Das Manuskript zu Hans Falladas Roman “Ein Mann will nach oben” stammt von
1942, es wurde aber erst 1953, also einige Jahre nach dem frühen Tod seines
Autoren, veröffentlicht. Es ist, wenn ich das im Voraus bereits feststellen
darf, kein Roman, der aus Falladas langen Schaffensreihe negativ
herausfällt, sondern gewohnt gute Lesekost, die man vom Urheber von “Kleiner Mann – was nun?” kaum anders erwartet, selbst im Titel findet sich ja ein leichter Anklang
an das Werk, das Fallada einst den Durchbruch verschaffte. Ohnehin: Sind
die Namen seiner Bücher nicht wie eingängige Markenzeichen, die seine
schriftstellerische Meisterschaft – wenn noch nicht beweisen – so doch
bereits ankünden?
“Ein Mann will nach oben” und die meisten anderen umfangreicheren Werke aus
Falladas Feder sind nicht einfach nur Unterhaltungsliteratur, auch wenn sie
stets unterhalten und der Autor, was sein Frühwerk eindrücklichst beweist,
künstlerisch durchaus mehr zu leisten vermocht hätte: Er hat sich nun
einmal dafür entschieden, ein Erfolgsschriftsteller zu bleiben, weil er es
konnte, weil er die Formel gefunden hatte, die für ihn und seine Leser
funktionierte, auch wenn die Nationalsozialisten ihm das Leben und
insbesondere seinen Beruf in den dunklen und dunkelsten Jahren des Dritten
Reiches schwer machten, und so findet sich in “Ein Mann will nach oben”
vieles, was einem strukturell als auch inhaltlich aus anderen Werken schon
bekannt vorkommen kann, ohne dass es jedoch langweilt oder wie eine
abgedroschene Wiederholung erscheint, auf die man lieber verzichten möchte:
Da ist der heranreifende männliche Protagonist, der nach dem Tode des
Unternehmervaters zum Vollwaisen gewordene Karl Siebrecht, welcher im Jahr
1909 beschließt, sein in der Uckermark gelegenes Heimatdorf zu verlassen,
um das große Berlin mit seinen Träumen, die Wirklichkeit werden sollen, zu
erobern. Karl Siebrecht durchläuft und erlebt die alters- und zeittypischen
Bewährungsproben, Herausforderungen und Abenteuer, die erste Liebe, den
Ersten Weltkrieg, die Schwierigkeiten, sich finanziell über Wasser zu
halten, er versucht sein Glück im Gepäcktransport an den verschiedenen
Berliner Bahnhöfen, arbeitet sich von ganz unten hoch, erlebt weitere
Lieben und Freundschaft wie Feindschaft.
Zeitreisen mit Hans Fallada
Das ist das heute noch überzeugende in Falladas Romanen: Sie fesseln den
Leser von der ersten Seite an, weil er jederzeit wissen möchte, wie es
weitergeht – beispielsweise, ob auf die zahlreichen Flauten, Abstürze und
Misserfolge, in die der Schriftsteller seine Figuren immer wieder wirft,
bessere Zeiten folgen werden! Es ist ein ständiges Auf und Ab, aber
natürlich findet auch eine Entwicklung statt: Keiner bleibt ganz der, der
er ist, und so wurde Fallada zu einem wichtigen erzählenden Zeugen des
Lebens, jemand, der uns viel über die kürzeren Epochen, die er selbst
durchlebt hat, mitteilen kann. Es sind Epochen, die uns heute wieder viel
näher sind als uns lieb ist: Ein großer europäischer Krieg ist aufgrund der
vielfältigen und extensiven russischen Aggressionen seit 2008 nicht mehr
auszuschließen, er könnte sich zu einem dritten und wahrscheinlich letzten
Weltkrieg ausweiten. Die politische und gesellschaftliche Ordnung wird von
stetig erstarkenden linken und rechten radikalen Parteien bedroht;
Inflation, Mietwucher und grassierende Armut sind wieder aktuelle Themen,
auch wenn die Ausmaße (noch) nicht mit den 1920er Jahren vergleichbar sind.
