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Tanz um ein Phantom: Die "verschwundene" DDR-Literatur

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Der Palast der Republik, Berlin (2003)

Die DDR lässt uns nicht los, schon gar nicht, so lange noch Menschen existieren, die in ihr gelebt und gelitten haben, auch den 1955 in Güstrow geborenen Literaturwissenschaftler Carsten Gansel nicht. Sein im Jahr 2026 erschienenes Buch “Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand”, das hier keinesfalls ausführlich besprochen, sondern nur in seiner Schlagrichtung beurteilt werden soll, ist bemerkenswert aufgemacht: Das erste, was nach dem harten Verb “Ausradiert” ins Auge sticht, ist das Fragezeichen, das zum einen Neugier ausdrücken kann, aber gleichzeitig ein rhetorisches Mittel ist, das einem erlaubt, etwas auszusagen, um sich im selben Zug davon zu distanzieren. Jeder, der schreibt, wird bei einem heißeren Gegenstand zumindest schon einmal versucht gewesen sein, dieses nicht ganz saubere Mittel selbst einzusetzen …

Auf dem Cover von “Ausradiert” zeigen sich die grauen Ruinen des Palastes der Republik, einem der bekannteren Symbole der untergegangenen Diktatur von Moskaus Gnaden – auffällig im Vordergrund steht ein einsamer Betonblock, vermutlich ein Treppenhaus. Ja, so sieht er aus, der Untergang, und bei so viel augenscheinlicher Tristesse mag man durchaus versucht sein, ein Tränchen zu vergießen. Marketingtechnisch hat der Reclam-Verlag hier alles richtig gemacht, seinen Titel kann man schwerlich ignorieren; dabei ist es unerheblich, wie sehr die Aufmachung tatsächlich die Auffassung des Autors widerspiegelt, denn Verlag und Autor müssen sich handelseinig geworden sein, sonst wäre dieses Produkt nicht in dieser Form auf dem Markt erschienen.

Der Unrechtsstaat DDR ist allerdings ein Land, das es besser nie gegeben hätte. Es mag sich hart anhören, aber das gleiche gilt in großen Teilen für seine Literatur.
Wer heute in einer Publikation das Verschwinden des einen oder der anderen beklagt, wird dabei viele offene Türen einrennen, die Diktaturverklärung ist nämlich in Mode, was sich nicht nur in den Wahlerfolgen von Linkspartei, AfD und zeitweilig auch BSW zeigt. Sie ist ein einträgliches Geschäft, an dem offensichtlich auch Traditionsverlage ein wenig mitverdienen wollen. Gansels “Ausradiert?” bedient genau diese emotionale Verbitterung und den damit verbundenen Trotz: Man habe einem als ehemaligen DDR-Bürger nicht nur das Land, sondern auch dessen “geistiges” Erbe gestohlen, dabei ist sein Wert erstens ziemlich zweifelhaft, zweitens ist es nach wie vor verfügbar: Wer will, muss “Das Wolkenschaf” oder “Alfons Zitterbacke” nicht einmal antiquarisch erstehen, um die Bücher lesen zu können, diese Titel werden gedruckt und sind neuwertig verfügbar, sogar bei “Monopolkapitalisten”.

Freilich, der Wissenschaftler Carsten Gansel denkt nicht in erster Linie an Kinderbücher, und man mag dem Verfasser dieses Textes polemisches Übertreiben vorwerfen, aber die eben erwähnten Titel sind gute Beispiele dafür, wie die kommunistische Ideologie literarischen Niederschlag gefunden hat, denn rein und unschuldig ist in diesen Bücher nichts. Offiziell erwünschte und gezielt nach staatlichen Maßgaben produzierte Literatur in der DDR sollte die Menschen zur Regimetreue erziehen, bisweilen vielleicht auch einen gewissen Eskapismus ermöglichen ...
Dieser Erziehungswille hat sich selbstverständlich in der Erwachsenenliteratur fortgesetzt, so dass kritische Geister, die gezwungen waren, in der DDR ihr Leben zu fristen, lieber einen Bogen darum machten und westliche oder klassische Literatur bevorzugten – oder aber “zwischen den Zeilen” der neueren, verfügbaren Literatur nach ein paar verdaulichen Krumen suchten.

