Während Menschen irgendwann sterben und damit aus dieser Welt verschwinden,
können literarische Werke weit über den Tod ihres Autors hinausweisen und
von immer neuen Generationen entdeckt werden. Sie sind ein Angebot, das
stehen bleibt und das durch die Lektüre jedes Einzelnen zurückkommen kann
wie die Vegetation nach einem langen Winter. So ist es auch Hans Falladas
letztem großen Roman “Jeder stirbt für sich allein” geschehen, der das
nicht unverdiente Glück hatte, schon verschiedene Renaissancen zu erleben:
Falladas Text erschien bereits 1947 im Ost-Berliner Aufbau-Verlag; erst
über 60 Jahre später wurde er in die englische Sprache übertragen und
durfte, vor allem befördert durch die New York Times, zeitweilig eine
beachtliche Popularität außerhalb Deutschlands genießen. Diese erfolgreiche
Übersetzung mag auch dazu beigetragen haben, dass die ungekürzte deutsche
Fassung des Werkes im Jahr 2011 auf den Markt gebracht wurde, die nach
Meinung von Kritikern der bis dahin bekannten Version jedoch wenig
Wesentliches hinzuzufügen hatte. Insgesamt wurde Falladas Roman bisher
fünfmal verfilmt, zuletzt im Jahr 2015 unter dem Titel der englischen
Übersetzung “Alone in Berlin”.
Der Widerstand einfacher Leute
Was macht diesen Fallada-Roman so faszinierend, dass er immer wieder ins
Licht der Aufmerksamkeit gerückt wird und rückt? Sein Schöpfer, ein zu
großem Ruhm gelangter Erfolgsschriftsteller, war nicht wie etliche andere
namhafte deutsche Autoren zur Zeit des Dritten Reiches in die Emigration
gegangen, er versuchte, in den etwas über 12 Jahren dessen Existenz als
Autor und Mensch zu überleben. Nach dem Krieg war “Jeder stirbt für sich
allein” dann ein erstes literarisches Ausrufezeichen jener Autoren, die wie
Fallada “im Reich” verblieben waren, ein Zeichen, welches sich inhaltlich
mit dem innerdeutschen Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewalt-
und Schreckensherrschaft auseinandersetzte, und zwar auf Basis des
historisch verbürgten Falles der Berliner Eheleute Otto und Elise Hampel.
Diese hatten zwischen 1940 und 1942, also in einem für eine totalitäre
Diktatur beträchtlich langen Zeitraum, mehr als 200 regimekritische
Flugblätter in der deutschen Hauptstadt verteilt und waren dann denunziert
worden. Der Inhalt der Flugblätter war, so soll sich Fallada selbst darüber
geäußert haben, erschreckend primitiv, und doch kann man das, was die
Hampels taten, nicht hoch genug einschätzen. Sie sind keinesfalls astreine
Vorzeigedeutsche, die frei von jeglicher Verstrickung geblieben sind, beide
haben sie Hitler gewählt, wenn auch nur “ein einziges Mal”, wie Fallada die
Romanfiguren in einem Gespräch feststellen lässt – ohne dass sie dabei
selbst die bittere Ironie bemerken, die in dieser Aussage steckt. Elise
Hampel war 1936 der NS-Frauenschaft beigetreten und betätigte sich bis 1940
als Zellenleiterin. Ihr Mann Otto war von 1928 bis 1933 Mitglied der
national-konservativen, republikfeindlichen Veteranenorganisation
Stahlhelm. Beide Eheleute werden erst durch den Tod von Elises Bruder
während des Frankreich-Feldzuges zu aktiven Gegnern der braunen Herrschaft.
Es ist genau dieser Wandel, diese bewusste Wahl der Eheleute, den und die
Fallada in seinem Roman literarisch aufgearbeitet hat:
Er zeigt uns den gefahrvollen Weg des Widerstandes.
