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Theodor Lessing: Ein Feind im Land – ein Freund im Geiste

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Karl Theodor Richard Lessing (1872–1933)

Unangepasstheit als Prinzip – ein Denker im Schatten von Schopenhauer und Nietzsche

Manche Gegenstände sind so groß und komplex, dass man bereits verzagt, bevor man überhaupt den ersten Satz über sie geschrieben hat, und will man sie trotzdem anpacken, muss man sich bescheiden, begrenzen, auf einige wenige Aspekte und Ausschnitte konzentrieren sowie mit der gebotenen Demut auf all das – soweit es überhaupt möglich ist – andeutend hinweisen, was man in seinem Text aussparen musste. Ein solcher “Gegenstand” ist der 1872 in Hannover geborene, 1933 in Marienbad von Nationalsozialisten ermordete und bedauerlicherweise in nachtgleiche Vergessenheit geratene Theodor Lessing.

In der Wikipedia hat er immerhin einen Eintrag, in dem er als “deutscher Philosoph, Schriftsteller und Publizist” firmiert, aber wer denkt schon an seinen Namen, wenn er sich die Titanen des deutschen Geisteslebens des frühen 20. Jahrhunderts vergegenwärtigt? Wir haben diesen Menschen Theodor Lessing nicht einfach nur vergessen, selbst wenn er in den späten Nachkriegsjahren in der Bundesrepublik eine kleine Renaissance erlebte, er hatte auch zu Lebzeiten nie den Rang inne, den er sich im vollen Bewusstsein seiner literarischen und geistigen Kräfte wünschte und den er sicherlich auch verdient hätte. Wir kennen heute noch Kurt Tucholsky, Karl Kraus und Joseph Roth – aber Theodor Lessing ist den wenigsten ein Begriff.

Eine Flaschenpost im Eismeer der Geschichte
Lessings Namen habe ich selbst ein halbes Leben lang nicht gehört, bis er mir in Hans Ulrich Gumbrechts enzyklopädischer Jahresschau “1926” immer wieder in Zitaten begegnete. Es war wie die unerwartete Entdeckung eines Sterns am Himmel, dessen Bestückung man schon seit Jahren zu kennen glaubte. Wie hat sich dieser Stern all die Zeit über nur so geschickt verbergen können? Die 1986 erschienene, vom Lessing-Kenner Rainer Marwedel herausgegebene und eingeleitete Sammlung von Essays und Feuilletons “Ich warf eine Flaschenpost ins Eismeer der Geschichte”, war ein eleganter Einstieg in das Werk. Bereits was für ein einzigartiger, poetischer und existentiell tiefgehender Titel! – ein Titel, der zudem die Summe der gesamten literarischen Existenz Lessings darstellt:
Lessings Schreiben ist genau diese Flaschenpost, welche die eisigen Zeiten überdauern muss, damit sie einmal von späteren Generationen entdeckt werden kann. Mit den folgenden Worten leitet Lessing in seinen mehrfach verworfenen, dann doch endgültig niedergeschriebenen Memoiren zu diesem Bild der Flaschenpost hin, wobei gleich auch seine radikale Ehrlichkeit, seine scharfen geistigen Blitze zum Vorschein kommen, die ihn für seine Zeitgenossen so ungenießbar gemacht haben:

Zitat:

Aber die Blätter dieses Buches sind nicht für Mitlebende und nicht in Hinblick auf die Gegenwart geschrieben worden. Sondern, wenn ich beim Schreiben je an Leser gedacht habe, so dachte ich an ferne Enkel und Urenkel oder an einen kleinen Kreis von Eingeweihten und Kennern. Wenig aber bekümmerte mich die sogenannte Weltgeschichte, dieser Totentanz der Machtwechselzufälle, dieser Ozean von Blut, Galle, Schweiß und Tränen und am wenigsten die unergründliche Dummheit der deutschen Zeitereignisse, von welchen ich so viele lehrreiche Proben miterlebt und vor Augen gehabt habe: Einen Bildersaal voll von Betrügern und Betrogenen, geltenden Strohpuppen, brüllenden Bullen, hohlen Nichtswissern. Überspannte unmenschliche Gesichter, die an mir, wie einst an den meinem Wege voranschreitenden Meistern, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche, keine Vaterlandsschwärmer erzogen haben; haben wir uns doch zu oft schämen müssen, Deutsche zu sein.


