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John Henry Mackay – Der Puppenjunge (Rezension)

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Der Puppenjunge (1926)

Eine Weimarer Geschichte zwischen Obsession und Elend

Das Cover von John Henry Mackays “Der Puppenjunge. Die Geschichte einer namenlosen Liebe aus der Friedrichstraße” (1926, Wiederveröffentlichung: 2022) zeigt uns den Rücken eines athletischen jungen Mannes in blauer Latzhose, grünem Muscle-Shirt und einer noch etwas hellgrüner gefärbten Mütze. Das Gesicht sehen wir nicht, es ist dem Panopticum in der Berliner Friedrichstraße zugewandt, einem imposanten, nur in Schwarz-Weiß abgebildeten Gebäude, das den Zweiten Weltkrieg nicht überstand. Die Hände hat der junge Mann, er steht hier stellvertretend für die Figur des 15-jährigen Günther, zu beiden Seiten herausfordernd in die Hüften gestemmt. In Mackays Roman ist Günther ein Ausreißer aus der Provinz, der aus schwierigen Verhältnissen stammt und auch im Verlauf der Erzählung darin verbleibt. Kaum ist er in Berlin angekommen, schlittert er bereits in die Prostitution, die ihn fortan ernähren wird, dabei hatte er zuerst nur seinen Kumpel aus der Heimat ausfindig machen wollen, um sich ihm anzuschließen. Dieser Kumpel hatte Günther zuvor von seinem aufregenden Leben in der Hauptstadt einiges vorgeschwärmt, jedoch nicht alle Details offenbart. Günther, der anfangs ohne Ankerpunkt durch Berlin treibt, nicht zurück nach Hause will und noch nicht weiß, wie er in der Hauptstadt überleben soll, versteht nach einigem Wundern und Rätseln, was es mit dem sonderbaren Betrieb auf der Friedrichstraße, wo er herumirrt, auf sich hat: Junge Männer stehen dort aufgereiht und warten, ältere Männer schleichen an ihnen vorbei, mustern sie, laufen ihnen nach, wenn sie sich wie auf ein geheimes Zeichen von ihrem Platz fortbewegen, sprechen sie an:

Zitat:

Was hatte er [der Kumpel] gesagt? – Daß man in Berlin Geld, viel Geld verdienen könne. Aber womit? – Mit welcher Arbeit? – Und wo fand man die? – Und warum fanden grade hübsche Jungens (wie er doch einer sein sollte) eher Arbeit als andere? Er verstand es nicht. Nein, er verstand es nicht.


John Henry Mackay (1864–1933), der als Vertreter eines individuellen Anarchismus heute bekannter sein dürfte denn als Romancier, hat mit “Der Puppenjunge” einen Roman geschaffen, welcher der Neuen Sachlichkeit zugeordnet werden kann; stellenweise wirkt er so unaufgeregt und nüchtern wie ein Text Hans Falladas, er kann sich aber des kritischen Sozialkommentars nicht immer enthalten. Das gehört gewissermaßen zum Stil von Mackay, der den Roman damals in den “Goldenen Zwanzigern” wegen der brisanten Thematik nur unter Pseudonym (Sagitta) veröffentlichte. Der Roman ist in seinen gelungeneren Teilen eine scharf gezeichnete Milieustudie und lebendige Schilderung der damaligen Zeit.

Bürgerliche Einsamkeit und das Überleben auf der Straße
Der Buchhändler Hermann Graff ist das erzählerische Gegenstück zu Günther, den wir oben schon kurz kennengelernt haben: Er soll Anfang zwanzig, vielleicht 22 oder 23 Jahre alt sein, ganz sicher ist sich Mackay nicht – und es kommt, wie es in so einem Buch kommen muss: er “verliebt” sich in den Fünfzehnjährigen, kaum dass er ihn erblickt hat. Mackay möchte seine Leser anschließend vielleicht glauben machen, dass dieser Hermann Graff nur ein Opfer der vorurteilsbehafteten Gesellschaft ist, in welcher er leben muss, aber er ist vor allem ein von Einsamkeit gezeichneter Protagonist, der neben seiner Arbeit offenbar nur seine erotischen Projektionen hat, die sich über ein Jahr auf den deutlich jüngeren Günther beziehen. Mackay selbst kennzeichnet Graff wie folgt:

Zitat:

Er war ein sehr ernster, sehr einsamer und ganz in sich gekehrter Mensch, der sich nur schwer an Andere anschloß.