Gestapo-Akten und künstlerische Freiheiten
Wie Fallada im Vorwort erklärt, stützt sich der Inhalt seines Romans auf
Gestapo-Akten, die ihm durch die Vermittlung von Johannes R. Becher, der
seit August 1945 Präsident des neugegründeten Kulturbundes zur
demokratischen Erneuerung Deutschlands war, vorgelegen hatten, aber der
Autor nahm sich die Freiheiten, die er für seine Arbeit gebraucht hat, und
er änderte nicht nur Namen (aus den Hampels wurden die Quangels, aus Elise
Anna, aus dem gefallenen Bruder der Sohn usw. usf.), er hat auch versucht,
aus diesen aus der Wirklichkeit stammenden Zutaten ein für ihn typisches
Buch zu erschaffen, dessen Erzählung durch das Handeln einer Vielzahl
miteinander verstrickter und oft gegeneinander wirkender Personen
vorangetrieben wird.
“Jeder stribt für sich allein” ist vielleicht kein direktes Auftragswerk
des entstehenden ostdeutschen Staates, aber es wurde doch von eben jenem
kommunistischen Kulturfunktionär Johannes R. Becher angeregt und protegiert
– und das ist eine ihm in die Wiege gelegte Schwäche, die der Roman über
weite Strecken bedauerlicherweise nicht vollständig verbergen kann.
Im sich legenden Blutnebel am Ende des tausendjährigen Reiches
Um dem Roman gerecht zu werden, sollten auch seine Entstehungsumstände
etwas näher betrachtet werden: Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich
Fallada wie so häufig in einer außerordentlich schwierigen Lage. Er war in
der Zeit der Nazidiktatur in das innere Exil nach Carwitz in der Nähe des
kleinen Ortes Feldberg (Mecklenburg) gezogen; in autobiographischen
Schriften wie “Heute bei uns zu Haus” (1943) kann man erfahren, wie sein Leben damals ungefähr ausgesehen haben
mag, obwohl sie sicherlich ein idealisiertes Bild zeichnen – nicht umsonst
hat dieses Buch den Untertitel “Erfahrenes und Erfundenes”.
Kurz nach dem Sieg der Alliierten wurde Fallada dann ein wenig überraschend
zum Bürgermeister Feldbergs ernannt, die Moskauer Eroberer schienen ihm zu
vertrauen, aber lange übte Fallada diese Funktion nicht aus. Zahlreiche
Einwohner des Ortes wurden während seiner nicht sonderlich langen Amtszeit
dem NKWD übergeben …
In “Der Alpdruck” (1947), einem weiteren stark autobiographischen Werk, lässt uns Fallada ein
wenig in seine damalige Lebenslage blicken. Den Einzug der Sowjetarmee, der
vielerorts mit schrecklichen Verbrechen einherging, verharmlost der Autor
am Anfang dieser Schrift derart, dass er den neuen vom Kreml installierten
Machthabern nur gefallen konnte, anschließend legt Fallada in dieser
Schrift literarisch gestaltet offen, wie er und seine damalige Frau in die
Morphiumsucht rutschten, wie das Schreiben keine Rolle mehr in seinem Leben
spielte und wie sich das erst änderte, als Fallada in Kontakt mit dem
bereits erwähnten Becher kam, der ihm einen literarischen Neuanfang nach
dem Zusammenbruch des 1000-jährigen Reiches möglich machte. Wieder musste
sich Fallada mit einer Diktatur arrangieren, und er wusste auch, wie.
Leben, Leiden, leidend überleben
Was die Herrschaft der Nationalsozialisten praktisch bedeutet, hat Hans
Fallada schon sehr früh, nämlich bereits im Jahr deren Machtergreifung
erfahren müssen: Fallada wurde in seinem damaligen Wohnort Berkenbrück bei
der dortigen SA denunziert, kurzzeitig inhaftiert und verlor in der Folge
sein Haus, was ihn schließlich in das bereits erwähnte Carwitz brachte.
Falladas Vater war zuerst Kammergerichtsrat, später Reichsgerichtsrat, und
in den autobiographischen Schriften des Autors können ihre Leser erfahren,
wie stark sein Rechtsbewusstsein durch die väterliche Erziehung ausgeprägt
war, und genau dieses Rechtsbewusstsein war es, das die Nazis empfindlich
verletzten, sie setzten ihre Macht schlicht mit dem Recht gleich.