Wenn wir solche Sätze heute lesen, dann offenbart sich darin noch immer die unbestechliche Radikalität ihres Autors, sein ausgeprägter Unwille zur Anpassung – und sicherlich auch der Grund, warum er Zeit seines Lebens aneckte und nie wirklichen weltlichen Erfolg genießen durfte, denn zu letzterem gehört, wenn man kein ausgesprochenes Glückskind ist, immer ein großes Stück strategische Unehrlichkeit. Dafür jedoch besaß Lessing kein Talent – seine Moral stand aller Unehrlichkeit entgegen.

Theodor Lessings Werk lässt sich schwer auf eine Formel bringen, weil der Autor so vielgestaltig zu den verschiedensten Themen gearbeitet hat: Er war ein wichtiger Zeitzeuge des Fritz Haarmann-Prozesses, er hat die Teilschuld der Stadt Hannover an den Serienmorden nachweisen können, womit er sich keine Freunde machte, er war Lehrer und Professor, er hat sich sowohl als Psychologe als auch Philosoph geäußert, hat grandiose Feuilletons für deutschsprachige Zeitschriften und passable Gedichte verfasst, sich mit den Verehrern Hindenburgs angelegt, Thomas und Heinrich Mann geschmäht, Menschen als Tier- und Pflanzen portraitiert, grandios-bissige Satiren geschrieben … Diese Aufzählung müsste man noch lange fortsetzen, um Lessing gerecht zu werden. Am Ende steht das Problem, das ich auch mit dem Artikel habe, den ich hier schreibe bzw. geschrieben habe: Das ist alles viel, überviel sogar, aber insgesamt nicht griffig, und was nicht griffig ist, bleibt nicht haften, und was nicht haften bleibt, verkauft sich nicht, und was sich nicht verkauft, wird nicht einmal vergessen, es gelangt überhaupt nicht in andere Bewusstseine: Es mag ein Stern sein, aber immer steht vor ihm ein Nebel, der ihn verbirgt. Die SZ hat es in einem Artikel mit dem Titel “Genie, Großpolemiker, Vielschreiber” (2022) versucht, über Lessing zu schreiben. Bildet das Theodor Lessing ab, wie er gelebt und gewirkt hat? Falsch ist es nicht, aber es ist eine Verdichtung.

Kampf gegen den übermächtigen Vater
Um einen Menschen annähernd verstehen zu können, muss man sich mit seiner Biographie beschäftigen. Schauen wir kurz auf die von Lessing. Theodor Lessings Vater war nicht nur ein erfolgreich praktizierender Arzt, sondern zugleich ein Despot, ein Tyrann – jemand, der vor allem mit sich selbst und seiner Größe beschäftigt war; ein Vater, der seinen Sohn nicht liebte, wohl auch, so erklärt es sich dieser selbst, weil er der Mutter zu ähnlich sah, welche ihn wiederum nur liebte, ”wie man eine Puppe liebt”. Theodor Lessings Kindheit war zudem von allerlei widrigen Krankheiten geprägt; Schlaflosigkeit und ein Drang zum Grübeln begleiteten ihn sein ganzes Leben. Die konfliktäre Beziehung zum Vater ist neben seinen jüdischen Wurzeln vielleicht der entscheidende Schlüssel, um sein Werk, sein dauerndes Aufbegehren, seine Unangepasstheit an das, was die Gesellschaft verlangt, um in ihr weltlichen Erfolg zu haben, verstehen zu können. Hätte Lessing einen anderen Vater gehabt, wäre sein Leben sicherlich anders verlaufen, und wäre er trotzdem Schriftsteller geworden, dann sicherlich mit einer ganz anderen Ausprägung, aber das hätte nichts an der conditio humana, mit der er sich so sehr beschäftigt hat, geändert: Sie wäre genauso kritikwürdig gewesen! Wenn Lessings Leben ein fortwährender, sublimierter Kampf gegen seinen Vater und dessen Schatten war, war es vergeblich, denn wir kommen an unseren Vätern nicht vorbei: Wir mögen eines Tages schneller als sie schwimmen, sie im Schach schlagen, die gelungeneren Gedichte schreiben, den größeren Geist entwickelt haben – das alles ist nichts gegen das, was uns vielleicht in der Kindheit von ihnen zugefügt worden ist. Unsere Väter sind immer vor uns. Natürlich, man kann wie Lessing versuchen, zu fliehen – man wird es vielleicht sogar müssen, um überleben zu können:

