Als Russland die Ukraine Anfang 2022 erneut und dieses Mal vollumfänglich
überfiel, war das Angebot deutschsprachiger Bücher mit Ukraine-Bezug so
überschaubar, dass selbst mein kleiner, kurz zuvor erschienener Gedichtband
einen Achtungserfolg erzielen konnte. Innerhalb weniger Monate füllten die
gewinnorientierten Verlage jedoch die Lücke im Markt und bedienten das
Interesse des Publikums, mehr über die Ukraine zu erfahren, in einer
beachtlichen Geschwindigkeit, die an Hast grenzte. Nicht alles, was seither
erschienen ist, hatte die nötige Substanz, um über den Moment hinaus von
Bedeutung zu sein, und nun, bald vier Jahre später, ist der Fokus der
Mainstream-Leserschaften weitergewandert; der Markt ist durch all die
Neuerscheinungen, welche es in kurzer Zeit gab, sogar übersättigt. Die
Ukraine ist wieder eine Special-Interest-Nische, wenn auch eine größere als
zuvor.
Zeit für die leiseren Töne, für die abwegigeren Pfade, für Tiefenbohrungen.
Oswald Burghardts (1891–1947) Anthologie “Dichtung der Verdammten” ist genau so ein Werk, das im großen Hype untergegangen wäre und daher im
Frühjahr 2025 im richtigen Moment erschienen ist. Eigentlich hatte
Burghardt, der in dem zwischen Chmelnyzkyj und Schitomir liegenden Dorf
Serbyniwka als Sohn eines preußischen Kaufmanns und einer Baltendeutschen
geboren wurde, die Anthologie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als Denkmal
für seine einstigen dichtenden Weggefährten aus den 1920er Jahren selbst
veröffentlichen wollen, aber sein früher Tod verhinderte es. Bald 80 Jahre
danach ist dank der Editionsarbeit von Nataliia Kotenko-Vusatyuk (Kyjiw) und Andrii Portnov die Erstausgabe der Anthologie endlich Wirklichkeit geworden. Sie
versammelt Gedichte von Maksym Rilskyj, Pawlo Fylypowytsch, Mykola Serow, Mychajlo Draj-Chmara und Oswald Burghardt (Jurij Klen) im ukrainischen Original als auch in deutscher Übersetzung, wobei die
Übersetzungen den Charakter von Nachdichtungen haben, da sie sich bemühen,
die Tonalität und Sprachkunst der Originale zu erhalten.
Die oben genannten fünf Dichter bildeten nach dem Ersten Weltkrieg den
Kreis der sogenannten “Neoklassiker”, die nicht in den Chor der
proletarischen Krakeeler einstimmten, sondern die sich dem klassischen
europäischen Erbe verpflichtet fühlten: Die alten Römer waren ihnen näher
als Lenin. Die meisten von ihnen gerieten in die Fänge von Stalins blutigem
System: Wie viele andere Vertreter der ukrainischen Renaissance wurden sie
erschossen, obwohl ihre Dichtungen, wie sie auch in der vorliegenden
Anthologie nachzulesen sind, größtenteils zeit- und oft auch ortlos sind.
Es sind handwerklich gut gemachte Verse über so harmlose Themen wie Natur
und Liebe oder auch über klassische Figuren wie Salome, die Tochter von
Herodias. Wer in der “Dichtung der Verdammten” nach Sensationen, nach
spezifisch Ukrainischem sucht, wird enttäuscht werden: Die meisten Gedichte
hätten auch in Polen oder irgendeinem anderen Land des Abendlandes
geschrieben werden können, und darin liegt vielleicht wieder eine
Besonderheit, die nicht jeder Leser erwartet hätte; dennoch will ich
ehrlich sein: Die Kontextualisierungen, also die Begleittexte zu den
Gedichten, die kurzen Biographien, erscheinen mir fast wertvoller als die
Gedichte, wenn man sie nur in der deutschen Fassung liest. Pointierter
formuliert: Die Verse bleiben weitestgehend unspektakulär – ihre Existenz
aber ist es nicht.
