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Zu schwach für die Klassiker?

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Die Schiller-Büste im Hause erspart keinen Zimmermann

Schullektüre zwischen Zumutung und Fundament

Die in letzter Zeit immer wieder auflebende Diskussion darüber, dass die klassischen Schullektüren für die heutigen Schüler zu schwierig seien, bringt mein eines Auge zum Lachen, mein anderes zum Weinen, und damit das dadurch beschriebene Gesichtsteilbild nicht so ordinär bleibt, behaupte ich: Beide Augen tauschen sogar immer wieder ihre Rollen.

Das lachende Auge weiß, dass die heute klagenden Schüler Recht haben, zumindest ein bisschen. In einer Gesellschaft, in der es vor allem um oberflächliche Selbstdarstellung und -optimierung, Arbeit, Konsum und die unterschiedlichsten Arten von Süchten geht, ist gar nicht genug Platz für Hochkultur. Die jungen Leute möchten in ihrem künftigen Leben investieren, gewinnen und genießen und so etwas Geistiges, von allem, was man anfassen kann, entferntes wie Literatur verspricht schier zu schlechte Dividenden. Das ist absolut verständlich. Am Ende wollen die meisten etwas in der Hand haben – aber ganz sicher keine nur mit Buchstaben und Satzzeichen bedruckten Seiten!

Nun mit deutlich mehr Ernst zu meinem weinenden Auge:
Man sollte das heiß diskutierte Thema der zu anstrengenden Schullektüre durchaus dialektisch sehen. Die Werke der Klassiker sind geschrieben und damit statisch, wie man schwer bestreiten kann, sie ändern sich nicht, sofern sie nicht bewusst verfälscht oder zensiert werden, was durchaus vorkommt, nur ihre Entfernung zur Gegenwart ändert sich – und damit vielleicht auch die Einschätzung ihrer Qualität, welche allein von den gerade lebenden Menschen aktualisiert werden kann. Möglicherweise ist alles jedoch viel simpler und das zur Diskussion stehende Dilemma kann auf die wahrscheinlich schmerzende Persiflage des Werbespruches für ein Halsbonbon heruntergebrochen werden:

Wenn dir die Lektüre zu schwierig ist, bist du vielleicht nur zu schwach!

Aber Halt! – und einen halben Schritt zurück: Liegt es an der Schullektüre oder den Schülern, oder ist es eine komplexe Gemengelage? Alles, was feststeht, ist, dass hier eine zufriedenstellende Antwort darauf nicht wird gegeben werden können, und dennoch bricht dieser Text nicht an dieser verwundbaren Stelle ab …

Gelegentlich muss man auch Sachen erzählen, die keinesfalls neu sind: Literatur ist ein Gespräch über viele Brüche und alle Zeiten hinweg – Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende. Ein Autor baut auf anderen Autoren auf, indem er sich etwas von ihnen aneignet oder von sich abstößt. Wer die Odyssee, die Argonautensage, die Apologie des Sokrates liest, wird durch den Schleier der altertümlichen Form das anthropologisch Gleichbleibende und damit die Natur des Menschen erkennen können. Dieses Gespräch ist eine ausdrückliche, immer bestehende Einladung, die man nur annehmen muss, um an ihm teilzuhaben. Ob man in ihm besteht oder untergeht, ist auch eine Frage der Übung.