Zitat:

Ich begann früh, mich zu verkriechen. Ich suchte immer nach Ecken, wo ich keinen zu sehn, keinen zu hören brauchte. Die Zerklüftung, die dies abnorme Wachstum in mir zuwege brachte, war so stark, daß es mir heute scheint, als sei mein Leben auf eine einzige Aufgabe draufgegangen, einzig allein auf die Aufgabe, diesen Abgrund zu durchlichten und Herr zu werden und Meister der in mir selber liegenden Schwierigkeit.


In seinen Memoiren, aus denen auch das eben gebrachte Zitat stammt, berichtet Theodor Lessing weiterhin davon, dass er seinen Vater so sehr verachtet hat, dass er immer wieder auf ihn bezogene Mordphantasien entwickelte. Der Konflikt mit dem Vater war Lessings Ur-Tragödie, an die sich immer neue Akte anschlossen. Dennoch: Vergeblich war dieses Leben nicht. Bemühungen können vergeblich sein, Ambitionen können es, man kann an Aufgaben scheitern, man kann sogar als Mensch scheitern, und trotzdem ist kein einziges Leben vergeblich.

Eine alles zersetzende Satire
Ein Exempel Lessings großer literarischer Kunst ist die 1923 erschienene Parabel “Feind im Land”, ein satirischer Spiegel der deutschen Nachkriegsgesellschaft und damit der Geschichte; eine Parabel, in der Lessing die in der Politik wirkenden Kräfte und Motivationen schonungslos seziert. Er befleißigt sich dabei einer maßlosen Polemik, die geschickt auf der Schneide des Erträglichen balanciert. Von der Gnade der historischen Distanz getragen, lesen wir die Parabel heute vielleicht mit heiterer Gelassenheit, denn ihre giftigen Pfeile zielen nicht auf uns, mag man denken, aber wer so liest, hat die Parabel nicht verstanden: Sie zeigt im inzwischen historisch Gewordenen das Überhistorische, das Allgemeingültige.

Als Leser der Parabel kann man sich immer wieder fragen: Was kommt denn jetzt noch, ist der Stoff nicht bereits hemmungslos ausgereizt? Aber Lessing gelingt es stets erneut, seinem satirischen Turm zu Babel ein Stockwerk hinzuzufügen – ohne dass er am Ende einstürzt. Freilich greift er dabei auch seine alte Fehde gegen Thomas Mann auf, der als “Tomi” neben seinem Bruder “Heini” in Erscheinung tritt. Thomas Mann, eines der goldenen Kälber der deutschen Literatur, wird in Begleitung seiner “venedischen Epheben” dargestellt. Das mag wie ein Schlag unter die Gürtellinie aussehen, aber mit dem erosthanatischen Werk “Der Tod in Venedig” hat Thomas Mann der Kritik auch ein breites, nahezu planetengroßes Tor geöffnet. Die schwarzen Blüten Thomas Manns unterdrückter Sexualität waren jedoch nicht das eigentliche Ziel von Lessings Kritik: Musste Lessing ein Autor wie Mann, der zum richtigen Zeitpunkt immer auf der richtigen Seite stand, der sich leicht wie eine Feder vom Wind der Zeit tragen ließ, nicht notwendig abstoßen? Mann war großbürgerlicher Ästhet, konservativer Nationalist, Unterstützer der Weimarer Republik, später Antifaschist im Exil: Nie hat er etwas riskiert, und er wurde reichlich dafür belohnt …