Am stärksten erscheint die Anthologie genau in dem Text, das der
Sonnenblume gewidmet ist: Sicherlich nicht zufällig, weil es den
direktesten Bezug zur Ukraine herstellt. Es stammt von Klen / Burghardt.
Die letzten drei Strophen seien hier exemplarisch zitiert:
Zitat: Bald wendest du nach Süden, bald nach Westen
Den Schild, als trätest du in einen Tanz
O du, des Schöpfers launischer und bester,
Fast preisgekrönter Einfall – Gold und Glanz!
Und ist das nicht dein Sinnbild, Ukraine,
Du Sonnenkind! Das Auge starr hinauf
Zur Sonne wendest du von den Ruinen
Und folgst mit stetem Blicke ihrem Lauf!
In Bränden ist dein Traum zu Rauch zerronnen,
Die Drachensaat gedeiht auf deiner Flur.
Du aber kehre dein Gesicht zur Sonne
Und späh im Blau nach ihrer goldnen Spur!
Oswald Burghardt ist wie Majk Johansen (“Die Reise des gelehrten Dr. Leonardo”, “Die Abenteuer des Maclayston,
Harry Rupert und Anderer”) ein vergessenes literarisches Bindeglied
zwischen der Ukraine und Deutschland: Die Guillotinen des roten Moskaus
haben mit der Zerstörung der nach Westen führenden Brücken eine gründliche
Arbeit geleistet. Auch heute noch, Jahrzehnte später, sind wir mit
Rekonstruktionen beschäftigt. Das Erscheinen der “Dichtung der Verdammten”
ist ein Teil dieser mühseligen Arbeit.
Burghardt war nicht nur Schriftsteller, sondern auch polyglotter Übersetzer
und Literaturwissenschaftler. Dass er 1931 aus der Sowjetunion nach
Deutschland ausreiste, hat ihm damals sicherlich das Leben gerettet. Er
wohnte zuerst in München, später in Münster. 1937 veröffentlichte er im
noch nicht von Stalin überfallenen Lwów das Gedicht “Die verfluchten Jahre”, 1939 wurde er in die Wehrmacht einberufen, von 1941 bis 1942 diente er an
der Ostfront als Dolmetscher. 1946 veröffentlichte Burghardt dann den
ersten Teil seines Epos “Die Asche der Imperien” in ukrainischer Sprache als Literaturzugabe der Zeitung “Tschass” – es
scheint auf einer Schreibmaschine getippt worden zu sein …
Vielleicht wagt sich einmal jemand daran, dieses zeitgeschichtlich
interessante Dokument in die deutsche Sprache zu übertragen. Im kanadischen
Toronto erschienen schon in den 1950er Jahren alle fünf Teile im Original.
Auch Oswalds Sohn Wolfram hat sich übrigens um die ukrainische Sprache
verdient gemacht. Er übersetzte neben Ortega y Gassets “Der Aufstand der
Massen” Gedichte von Juan Ramón Jiménez und Pablo Neruda auch Stücke von
Federico García Lorca in das Ukrainische (s. “Ukrainian Students in Spain
after World War II” von Oleksandr Pronkevych und Olga Shestopal in
“Kyiv-Mohyla Humanities Journal 5 (2018)”, S. 117–132). Selbst wenn die
Anekdote hier nicht ganz angebracht ist: Erst bei der Recherche zum Sohn
Wolfram bin ich auf die Anthologie seines Vaters aufmerksam geworden.
Mit der tröstenden Schlussstrophe des vierten Teils von Burghardts “Die
Asche der Imperien”, das den ungefähren Titel “Das Vaterland in schwarzen Trümmern…” trägt, möchte ich den Abschluss dieser kurzen Besprechung bilden – obwohl
sie kein Teil der Anthologie ist:
Zitat: Wo auch immer du wanderst, in jedem Land
hat man dir das selbe Zelt aufgespannt.
O, überall unterm heimischen Himmel
ruhen Bettler, Wanderer, Ritter und Poet.