Es ist nun aber nicht sonderlich einfach, diese teilweise von der Kultur überforderten Schüler zu Teilnehmern dieses Gespräches zu machen. Wir haben es offensichtlich mit einem zweischneidigen Schwert zu tun: Man kann das bunte Klassenvolk zwar dazu bringen, etwas zu machen, etwa ein Buch zu lesen, zu diskutieren und sogar einen Aufsatz darüber zu schreiben, der benotet wird, aber niemanden zwingen, etwas zu mögen, und wir müssen ehrlich sein:
Nicht selten führt der Deutschunterricht dazu, dass Menschen über viele Jahre oder sogar für immer einen Bogen um Literatur machen, andererseits dürfen wir deswegen nicht gleich die Waffen bzw. die Inhalte strecken, letzteres gemeint im Sinne von Verdünnen.
In der Schule wird nämlich die kulturelle Basis für ein ganzes Leben geschaffen, sofern das familiäre oder weitere persönliche Umfeld eines Schülers diese nicht bieten kann. Gerade für junge Menschen, die wegen ihrer Herkunft nicht tief in der deutschen Kultur verwurzelt sind, kann es eine entscheidende Integrationsleistung sein, sich in die Tiefen der deutschen Sprache und ihrer schriftlich fixierten Möglichkeiten zu begeben, denn geteilte Kultur, die letztlich eine besondere Form der Kommunikation ist und die selbst kommunikative Fähigkeiten schärfen kann, hat das Potenzial, Menschen zu verbinden, in dem sie ihnen einen gemeinsamen Horizont aufzeigt. Die geteilte Kultur kann für die in der Gesellschaft immer weiter wachsenden Risse ein Kitt sein. Freilich lässt sich einwenden, dass die “Liebe” zu einem Massensport wie Fußball oder die konsumierende Teilhabe an vorbeifließenden “Serienströmen” einen kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen Menschen darstellen und damit ebenfalls einen Kitt bilden kann, aber es ist eben nur der kleinste gemeinsame Nenner. Diese Freizeitangebote reproduzieren zudem in der Regel bloß die unheimliche Vakuität und Getriebenheit der kapitalistischen Welt, der moderne Fußball sogar in einer besonders krassen Form. Den aktuell besten Innenverteidiger, den dienstältesten Torwart der Bundesliga wird man bald vergessen haben, ähnlich wie die Helden, die Pindar in seinen Oden besungen hat, während Pindars Oden selbst sicherlich bis zum Ende unserer Zivilisation gelesen werden und damit nahezu ewig sind. Viel dichter werden wir in diesem Leben kaum an die Unsterblichkeit herankommen. Damit sei jedoch nichts gegen eine munter geführte Unterhaltung darüber gesagt, wie ein Kunststoffball auf selten gesehene Weise über irgendein Körperteil und dann durch die Luft in den Kasten gerutscht ist oder was die nächste Folge oder Staffel einer Serie noch zu bieten hat, die für dann und dann angesetzt ist, aber sich darüber auszutauschen, ob Gretchen gerichtet oder gerettet (oder beides) wurde, ist etwas völlig anderes:
Es ist eine Frage, die man sich heute, morgen und selbst noch in einhundert Jahren produktiv wird stellen können.

Jetzt folgt eine Art Beichte, weil ich spüre, dass ein kleiner Bruch der Dramaturgie dieses Textes ganz gut tun wird:
Es gibt zweifelsohne auch Bücher, die ich früher als Schüler nicht geliebt habe – um einmal das Wort “hassen” zu vermeiden. Was gingen mich beispielsweise die von Theodor Fontane geschilderten Leiden der Effi Briest an? Meine Deutschlehrerin, die damals in einer schulweit bekannten Ehekrise steckte, mögen diese Leiden zu Tränen gerührt haben, schön und ergreifend und genauso tragisch wie dramatisch, aber ich habe mich schlicht darum gedrückt, alle Seiten dieses aus meiner Sicht fürchterlich belanglosen Buches zu lesen, weil es mein Leben nicht tangierte und nie essentiell tangieren wird. Als ähnlich ärgerlich empfand ich Gotthold Ephraim Lessings “Nathan der Weise”, der mit seiner naiven “Wir müssen uns nur liebhaben und am Ende geht es uns allen doch um die gleiche Wahrheit”-Attitüde so unglaublich weit weg von der menschlichen Realität ist, obwohl er ein nettes Setting für sein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen gewählt hat. Von Plenzdorfs “Die neuen Leiden des jungen W.”, Bertolt Brecht und dergleichen schweige ich lieber ganz …
Wenn man mich zum Maßstab nimmt, ist es, lieber Leser, also durchaus in Ordnung, ausgewählte Schullektüre nicht zu lieben bzw. zu hassen – eingewandt sei aber: Wenn man sich nur an ihr gerieben hat! Zum Glück bin ich aber gar kein Maßstab und wenn ich doch als einer gelten sollte, würde ich freundlich dazu auffordern, ihn zu ignorieren.

Mir erscheint es logisch, und damit verabschiede ich mich endlich vom lästigen Ich in diesem Text, dass man Schülern durchaus etwas zumuten muss, damit sie geistig wachsen und erwachsen werden. Sollen sie sich monatelang durch Platon & Co. quälen, gern im Original, nicht nur durch Schiller und Goethe, und das meine ich keinesfalls sarkastisch:
Wann später im Leben werden sie noch einmal Zeit dafür haben, die Höhen antiker Grammatik und Gedankenwelten zu erklimmen? Die sprachlichen Muskel, die man der Jugend antrainiert – und da schließt sich der oben begonnene Kreis – können ein solides Fundament für das ganze spätere Leben abgeben und immer wieder aktiviert werden, selbst wenn sie für längere Zeit nutzlos herumgeschlummert haben sollten. Diese Muskeln könnten dafür sorgen, dass man auch noch in zehn oder zwanzig Jahren einen von jemandem aus der jüngeren Generation verfassten Essay lesen mag – und dass es einen solchen überhaupt gibt, was aktuell nicht als gesetzt gelten kann.