Trotz dieser frühen schlechten Erfahrungen mit dem neuen Regime, und sie
erstreckten sich natürlich auch auf seinen Beruf, blieb Fallada in
Deutschland. Er begab sich in die innere Emigration. In seinem großen Roman
“Der eiserne Gustav” (1938) beugte sich der Autor – wenn auch widerwillig – dann sogar dem
Willen der Machthaber, namentlich dem ihn bewundernden Joseph Goebbels, und
er änderte den Schluss des Werkes so um, dass er besser zur braunen
Ideologie und Propaganda passte: Der über viele Jahre hinweg erzählte
“Eiserne Gustav” musste selbstverständlich mit dem Sieg der Nazis enden.
Auch sonst war Fallada zu Kompromissen bereit, um sein schriftstellerisches
Überleben zu sichern: Er war der Reichsschrifttumskammer beigetreten, er
wandelte für eine Neuauflage von „Kleiner Mann – was nun?“ einen SA-Schläger in einen Torwart um, das Vorwort von “Wer einmal aus dem Blechnapf frisst” gilt, da es sich ihnen rhetorisch annähert, einigen sogar als Kniefall vor
den Nazis.
In der DDR strich man übrigens Passagen aus dem Eisernen Gustav, die der
roten Diktatur unangenehm waren, aber der braunen im Jahr 1938 gut gepasst
hatten, insbesondere jene, welche die Niederlage im Ersten Weltkrieg und
die Folgen der erdrückenden Politik der Siegermächte für die Deutschen
thematisierten, die maßgeblich zum Aufstieg der Nazis beigetragen hatte.
Ein Haus, in dem das Dritte Reich steckt
Kommen wir nach diesen kleinen biographischen Exkursen zurück zum Roman
“Jeder stirbt für sich allein”. Ein Großteil seiner Handlung spielt sich in
einem einzigen Haus in der Jablonskistraße 55 ab, als wäre es ein
Bühnenmanuskript für ein Theaterstück oder ein Drehbuch für ein paar Folgen
der Lindenstraße. Dem Leser werden neben den Quangels verschiedene Figuren
vorgeführt, u.a. eine ältere Jüdin namens Rosenthal und der pensionierte
Richter Fromm, welcher der erstgenannten zeitweilig Unterschlupf gewährt;
wir sehen das verwickelte Leben eines Denunzianten und Gelegenheitsdiebes,
wir erfahren viel über die Gepflogenheiten der geistig recht
eingeschränkten Familie Persicke, die unter den Nazis Karriere macht und in
der Gewalt und Alkoholismus keine unbedeutende Rolle spielen, selbst die
Briefträgerin Eva Kluge, die den Quangels den Feldpostbrief mit der
verheerenden Nachricht vom Tode des Sohnes auf dem “Feld der Ehre” bringt,
wird in dem Roman in epischer Breite gewürdigt; sie ist weit mehr als eben
nur die Überbringerin dieses einen Briefes.
Fallada spannt in “Jeder stirbt für sich allein” ein großes soziales
Panorama auf, das von seinen stark – ich möchte meinen – manchmal überstark
gezeichneten Figuren lebt. Trotzdem wird einem beim Lesen vermittelt, dass
man das Dritte Reich authentisch nacherleben kann, und zwar durch einen
Erzähler, der es wirklich gekannt, weil er in ihm gelebt hat. Glaubt man
diesem Erzähler – und es gibt wenig Anlass, es nicht zu tun – so war die
Angst im Alltag der Deutschen unter den Nazis omnipräsent – und das KZ
drohte immer und überall: Wer die kriegswichtige Arbeit verbummelt, kommt
ins KZ. Wer den Mund zu weit aufmacht, kommt ins KZ. Es braucht nicht viel,
und man verschwindet – wie viele andere, die längst verschwunden sind …
Eine Ausgeburt des Aktenstaubes
Der Gestapo-Mann Escherich ist die zentrale Gegenfigur der gegen das System
aufbegehrenden Quangels. Mit diesen Worten führt ihn Fallada in seinem
Roman ein:
Zitat: Kommissar Escherich, ein langer, schlenkriger Mann mit einem losen, sandfarbenen Schnurrbart, in einem hellgrauen Anzug – alles an diesem Menschen war so farblos, daß man ihn gut für eine Ausgeburt des Aktenstaubes halten konnte –, also, Kommissar Escherich drehte die Karte zwischen den Händen hin und her.