Das Motiv des verlockten Provinzjungen bedient in Mackays Text eine fast mythische Struktur, wie man sie ähnlich aus der Krabat-Sage kennt: Ein entwurzelter, mittelloser Heranwachsender wird von den Verheißungen eines besseren Lebens an einen düsteren Ort gelockt – dort wie hier, im Puppenjungen-Roman, bedeutet der scheinbare Zufluchtsort jedoch nichts anderes als die schrittweise Unterwerfung unter ein unerbittliches System der Ausbeutung, in dem die eigene Unschuld als Währung dient und schrittweise geopfert wird, bis kaum noch persönliche Substanz übrig bleibt.

Einweihung in ein Geheimnis
Recht früh im Roman hat Günther sein erstes erotisches Berliner “Erlebnis”, es ist quasi die Einweihung in das große Geheimnis, das ihm sein Kumpel verborgen hatte, das “Verstehen”, um das er weiter oben noch ein wenig gerungen hatte:

Zitat:

Als er eine halbe Stunde später (allein, denn ›der Herr‹ war noch oben geblieben) mit seinen zehn Mark in der Tasche wieder auf der Straße stand, hätte er am liebsten herausgelacht vor lauter Freude. Vor Erleichterung und vor Freude. Wenn es weiter Nichts war! – Das hatte der Pfarrer auf ihrem Dorfe auch mit ihnen gemacht, nur war der nicht freundlich, sondern grob und roh gewesen und hatte ihnen nur ein paar Äpfel aus seinem Garten gegeben. Damit also konnte man Geld verdienen! – Und er hatte einen Augenblick auf der Treppe gedacht, er solle ermordet werden …


Auch in “Der Schwimmer” (1901) hat Mackay einen Protagonisten, der von existenzieller Einsamkeit geplagt wird, erzählerisch dargestellt: den jungen Franz Felder. Diese Einsamkeit bildet also ein wiederkehrendes, vielleicht sogar durchgängiges Thema, das durchaus autobiographischen Ursprung haben dürfte, wie vermutlich auch die Geschichte des Puppenjungen, wobei man sich Mackay, so, wie er Partei für ihn ergreift, in der Position des Herrn Graff denken kann. Obwohl dieser Herr Graff nach Aussage seines Schöpfers noch sehr jung sein soll, agiert er moralisch, sozial und intellektuell wie ein gesetzter bürgerlicher Mann – das verwundert sicherlich weniger, wenn man weiß, dass Mackay selbst bereits über 60 Jahre alt war, als er seine Geschichte veröffentlichte …

Viel Raum für Deutungen bleibt nicht: John Henry Mackay versucht, die Verbindung zwischen Graff und Günther als eine verfeinerte, fast tragische Romanze zu zeichnen, doch der Text selbst unterläuft diesen Versuch durch die Härte der geschilderten sozialen Realität. Die große Frage, die dabei stehen bleibt, ist: Warum hat das der Autor nicht selber sehen können – oder wollen?

Der Fluch der Didaktik
Ab etwa der 60%-Marke wird der Roman ermüdend, überbordend emotional, beinahe weinerlich, um als kaum mehr literarisch kaschiertes Traktat zu enden, als eine Apologie, wodurch der Text ins unfreiwillig Komische driftet. In “Der Freiheitsucher. Psychologie einer Entwicklung” (1920) hat Mackay dieses eigensinnige Verfahren sogar und bereits noch weiter getrieben. Dieses frühere Werk fängt wie eine Autobiographie an und verwandelt sich dann recht bald in ein ermüdendes Erleuchtungspamphlet, das ganz blind vor lauter Selbstblendung ist. Möglich, dass Mackay diese Zügel- und Disziplinlosigkeit als Realisierung seiner persönlichen Freiheit gefeiert hat – seinen Werken und Lesern hat er damit keinen besonders guten Dienst erwiesen.

In den “theoretischen” Passagen seines Buches trennt Mackay die “Knabenliebe” scharf von der Homosexualität, weil er das Begehren zwischen erwachsenen Männern ablehnt oder zumindest herablassend darauf herabblickt – ihm fehlt darin die “reizende” Dynamik des Altersunterschieds. Mackay hat in diesen Passagen versucht, das Bestreben der damaligen Bewegung um Magnus Hirschfeld und das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee zu unterlaufen und umzukehren, wodurch er an zwei Fronten gleichzeitig kämpfte: sowohl gegen die repressive bürgerlich-christliche Moral und Justiz seiner Zeit als auch gegen die beginnende Homosexuellen-Emanzipation, die für seine eigenen, besonderen Neigungen schlicht nicht passgenau war.