Ja, man mag sagen, wie man es so gern sagt: Es war nicht alles schlecht, es gab doch auch Untergrund-Autoren, Grenzgänger, Systemkritiker und Verfolgte, manche werden Größen wie Christa Wolf herausheben, diese ist aber nie “verschwunden”, andere Stefan Heym usw. usf.; wieder andere vielleicht sogar Johannes R. Becher, der zwar zugestandenermaßen formal eines der beeindruckendsten dichterischen Talente des 20. Jahrhunderts war, aber durch seine Inhalte ähnlich ungenießbar ist wie beispielsweise der unverbesserliche Kommunist Pablo Neruda, obwohl er auch ein paar Liebes- und Naturgedichte in seinem Oeuvre vorzuweisen hat.
Um zur wertenden Behauptung über die Existenz der DDR und ihrer Literatur zurückzukommen: Wenn die eben erwähnte Christa Wolf beispielsweise nicht von der Stasi beobachtet worden wäre, wäre das für sie persönlich mit hoher Wahrscheinlichkeit erfreulicher gewesen, auch wenn sie dann nicht in einem Buch darüber hätte schreiben können, das Literaturwissenschaftler später zu einem Forschungsgegenstand gemacht hätten.

Warum also, das muss gefragt werden, soll heute irgendein besonderer institutioneller Aufwand betrieben werden, um die DDR-Literatur zu fördern und wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu holen? Sie ist nicht vollkommen irrelevant, aber doch eine Geschichte von vorgestern, in der man vor allem etwas über die Geschichte lernen kann.
Was der Markt akzeptiert, wird, wie wir bereits bei den Kinderbüchern gesehen haben, nach wie vor gedruckt, zum Beispiel Hans Falladas “Jeder stirbt für sich allein” (1947 erschienen – also im strengen Sinne eigentlich “SBZ-Literatur”), das zwar auch ein tendenziöses Werk mit Propagandaeinschlag, aber literarisch gerade noch überzeugend genug ist; vom Rest jedoch reden – von Spezialisten und Liebhabern abgesehen – nur wenige. Das allerdings folgt den allgemeinen Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie: Das Neueste erregt gemeinhin auch das größte Interesse, Entdeckungen und Wiederentdeckungen haben es deutlich schwerer – und ohnehin findet jeder, der irgendetwas vertritt, wenn er es darauf anlegt, immer genug Gründe, um zu jammern, dass seine Sache nicht gebührend genug beachtet und gewürdigt wird, man denke nur an die armen Lyrikproduzenten, die weder Leser noch Verlage finden …

Wenn die DDR-Literatur heute also nicht im allerhellsten Scheinwerferlicht steht, hat das überhaupt nichts mit einer systematischen Benachteiligung oder gar dunklen Verschwörung zu tun, die Ostalgiker nur zu gern glauben – Leute, die Gansels Buch schon allein wegen seiner Tendenz, wie sie sich in Titel und Cover niederschlägt, selbst ungelesen auf Bewertungsseiten loben würden …

Im Übrigen – und diese schmerzhafte gedankliche Konsequenz werden viele bestimmt reflexhaft und brüskiert ablehnen –: Könnte man nicht genauso gut bzw. schlecht für die Literatur des Nationalsozialismus eintreten, die ist doch auch “verschwunden”? Wer aber würde es wagen, vielleicht nicht nur mit einem, sondern sicherheitshalber gleich zwei Fragezeichen im Titel, ein Buch wie “Ausgelöscht?? Wie die Literatur des Dritten Reiches verschwand” auf den Markt zu bringen???

Veröffentlicht am 26.07.2026

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