Escherich wird, wie man durch das Zitat nachvollziehen kann, als menschlich
blass gezeichnet, aber die Charakterisierung durch Fallada ist an dieser
Stelle so stark und aufdringlich, dass man den Eindruck erhält, eine Skizze
des Autors hätte es direkt in den fertigen Roman geschafft. Hier wird
gleich zu Beginn zu viel gesagt – das alles hätte sich durchaus später im
Verlauf der Erzählung zeigen dürfen und hätte dann schon seine Wirkung
getan – vielleicht sogar noch eindringlicher. Wie auch immer, Escherich ist
jedenfalls derjenige, der die Quangels im Auftrag des Staates “jagt”, wobei
sein Jagen darin besteht, geduldig auf einen Fehler ihrerseits zu warten.
Der farblose Kommissar ist in seiner Einstellung ein wenig so, wie es auch
Adolf Eichmann vor Gericht vorgegeben hat zu sein: Jemand, der vor allem
seine Arbeit gut und gründlich machen will – ganz gleich, welchen konkreten
Inhalts sie ist.
Zitat: Im Grunde war es ihm ganz egal, ob er hier einem Verbrecher das Handwerk legte oder nicht. Escherich, es ist schon gesagt worden, Escherich jagte. Nicht um des Bratens willen, sondern weil das Jagen eine Lust ist. Er wußte, im gleichen Augenblick, wo das Wild zur Strecke gebracht, der Verbrecher gefangen und ihm seine Verbrechen hinreichend bewiesen waren – in dem gleichen Moment würde Escherichs Interesse an diesem Fall aufhören. Das Wild war erlegt, der Mann saß in Untersuchungshaft – die Jagd war zu Ende. Auf ein Neues!
Escherich ist vielleicht die Figur, die Fallada zum Ende des Romans selbst
am meisten fasziniert hat. Es zeigt sich in der Hingabe, mit der er über
sie schreibt; aber wie viele Figuren Falladas schwebt sie nicht nur in
höheren Lagen, sie stürzt auch in tiefe Tiefen. Escherich ist nämlich auch
nur Teil einer Schicht in der vom braunen Führer aufgetürmten Pyramide –
über Escherich stehen etliche, die ihm ordentlich schaden können, und sie
tun es. Einer von ihnen ist Prall, ein Obergruppenführer der SS. Ihm geht
die Ermittlungsarbeit Escherichs nicht schnell genug voran, aber auch über
diesem stehen wieder andere, die ihrerseits Druck ausüben. Prall und
Escherich geraten aneinander, als Stärkerer verabreicht Prall Escherich
eine drastische Abreibung, in deren Folge etwas in in dem Kommissar
zerbricht:
Zitat: Kommissar Escherich arbeitet, macht Recherchen, nimmt Vernehmungen vor, fertigt Personalbeschreibungen an, liest in Akten, telefoniert – Escherich arbeitet wie eh und je. Aber wenn ihm auch keiner was ansieht, und wenn er auch hofft, eines Tages wieder ohne Zittern mit seinem Vorgesetzten Prall reden zu können, Escherich weiß, er wird nie wieder der alte. Er ist bloß noch eine Arbeitsmaschine; was er tut, ist Routinearbeit. Mit dem Überlegenheitsgefühl schwand auch die Freude an der