Dennoch: Wir befinden uns in einer großen Gefahr, darüber dürfen wir uns
nicht täuschen, und diese Gefahr wächst von Tag zu Tag. Fallada ermöglicht
es seinen heutigen Lesern, einen historischen Vergleich der Lebenslagen
anzustellen – und mir persönlich auch, etwas über die schwierige Welt
meiner längst verstorbenen Großeltern zu erfahren.
Rieke Busch, die erste Ehefrau von Karl Siebrecht, die dieser gleich auf
der Fahrt von seinem Heimatdorf nach Berlin in einem Zug kennenlernt,
erscheint mir ein wenig unrealistisch und sogar nervig gezeichnet: Sie ist
anfangs ein neunmalkluges Kind mit breiter Berliner Schnauze, das schon
über weitaus mehr Lebenserfahrung als Karl verfügt; aber diese
aufdringliche Holzschnittartigkeit wird im Verlauf des Romans weicher, bis
sie ganz verschwindet. Vielleicht soll Rieke auch gar nicht besonders
sympathisch erscheinen, vielleicht hat sie Fallada selbst nicht sonderlich
gemocht: Sie ist ein einfaches Mädchen, eine Mutter gibt es nicht mehr, der
Vater ist Maurer und hat ein schwerwiegendes Alkoholproblem wie so einige
von Falladas Figuren … Wie Rieke sich durchs Leben schlägt, nötigt einem
immerhin Respekt ab, aber sie ist nicht die richtige Frau für den nach
Größerem strebenden Karl Siebrecht, zu bedeutend sind die Unterschiede der
Herkunft der beiden, und wirklich geliebt hat er sie nie.
Egoismus und Erfolg
Warum ist dieser Karl Siebrecht nun, wie er ist? Ich könnte auch fragen:
Warum hat Hans Fallada seinen Karl Siebrecht derart dargestellt, aber das
ist die im Moment weniger interessante Frage. Also, warum ist Karl so? Er
weiß es selbst eigentlich nicht, auch wenn er manchmal über sich nachdenkt.
Erfolg will er haben, und er besteht darauf, ihn sich selbst zu erarbeiten.
Schenken lässt er sich nichts, aber er fürchtet, dass ihn seine
Selbstbezogenheit für andere Menschen ungenießbar macht:
Zitat: Er hatte nun einmal keine glückliche Hand im Umgang mit den Menschen, die er gerne hatte. Er war wohl nur ein Egoist!
Und so wird er auch von anderen eingeschätzt:
Zitat: »Du hast dir beweisen wollen, daß du wenigstens etwas liebtest in deinem Leben. Aber du hast nie etwas geliebt, Karl, nie einen lebendigen Menschen aus Fleisch und Blut geliebt. Geliebt hast du nur deinen Traum, die Stadt Berlin zu erobern.«
Egoismus ist übrigens ein Wort, das nicht selten in Hans Falladas Schaffen
fällt. Spätestens seit Max Stirner wissen wir, dass wir alle Egoisten sind.
Auch jene, die sich ganz für andere aufopfern, sind letzten Endes nur
Egoisten, weil sie es machen, um im Einklang mit sich selbst zu sein (oder
um vor sich zu fliehen – was sie wieder vor allem für sich tun), aber es gibt natürlich mannigfaltige Abstufungen, die man nicht
einfach pauschal nivellieren sollte.
Vom eisig kalten und oft vollkommen rücksichtslosen Egoismus der
Unterschichtler, die es nicht selten mit viel eigensüchtiger Energie,
magerem Können aber einem geschickten Mundwerk geschafft haben, ein paar
Stufen auf der sozialen Leiter emporzusteigen, hat Karl Siebrecht zum Glück
nichts, denn er hat das Privileg genossen, nicht aus dem gesellschaftlichen
Nichts zu kommen.