Die realen Personen in “Feind im Land” sind leicht hinter ihrer Parabelmaske zu erkennen, aber, wie oben bereits angedeutet, zielte Lessing nicht auf die bloße Karikatur einzelner Persönlichkeiten, sondern er legte die strukturellen Motive offen, die aus Bewunderung Gleichgültigkeit, aus Autoritätsglauben Gehorsam und aus kollektiver Angst die Bereitschaft zur Gewalt formen. Er benutzte das scharf geschliffene Wort wie ein Pathologe sein Skalpell: Die verletzende Schärfe geht mit genauester Beobachtung einher, fast mit einer botanischen Liebe zum Detail, die Lessing erlaubte, Figuren nicht nur zu dekonstruieren, sondern aus ihnen die Systematik eines ganzen Denk- und Gefühlsapparats zu destillieren, der immer wieder Wege in die geistige und physische Verheerung einschlägt.

Zwischen Schopenhauer und Nietzsche
Theodor Lessing hat sich selbst zwischen Schopenhauer und Nietzsche verortet, aber seine Philosophie kommt ohne ein metaphysisches Trostangebot aus, in diesem Sinne ist er radikaler als beide, auch wenn er in seiner Formulierungskunst nicht an die teils tollwütigen Bisse von Nietzsches Aphorismen heranreicht. Was am Ende bleibt, ist ein eindringlicher Appell: Wenn eine Rettung des oder der Menschen möglich ist, kann sie nur durch den Geist kommen.

Für Lessing ist der Geist kein “Widersacher des Lebens”, wie es im Hauptwerk von Ludwig Klages heißt. Klages war, was überraschen mag, ein enger Jugendfreund Lessings, aber diese Freundschaft brach nicht nur entzwei, sie wurde zur Feindschaft. Klages sah in Lessing später einen “Ahasver”, er wurde ihm zum Symbol für ein angeblich lebensfeindliches, vergeistigtes Judentum, dabei hatte Klages Lessing viele “seiner” Ideen zu verdanken. Seine geistige Schuld hat Klages nie eingestanden. Es hat ihm nicht geschadet: Sein Stern stieg zu Lebzeiten höher als der von Theodor Lessing, was erneut zu beweisen scheint, dass Ruhm kein Wert an sich ist. Lessing hat darunter sehr gelitten, und so kommt er in seinen Texten häufig auf den Erfolg zu sprechen:

Zitat:

Auf immer überrädert in politischer Geschichte der witzige, freche Kopf den tiefen, schlichten; auf immer der gewaltsame Denker den besonnenen, der Dogmatiker den Kritiker, der Volksaufwiegler den Wahrheitsager (§31). Darum kann der geistige Mensch nicht Politiker sein, ohne sich selber preiszugeben. Man erinnere sich an das im §14 dargelegte Gesetz, wonach die Gemeinschaftsgeisteshaltung umso ärmer werden muss, je zahlreicher ihr eine Teilhaber- und Anhängerschaft zuwächst.


Theodor Lessing war ein Frühdiagnostiker des Antisemitismus und des deutschen Nationalismus: Verwandte Phänomene, die nach dem Ersten Weltkrieg verstärkt in Erscheinung traten. Lessing hatte keine Illusionen darüber, wohin der Weg der Nationalsozialisten führen würde, er hat die mögliche Zukunft wenn vielleicht nicht exakt gesehen, dann doch instinktiv erspürt:

Zitat:

Die Menschheit wird in Urtiefen [recte: Untiefen?], religiöse und völkische, elend versinken, wird wechselweis einander zerfleischen, wenn nicht der alles bindende und schützende Bau des übernationalen Geistes sie vor sich selber rettet. Die Ordnung der Natur ist gestört. Sie kann nur noch gerettet werden durch die »Ordnung Gottes«. Seele nur durch Geist.