Arbeit, der Dünkel war der Dünger, der seine Früchte reifte. Escherich hat sich immer sehr sicher gefühlt. Er hat immer geglaubt, ihm könne nichts geschehen. Er hat angenommen, er sei ein ganz anderer Mensch als die andern. Und Escherich hat all diese Selbsttäuschungen aufgeben müssen, eigentlich in den paar Sekunden, als ihm der SS-Mann Dobat die Faust in den Mund schlug und er Angst lernte. Escherich hat in wenigen Tagen so gründlich Angst gelernt, daß er sie in seinem ganzen
Durch einen leichtfertigen Fehler werden die Quangels schließlich gefasst,
und es ist gerade der Kommissar Escherich, den Fallada eine
unwahrscheinliche moralische Verwandlung durchmachen lässt. Er kann sich an
seinem beruflichen Erfolg im Dienst der Nazis nicht mehr recht freuen, auch
wenn er so lange daran gearbeitet hat. Wir hören ihn tatsächlich sagen:
Zitat: »Hier stehe ich, wahrscheinlich der einzige Mann, den Otto Quangel durch seine Karten bekehrt hat. Aber ich bin dir nichts nutze, Otto Quangel, ich kann dein Werk nicht fortsetzen. Ich bin zu feige dazu. Dein einziger Anhänger, Otto Quangel!«
Seiner Logik folgend zieht er anschließend rasch die Pistole hervor und
erschießt sich —
Sterben und Leere
Es ist nicht nur der Kommissar Escherich, der in “Jeder stirbt für sich
allein” aus dem Leben scheidet, viele Menschen sterben im Laufe des Buches
– sein Titel legt es ja bereits nahe.
Zitat: »Einer nach dem andern«, sagte der Kammergerichtsrat a.D. Fromm leise. »Einer nach dem andern. Das Haus wird leer. Rosenthals, Persickes, Borkhausen, Quangel – ich wohne fast allein hier. Eine Hälfte des Volkes sperrt die andere ein, das kann nicht mehr lange dauern. Nun, ich jedenfalls werde hier wohnen bleiben, mich wird man nicht einsperren …« Er lächelt und nickt. »Je schlimmer, je besser. Um so eher nimmt dies ein Ende!«
Das leerer und leerer werdende Haus in der Jablonskistraße 55 ist bei
Fallada auch eine Metapher eines nicht überlebensfähigen unmenschlichen
Systems, das sich selbst verzehrt – seine Bewohner kommen nach und nach ums
Leben, und dem Bewohner und Kammergerichtsrat a.D. Fromm, den Fallada seine
Gedanken schildern lässt, bleibt nur zu hoffen, dass das Ende des Systems
schnell kommt – obwohl sich gerade hier ein riesiger moralischer Zwiespalt
auftut, denn mit dem Hoffen und Warten allein ist es ja nicht getan, und
durch seinen Stoizismus, der oberflächlich betrachtet zuerst beeindrucken
kann, zeigt sich Fromm klar als eine weitere Gegenfigur der Quangels, die
selber alles riskieren und wenig erreichen – aber immerhin hatte Fromm die
Frau Rosenthal vor den Nazis retten wollen! Doch wir müssen uns diese eine
essenzielle Frage stellen: Was wäre mit den Diktaturen in dieser Welt, wenn
fast jeder ein Quangel sein würde?!