Berg und Tal
Hans Falladas Mann, der nach oben will, ist ein Mensch, der eigentlich wie
auf Schienen läuft, vielleicht führen sie einmal in die Berge, aber sie
führen auch durch viele Täler. Etwas treibt Karl Siebrecht nach vorn, und
er findet keine Ruhe. Sein Schicksal ist symptomatisch für viele,
eigentlich die meisten: Wir werden hineingeboren in eine Welt, die sich die
älteren Menschen, die erst einmal weitaus wissender und mächtiger als wir
selbst sind, längst untereinander aufgeteilt haben. Wir wachsen in dieser
Welt auf und müssen zusehen, dass wir einen Platz in ihr finden, auf dem
wir einigermaßen gedeihen können. Einfach ist das nicht, denn selbst, wenn
wir ein Wunschkind gewesen sein sollten, werden wir nie die Erwartungen
unserer Eltern erfüllen können, und es wird uns auch schwer fallen, die
Erwartungen, die wir an uns und unser Leben haben, zu erfüllen. Überhaupt:
Woher kommen denn diese Erwartungen, diese Vorstellungen, diese Wünsche und
all diese Träume?
Glück oder Pech
Vielleicht haben wir Glück, vielleicht haben wir Pech, vielleicht beides
und die Mischung ist erträglich, vielleicht haben wir für etwas ein
besonderes Talent, das wir sogar erfolgreich ausleben können – oder es
interessiert niemanden, vielleicht stehen wir uns oft selbst im Weg,
vielleicht haben wir große Schwächen, vielleicht sind wir abhängig von
bestimmten Stoffen, süchtig nach bestimmten Gefühlen, vielleicht sind wir
des Lebens längst überdrüssig, vielleicht werden wir von vielen Menschen
geliebt, weil wir ihnen etwas bedeuten, vielleicht nur von einem einzigen
oder keinem:
Es ist ein besonderes Verdienst von Hans Fallada, in seinen Werken sowohl
den Reichtum als auch die Armut des menschlichen Lebens sachlich und
nüchtern zu zeigen. Dass ihm das nicht schwer gefallen sein wird, weil er
beides aus eigener Anschauung kannte, schmälert das Verdienst nicht; viele
von uns haben bis hierher ein flacheres Leben gelebt und dürften froh sein,
aus der sicheren Entfernung, die man als Leser zum geschilderten Geschehen
einnehmen kann, etwas lernen zu dürfen.
“Ein Mann will nach oben” ist eines von Falladas weniger bekannten Werken,
auch wenn es 1978 als 13-teilige Fernsehserie verfilmt wurde: Das ist schon
lange, eine halbe Ewigkeit her, und Filme haben oft, wie es scheint, ein
kürzeres Leben noch als Bücher. Wer kann sagen, wann die Serie zuletzt im
Fernsehen lief? Als DVD immerhin kann man sie noch erwerben.
Da auch diese Rezension ein Fazit haben sollte: Ich ziehe den Roman “Ein
Mann will nach oben” dem meisten vor, was heutzutage auf den
Bestsellerlisten an erzählender Literatur zu finden und in den wenigen
verbliebenen Bücherläden in den Auslagen zu sehen ist, auch wenn er nicht
an das einzigartige “Berlin Alexanderplatz” von Alfred Döblin, in dessen Nähe ihn ein anderer Rezensent vor einigen
Jahren gestellt hat, herankommt, denn dafür fehlt ihm das künstlerisch
Genialische, dafür ist er zu weitschweifig, nicht verdichtet genug – aber
was hat mein “Urteil” schon für einen Wert: Ich bin ohnehin befangen, weil
ich es mir aus Begeisterung in den Kopf gesetzt habe, den ganzen Hans
Fallada zu lesen.