Dieses Setzen auf den “übernationalen Geist” darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Lessing jeglicher Form von Geschichtsteleologie misstraute. Sein philosophisches Werk “Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen” (1919), aus dem auch das eben angeführte Zitat stammt, ist seine direkte Antwort auf den Missbrauch von Geschichtserzählungen, wie ihn viele am Ersten Weltkrieg teilnehmende Staaten, allen voran Deutschland, betrieben haben. Lessings Kritik an der Geschichtsmetaphysik ist eine entschiedene Absage an Fortschrittsdenken und nationale Mythen – ein Versuch in akademischer Philosophie, der weitaus ambitionierter ausgeführt ist als noch die Schrift “Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens” (1908), die immer von einem Hauch vielleicht sogar ungewollter Eigensatire begleitet ist.
Die Kernaussage von Lessings Geschichtskritik liegt bereits in ihrem Titel: Geschichte ist ein Konstrukt, das Menschen aus der Sinnlosigkeit des Lebens bilden, um ihm einen Sinn zu geben, weil es anders schwer erträglich scheint. Geschichte, wie sie zu Zeiten von Theodor Lessing betrieben wurde, war nicht nur Selbstvergewisserung: Wer sind wir, warum stehen wir heute hier, sondern ist oft auch mit handfesten Interessen verbunden gewesen. Seither hat sich die Geschichtswissenschaft, die laut Lessing gar keine Wissenschaft ist, methodisch tiefgreifend weiterentwickelt und viele von Lessings Kritikpunkten aufgenommen. Der politische Missbrauch von Geschichte aber, gegen den Lessing schrieb, ist selbst keineswegs Geschichte geworden: Man denke nur an Russlands aktuellen Gewaltherrscher Putin und seine Vorstellungen darüber, wem die Krym gehöre und seine fixe Idee, dass es das ukrainische Volk eigentlich gar nicht gäbe. Geschichte, aus einer so mächtigen Position heraus so utilitaristisch betrieben, ist eine gefährliche Waffe.

Hegel behauptete, dass das Wahre das Ganze sei, woraus man folgern kann, dass alles, was nicht das Ganze ist, auch nicht das ganze Wahre ist. Auf die Geschichtsnarration bezogen heißt dies, dass sie maximal ein Teilwahres vermitteln kann. Egal, welche Methoden die Geschichtsschreibung anwendet: Sie muss Fakten, Ereignisse und Stimmen selektieren; sie ist eine Abstraktion und abhängig von dem Subjekt, das sich in das, was gewesen ist, eindenkt und -fühlt. Doch Lessings Kritik geht tiefer als eine erkenntnistheoretische Skepsis. Geschichte wird nicht nur missbraucht, weil sie subjektiv ist, sondern weil der Mensch selbst nach Vereinfachung, nach Führung, nach Sinn verlangt – und bereit ist, jede noch so absurde Geschichtserzählung zu akzeptieren, wenn sie ihm diese Orientierung bietet:

Zitat:

[...] der Mensch im Durchschnitt, verkümmernder Sklave der Notdurft, wartet im Grunde seines Herzens nur darauf, daß ein höherer oder stärkerer als er selber komme und ihm sage, was er denn nun eigentlich mit sich und seinem kurzen Leben anfangen solle. Er wird daher heute “Es lebe der Volksstaat” und morgen “Es lebe der Cäsar” schreien, wird jeder Kraftentfaltung anheimfallen. wird sich nach der Seite des jeweils stärkeren Druckes neigen und jeder Regierung gehorchen, die ihm panem et circenses sichert. Er wird alles, aber auch alles ertragen und sich aufbürden lassen, wofern ihm der fromme Glaube erhalten bleibt, das müsse nun einmal so sein, denn so sei es Naturgesetz, Schicksal, Vorbestimmung, Gottes unergründlicher Ratschluß, historische Notwendigkeit. Und dem ist gut so! Denn fürchterlich wird der arme, notige Sklave erst dann, wenn er herausbekommen hat, daß es keine historischen Gesetze gibt (außer dem Gesetz seiner Dummheit), denn jetzt will er die Sache in die Hand nehmen; aber seine Dummheit ist unheilbar.