Fraglich bleibt in dem eindringlichen Zitat, das ich ein Stück weiter oben
wiedergegeben habe, natürlich, woher der Kammergerichtsrat a.D. Fromm die
Sicherheit nimmt, dass ihm nichts geschehen wird … Erinnert Fromm hier
nicht ein wenig an Fallada selbst – denn auch er hat doch nur gewartet und
gehofft? Andererseits: Fallada hatte man am 4. September 1944 eingesperrt,
allerdings nicht wegen etwaiger widerständiger politischer Aktivitäten,
sondern weil er schwer angetrunken eine Schusswaffe gebraucht hatte –
womöglich in der Absicht, seine ehemalige Frau zu töten oder zumindest
ordentlich zu verschrecken. Der Spiegel, der Fromm hätte sein können, ist
damit in zwei Teile zerbrochen, aber in einer seiner beiden Hälften kann
man den Verfasser des Romans, wenn man denn will, trotzdem noch erkennen …
Geheimnisvolle Kartenschreiber
Die Quangels sind in Falladas Roman fest davon überzeugt, dass sie das
Richtige tun. Natürlich haben sie Angst und Zweifel, aber sie arbeiten für
etwas, das größer als sie selbst ist: Den Sieg der Menschlichkeit. So
schätzen sie selbst die Wirkung der Karten ein:
Zitat: »Und wir werden die Polizei in Gang setzen, die Gestapo, die SS, die SA. Überall wird man von dem geheimnisvollen Kartenschreiber sprechen, sie werden fahnden, verdächtigen, beobachten, Haussuchungen machen – vergeblich! Wir schreiben weiter, immer weiter!«
Diese Einschätzung ist eine Überschätzung. Freilich, man fahndet nach den
Kartenschreibern, und wenn man sie fasst, werden sie eine schwere Zeit
haben, bis man sie hinrichten wird – aber eine so fest in der Bevölkerung
verankerte Diktatur wie die der Nazis lässt sich nicht allein durch ein
paar handschriftlich beschriebene Karten beunruhigen oder gar beseitigen.
Die Karten der Quangels, wenn sie gefunden werden, verbreiten vor allem
Angst, denn die Finder geraten durch sie in Gefahr: Sie könnten durch sie
kompromittiert werden, so dass sie am Ende selbst in die bluthungrige
Vernichtungsmaschine der Braunen zu geraten drohen; deswegen landen die
Karten meist sehr schnell auf einer Amtsstube und damit bald in die Hände
von Escherich. Von den Karten geht zwar eine unheimliche Macht aus, aber
sie verpufft vergeblich und hat keine Breitenwirkung. Wenn man diesen
aussichtslosen Kampf der Quangels betrachtet, bleiben die überaus
schwierigen Fragen stehen: Was kann der Einzelne ausrichten, wie verhält er
sich möglichst menschlich, wie hält er Schuld von sich fern, wie wird er
nicht zum Mittäter? Es sind Fragen, die sich auch die Menschen in der
Gegenwart, selbst wenn sie nicht in einer Diktatur leben, also in häufig
viel geringerer Drastik immer wieder stellen müssen – sie sind universell.
Eine etwas dürftige Dramaturgie und das Tagebuch 1944
Es ist schwierig, einen so klaren Stoff, wie ihn “Jeder stirbt für sich
allein” zum Inhalt hat, literarisch ansprechend zu gestalten, denn
eigentlich ist ja im Voraus schon alles klar: Wer die Guten, wer die Bösen
sind und was die Leser bestenfalls durch ihre Lektüre aus dem Buch
mitnehmen sollten, damit nie wieder ein Hitler mit seinen Gefolgsleuten die
Welt ins Unglück stürzen kann. Der auktoriale Erzähler legt es seinen
Lesern alles ganz offen hin, sie müssen es nur noch wie ein Heulbesen in
sich einsaugen – und das, obwohl Falladas erklärte Absicht war, kein
Propagandawerk zu verfassen.