Eine quälende Geschichte
Eigentlich weiß Graff, dass seine “Liebe” eine unpassende, vor allem quälende Geschichte ist; die beiden Parteien haben keine gemeinsamen Themen, keine geteilten Interessen, der Junge lässt sich treiben, er verschwendet das Geld, kaum dass er es eingenommen hat, lässt sich auch von Gleichaltrigen ausnutzen, er ist stumpf wie eine Papierschere, wird geschildert, als hätte er keine eigenen Neigungen.
Der Günther des Romans gehört der entwurzelten Generation nach dem Ersten Weltkrieg an, jener Kohorte junger Männer, die nur ein paar Jahre zuvor einem Serienmörder wie Fritz Haarmann in Hannover schutzlos in die Fänge geriet – und der seine Opfer auch “Puppenjungen” nannte … Es ist die Tragödie einer Jugend, die versucht, aus dem eigenen Körper Kapital zu schlagen, weil sie schlicht nichts anderes Verwertbares besitzt. Auch heute sehen wir eine vergleichbare Art der Selbstausbeutung, sie hat sich jedoch weitgehend in das Digitale und nicht-öffentliche Räume verlagert.
Was für eine Liebe soll das am Ende also sein, in der die zwei Seelen, die in ihr vereinigt sein müssten, gar nicht miteinander sprechen, in der es nur Monologe des materiell besser Gestellten gibt? Nein, man kann es gerechtfertigterweise nicht Liebe nennen, vielleicht ist “obsessive Begierde” schlicht der passendere Begriff.

Dass Graff diese zwischenmenschliche Sprachlosigkeit schlichtweg ignorieren muss, zeigt sich übrigens bereits an der Art, wie er über Günthers Erwerb nachdenkt. Wo der Junge “lediglich” pragmatisch den Regeln einer kalten Ökonomie des Überlebens folgt, verfällt der sonst sehr ordentlich lebende Buchhändler in bürgerliches Kopfschütteln:

Zitat:

Daß Augen, so klar in gewissen Augenblicken; Lippen, so kindlich; Worte, so treuherzig, so trügen konnten! – Wie war es möglich, sich hinzugeben für – Geld. Denn Geld war es doch, um das er sich und seinen Körper verkaufte. Gewiß, es ging ihm schlecht. Aber mußte der Abscheu nicht größer sein als aller Hunger? – Er verstand es nicht.


Graff versteht es nicht, weil er es ebenso wenig wie sein Schöpfer verstehen will. Mackay reflektiert diesen Widerspruch nicht, kommt nicht über ihn hinaus zu gesünderen Schlussfolgerungen. Ihm geht es um den Nachweis der “Natürlichkeit“ dieser Form der “Liebe”, die, wie bereits gesagt, ein einseitiges Begehren ist und bleiben muss, – und um die Behauptung einer romantischen Tragödie, wo in Wahrheit nur ein verdinglichtes Machtgefälle existiert, das der Autor als ausgesprochener Sozialkritiker konsequenterweise hätte ablehnen müssen.

Weder neu noch revolutionär
Dass eine solche “Liebe“ in den 1920ern keineswegs neu oder revolutionär war, zeigt ein flüchtiger Blick in die menschlich gar nicht so ferne Antike: Straton von Sardes und seine Musa Puerilis (Buch XII der Anthologia Graeca) machen schlagartig klar, dass Mackays vermeintlich avantgardistische Rechtfertigungsschrift in Wahrheit ein jahrtausendealtes, klassisches Topos-Muster bedient. Bei Straton dreht sich fast alles um den ständigen, fast panischen Blick auf das Alter der Jungen. Die “Liebe“ erlischt exakt in dem Moment, in dem einem “Objekt” der Bartflaum wächst oder seine Züge reifer werden (s. Epigramm XII, 4 – verkürzt in etwa: „Ein Zwölfjähriger bringt mich in Verzückung, aber ein Dreizehnjähriger ist das Ideal... ab Sechzehn ist er für die Götter, nicht mehr für mich“). Genau das passiert Graff: Seine Neigung ist rein konditional an den allzu flüchtigen Körperzustand gekoppelt. Mackay schreibt am Ende selbst, dass es seinem “verliebten” Narren nicht um die Menschen ginge, sondern eher abstrakt um “das Alter”. Zuspruch für diese Vorliebe erhält er am Ende des Buches ausgerechnet von einer greisen Verwandten …
Der antike Straton besingt bereits wortreich die Eifersucht, die Demütigung, das Geldopfern und die Schlaflosigkeit des älteren Mannes, der einem Jungen nachsteigt, welcher ihn im Grunde nur ausnutzt und der dabei emotional vollkommen kalt bleibt. Hermann Graff leidet genau dieselben Qualen – und Mackay verklärt diese banale, alters- und machtbedingte Abhängigkeitsdynamik in seinem Werk beinahe zu einem metaphysischen Trauerspiel.