Arbeiten vs. Fliegen
Als junger Mensch hat Theodor Lessing versucht, zu “fliegen”: Mit seinem überschwänglichen Jugendwerk “Comödie” (1893), das er hinter dem Rücken des Vaters unter dem Pseudonym Theodor Lensing auf eigene Kosten und mit Spenden aus seinem Umkreis veröffentlichte, erlitt er eine schmerzhafte Bauchlandung. Er lernte daraus, dass es beim Schreiben nicht auf den kraftvollen Übermut, das Fliegen, sondern auf das ernsthafte, leidenschaftliche und fleißige Arbeiten ankommt. Das hat er beherzigt und später in seiner Autobiographie festgehalten. Sein erster Flugversuch erscheint ihm rückblickend als “Monstrum”, als “Welterlösungsmenschheitsriesenpoem”, das die Welt doch nicht verändern konnte. Dennoch muss Lessing insgeheim weiter vom Fliegen geträumt haben – zu stark waren die geistig-schöpferischen Energien, die er in sich spürte, aber seine Ambitionen konnten nie voll befriedigt werden. In einer Fußnote (!) seiner “Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen” hat er dieses Bonmot hinterlegt, das wir sicherlich auch als verstecktes Selbstportrait betrachten dürfen:

Zitat:

Ein Mensch, dessen Seele die aller andern überragt, wird notwendig als ein Kranker betrachtet, mißverstanden, gesteinigt, für wahnsinnig gehalten, als Märtyrer enden müssen.


Was bleibt
Es hat lange gedauert, bis man Theodor Lessing in seiner Heimatstadt Hannover, die ihm zeitlebens wenig wohlgesonnen war, gebührlich würdigte: Sie ehrt ihn seit 1983 anlässlich seines 50. Todestages namentlich hauptsächlich durch den Theodor-Lessing-Platz in der Innenstadt und das Theodor-Lessing-Haus der Leibniz Universität. Doch institutionelle Ehrungen allein reichen nicht aus, um einen vergessenen Autor ins Bewusstsein zurückzuholen. Dafür braucht es Vermittler: engagierte Einzelne, die sich einem Werk verschreiben und es beharrlich zugänglich machen. Kafka hatte Max Brod, der gegen Kafkas testamentarischen Willen dessen Manuskripte rettete und publizierte. Hölderlin hatte Pierre Bertaux und andere, die ihn, diesen Stern, aus dem Dunkel der Vergessenheit holten. Und Lessing? Er hat neben Hans Ulrich Gumbrecht und anderen vor allem Rainer Marwedel, einen Sozialwissenschaftler, der 1984 an der Universität Hannover über Lessing promovierte. Marwedel lernte das Werk seines Dissertationsgegenstandes bereits im Alter von 20 Jahren kennen und beschäftigt sich bis heute mit ihm. Er ist Verfasser einer Lessing-Biographie, die in großen Teilen als gelungen angesehen werden kann (für die frühen Jahre ist Lessings Autobiographie tatsächlich ergiebiger) und Herausgeber der “Theodor Lessing Edition” sowie der oben bereits erwähnten Anthologie von 1986.

Lessings Flaschenpost, abgesetzt aus der tiefen Nacht einer dem Leben oft feindlich gesinnten Geschichte, ist ein eindringlicher Aufruf, die universelle Vernunft und den Geist nicht als abstrakte Prinzipien, sondern als tatsächlich letztmögliche Rettung vor den menschlichen Abgründen der Moderne zu begreifen. Theodor Lessings gewaltsam beendetes Leben, sein vielschichtiges und doch weitgehend ignoriertes Werk, sind Mahnmäler – nicht nur eines immensen Verlustes, sondern auch der lohnenden und einen belohnenden Option, zumindest lesend zu erinnern, was sonst für immer verloren bliebe.
Die Flaschenpost selbst – Lessings Schreiben wie die Beschäftigung mit ihm – bleibt paradox:

Zitat:

Alle Worte, Werte und Werke der Menschheit sind wie der Geist selber: Lebenswunde und -genesung in eins.


Veröffentlicht am 21.12.2025

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