Mit Kritik soll hier übrigens nicht gespart werden, die Auswahl der Schullektüre ist schließlich ein folgenschweres Thema: Schiller und Goethe haben mit ihren Xenien leider bewiesen, dass im Literaturbetrieb wie im “ersten Leben” letztlich Eitelkeit, Erfolg und Macht entscheidende Triebfedern der Produktion sein können. Mit dem Geniekult, den sie begünstigten und der um sie entfacht wurde, haben sie und andere das deutsche Literaturwesen nachhaltig vergiftet und so etwas wie eine Monopolwirtschaft eingeführt (wer schon einmal durch die berühmten Wohnhäuser in Weimar gestiefelt ist, wird wissen, was das für Auswüchse angenommen hat: Goethe- und Schiller-Darstellungen noch und noch!).
Geht es seit der Geniezeit nicht vordergründig um herausragende Leuchttürme, welche die ach so dunkle Nacht um sich herum erstrahlen? Aber eine solche selektive, reduktionistische Auffassung der Welt lässt vergessen, wie viel Lesenswertes es tatsächlich gibt, was bereits in Vergessenheit oder nie in einen größeren Fokus geraten ist.
Literatur ist weit mehr als die ausgesuchten Werke zweier Handvoll Figuren, die in Bronze gegossen auf Steinsockeln im Land verstreut stehen!
Literatur ist etwas, das viele erschaffen können und potentiell für alle geschaffen wird – wobei einem, und das gehört zur ganzen Wahrheit dazu, das meiste natürlich gern gestohlen bleiben kann. Bitte, in den hinteren Reihen nicht lachen! Die Rede ist immer noch von einer ernsten Angelegenheit.

Man kennt vielleicht Georg Trakl, aber nicht August Stramm, man kennt Günter Grass und Heinrich Böll, aber seltener Günter Eich, Wilhelm Lehmann oder Georg von der Vring, man kennt den stets bemühten Thomas Mann, aber kaum noch einen seiner größten Kritiker:
Den begabten Freidenker Theodor Lessing, dessen Werke heute wie Flaschenposten im Eismeer der Geschichte stecken …

Sicherlich, unsere Lebens- und damit Lesezeit ist begrenzt und im ordentlich gepflegten, fortwährend durch wissende Aufsichtspersonen rein gehaltenen Literaturhimmel ist nur Platz für einige wenige, das ist verdammt klar, niemand lässt jeden in seine schöne Wohnung, gerade, wenn ein Anklopfender keine Samtschuhe, sondern schmutzige Stiefel trägt, wird man sich vielleicht hart zeigen, aber was einem allgemein als Literaturgeschichte verkauft wird, ist, wenn diese einzelne kleine Bosheit erlaubt sei, vielleicht bloß ein besonders klebriger Rest – wie so ein durchgekauter Kaugummi, den ein Schüler unter seinen Stuhl oder die Schulbank geklebt hat und in die der nächste irgendwann unvorbereitet mit einem gewissen Ekelgefühl fassen wird.

Nur eine unmaßgebliche Meinung, ein kleiner Anstoß, mehr sei nach den bereits viel zu vielen Worten, die keinen Lektoren fürchten müssen, nicht mehr gewagt:

Literaturgeschichte muss nicht wie ein Gang durch ein Museum sein, in dem ausgestopfte Heilige in Vitrinen verstauben, die man für alle Zeit als Heilige zu ehren gezwungen ist, vielleicht sogar mit obligatorischem Kniefall und demütigem Kopfsenken.
Literatur- ist Menschheitsgeschichte und könnte daher etwas ganz Lebendiges sein, etwas, das man, selbst wenn es schon ein wenig modrig riechen sollte, wieder zum Leben erweckt – auch und gerade im Deutschunterricht. Natürlich kann es einige Mühe machen, einen erhabenen Text von Ovid oder einen eher verschrobenen von Grimmelshausen zu lesen, aber es ist vor allem die ausgefeilte, gehobene Sprache als Teil unseres Intellekts, die uns von anderen Lebewesen abhebt und zu Menschen macht – und Menschen wollen wir doch noch immer irgendwie sein?!

Veröffentlicht am 14.04.2026

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