russifiziert und absorbiert worden ist.
Die Ukrainer sollen dann mal sehen, was sie mit dem verbleibenden Teil ihres Landes ohne Zugang zum Meer und ohne die wichtigsten Industriegebiete noch anfangen können. Sie sollten auch über die Ansprüche nachdenken, welche die Polen in den westlichen Regionen erheben können, deren Bevölkerung polonophil eingestellt ist.
Das Ergebnis kann unserer Meinung nach nur die Rückkehr des verlorenen Sohnes sein.
Die Verachtung, die in diesem Zitat für die Ukrainer und ihr Land offen
geäußert wird, lässt einen schaudern. In ihm sehen wir das ungeschminkte
Kolonialgesicht des russischen Imperiums: Einen landraubenden Oktopus.
Dass wir nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht genug getan haben, um
Russland einzudämmen und Länder wie Moldau, Tschetschenien, Georgien,
Syrien und die Ukraine vor ihm zu schützen, müssen wir uns vorwerfen
lassen: Manche Verantwortliche wie Gerhard Schröder, Angela Merkel oder
Barack Obama jedoch mehr als andere.
Über die «Wetsche»
Das nationalistische Samisdat-Journal «Wetsche» (Volksversammlung) wurde von Wladimir Ossipow von 1971 bis 1974
herausgegeben. Die Gründung hatte Ossipow bei den Behörden angemeldet, sein
Name und seine Anschrift fanden sich auf dem Journal, was für die damalige
Zeit sehr ungewöhnlich war, schließlich gab es in der Sowjetunion weder
eine Meinungs- noch Pressefreiheit und man musste mit harten Strafen
rechnen, wenn man öffentlich von der erlaubten Parteilinie abwich.
Wladimir Ossipow wurde in Slanzy (Leningrader Gebiet, Sowjetunion) im Jahre
1938 geboren und konvertierte während seiner politischen Gefangenschaft in
den 1960er Jahren zum orthodoxen Glauben und schloss sich dem sogenannten
Slawophilentum an.
Neun Ausgaben der Wetsche erschienen unter seiner Redaktion. Im November
1974, nachdem er sich von der Wetsche getrennt und mit «Zemlja» (Erde)
einen neuen publizistischen Versuch unternommen hatte, wurde Ossipow erneut
verhaftet. 1982 wurde er entlassen und befand sich noch bis 1985 unter
Beobachtung der sowjetischen Behörden.
Der Historiker Peter J. S. Duncan schließt in seinem Artikel «The Fate of Russian Nationalism: The Samizdat Journal Veche Revisited» (1988) aus dem Umstand, dass andere politisch vom Sowjetregime unabhängig
agierende Journale wie «Chronik aktueller Ereignisse» und «Ukrainischer Herold» in der gleichen Periode verboten worden sind, dass Ossipows «Wetsche» “von
oben”, also von einer oder mehreren Personen im sowjetischen Machtapparat,
beschützt worden sein muss.
Ossipow starb am 20. Oktober 2020 in Moskau. Er war am Tag zuvor mit
Symptomen des Coronavirus in ein Moskauer Krankenhaus eingeliefert worden.
Der anonym erschienene Artikel, den ich oben zitiert habe, wird von
Barbakadse, dem Autor der «Anthologie des Samisdats» (Moskau, 2005), in dem er nachgedruckt wurde, Anatoli Iwanow-Skuratow
zugeschrieben.
* ukrainische Toponyme habe ich in der ukrainischen Variante übersetzt; im
Original erscheinen sie natürlich auf Russisch