Wir können den Blick aber genauso gut nach vorn wenden, auf den Film “Mandragora” (1997) vom polnischen Regisseur Wiktor Grodecki. Der Plot dieses Streifens ist verblüffend ähnlich aufgebaut und scheint Anleihen bei Mackay genommen zu haben, aber vielleicht sind die Überschneidungen auch reiner Zufall und eher auf persistente Muster des Milieus zurückzuführen. In einer Szene von Grodeckis Film ist ein Stricher wieder bei sich zu Hause, also aus Prag zurück in die Provinz gekehrt, er prahlt mit seinem tollen Leben in der tschechischen Hauptstadt vor Einheimischen und hat, soweit ich mich erinnere, auch einige bestaunenswerte materielle Güter und reichlich Geld vorzuzeigen; die zuhörenden Männer wissen, wie dieses Leben zustande kommt und winken beinahe angewidert ab – auch Mackays “Puppenjunge” hat sich einst von so einer Erzählung beeindrucken lassen; aber die Parallele geht sogar noch weiter: Günther landet im Roman bei einem voyeuristischen Grafen, der ihn immer nur begaffen möchte, wie er nackt auf einem weißen Fell liegt – wobei er sich zu Tode langweilt. Das findet sich fast genau so im viel späteren “Mandragora” wieder.

Zitat:

Und ihn sehen: dort hingestreckt, beleuchtet von dem leisen Scheine der Wachskerzen in den hohen Kandelabern, deren Reflexe auf seinem nackten Körper spielten. Sonst Nichts. Wie ein Hund, dachte Günther zuweilen. Ganz wie ein Hund. Nur, daß ein Hund doch gerufen und zuweilen auch gestreichelt wird. Er wurde nie gerufen ... Nie auch nur angerührt.


Auch wenn diese Rezension nicht den kompletten Handlungsablauf des Romans nacherzählen soll, sei dennoch so viel verraten: Als sich Hermann und Günther nach einer längeren Unterbrechung wiedersehen, erkennt Hermann seine “Liebe” nicht wieder:
Der Zauber der Projektion ist verflogen, als hätte es ihn nie gegeben, aber es dürfte nicht lange dauern, bis Hermann einen weiteren Jüngling, ein neues Objekt, findet, auf den bzw. das er wieder seine Projektionen werfen kann, um sich darin als jüngeres Selbst selbstliebend zu begegnen. In einem helleren, allerdings verzweifeltem Moment durchschaut Hermann das Prinzip, das sein erotisches Empfinden regiert, dann doch:

Zitat:

Was war alle Liebe – (und er liebte ihn! – liebte ihn noch! – liebte ihn mehr, als je zuvor!) – was war alle Liebe in ihrem tiefsten Grunde anders, als der glühende Wunsch nach dem Besitz des ›geliebten Gegenstandes‹? – Was redeten und faselten die Menschen von einer Liebe der Seelen? Es gab sie nicht. Es war das Empfinden schwacher, überspannter, kranker Menschen!


Trotz aller vorgebrachter Kritik bleibt “Der Puppenjunge” ein aufschlussreiches Zeugnis seiner Zeit, das, wie geschildert, bis knapp über die Hälfte auch ein belletristisches Vergnügen ist. Zwei Menschen finden dort in ihrer je eigenen Not irgendwie zusammen – aber sie können diese Nöte nicht gemeinsam überwinden, sie sind wie zwei Ertrinkende, die sich aneinander aus dem Wasser ziehen wollen und doch das Leben verlieren, weil sie schlicht nicht zu schwimmen gelernt haben:

Zitat:

Es war ein seltsames Verhältnis, das zwischen den Beiden, und blieb es. Im Grunde wäre Jeder von ihnen Beiden froh gewesen, den Vertrag zu brechen. Aber keiner wagte es.


Veröffentlicht am 26.08.2026

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