Trotzdem: Fallada ist wie der Igel immer schon dort, wo der Leser als Hase
erst hinkommen will. Das nimmt der Lektüre viel von ihrem Reiz, aber wer
als Autor schon einmal versucht hat, ein ähnlich eindeutiges Thema zu
bearbeiten, wird wissen, wie schwer es sein kann, sich dabei zurückzunehmen
und darauf zu vertrauen, dass die Leser alles schon “ordentlich verstehen”
und zu den zumindest insgeheim gewünschten Schlüssen kommen werden und wie
groß die Versuchung ist, didaktisch zu schreiben. Die Dramaturgie in dem
Roman bleibt leider oft voraussehbar bis dürftig, vieles wirkt nicht wie zu
Ende ausgearbeitet, teilweise gar schablonenhaft, und der letzte Teil des
Romans, der die Gefängniszeit der Quangels schildert, ist zudem sehr
langatmig ausgefallen, aber am Ende seiner Arbeit war immerhin der Autor
selbst mit seinem Roman recht zufrieden – obwohl wenig Helles in ihm ist,
viele Figuren bösartig sind und auch noch reihenweise sterben. Fallada
hielt sein Buch für einen “echten Fallada”, und das ist auch nicht ganz
falsch, und dennoch ist er von seinen großen Romanen der am wenigsten
überzeugende. Viel aufschlussreicher über die Nazi-Zeit, wie sie Fallada
selbst erlebt hat, ist sein Gefängnistagebuch von 1944, das er teilweise in Geheimschrift verfasst hat. Wäre es von den Wärtern
entdeckt worden, hätte es Fallada sicherlich seinen Kopf gekostet. Er
thematisiert in diesem Tagebuch das Unrecht, das ihm selbst widerfahren
ist, seine Angst und auch seine Mitschuld, denn er selbst hat nicht wie die
Quangels gegen das System gekämpft. Die Exil-Deutschen mit ihren wohlfeilen
Ratschlägen, was man in Deutschland tun sollte, nennt Fallada in dem
Tagebuch übrigens “Narren draußen im Ausland“, die nichts von den
Gegebenheiten verstünden. Dennoch: Fallada hegte Ende 1944 die nicht
ungerechtfertigte Hoffnung, dass das Dritte Reich bald Geschichte sein
würde. Diese Hoffnung gab ihm mutmaßlich Auf- und den Antrieb, sich frei zu
äußern, obwohl er sich selbst und andere durch seine Schilderungen in keine
kleine Gefahr brachte. Vielleicht dachte Fallada sogar strategisch: Wenn er
den Krieg nicht überlebt, sind seine Aufzeichnungen sein Vermächtnis – wenn
er ihn überlebt, sind sie dazu geeignet, ihn selbst zu entlasten …
Hier ist eine besonders prägnante Passage aus dem Tagebuch, in der Fallada
die Herrschaft der Nazis in Deutschland charakterisiert, indem er ihre
negative Auswahl entlarvt:
Zitat: Es ist immer so auf der Welt gewesen, daß es gemeine und feige Naturen gab, aber es ist das Privileg der nationalsozialistischen Partei, daß es derartige Naturen bewußt zu einem Instrument ihrer Staatsführung machte, sie in Amt und Würden brachte, sie ermunterte, ihre Mitbürger zu knechten, sie ermutigte und belohnte. Dreck oben und Dreck unten und über alles eine Brühe hohler Phrasen, in denen die himmlische Vorsehung nie fehlen darf.
Natürlich ist das eine Engführung, die Fallada hier vornimmt: Die
Nazi-Diktatur ist nicht die einzige gewesen und geblieben, welche die
moralisch niedrigsten Menschen ganz nach oben gebracht hat, in der
Geschichte der Menschheit, auch heute, passiert es immer wieder, trotzdem
ist Falladas Gedanke bemerkenswert – und seine literarische Ausarbeitung
findet sich in “Jeder stirbt für sich allein”, wo er dem “Dreck oben und
Dreck unten” menschliche Gesichter gibt, damit er erfahrbar und durch
dieses Erfahren vielleicht besser zu erkennen ist, wenn er einem selbst im
Leben begegnet.
Was die neuen Herrscher wünschen
Haben die für die Verbreitung von Falladas Roman verantwortlichen
Kulturfunktionäre in der SBZ, später der DDR und auch der Sowjetunion (die
russische Übersetzung erschien bereits 1947) eigentlich bemerkt, dass man
“Jeder stirbt für sich allein” durchaus als Spiegelbild und damit als
Kritik des Stalinismus lesen konnte? Wahrscheinlich nicht, denn sonst wäre
ihnen wohl aufgefallen, dass der fanatische nationalsozialistische Richter
Roland Freisler erschreckend große Ähnlichkeit mit Andrej Wyschinski hat,
sowohl, was seinen Charakter als auch seine Methoden betrifft – und die
Ähnlichkeit der beiden totalitären Systeme, wie sie dem vergleichenden
Leser im Roman begegnet, beschränkt sich ja nicht nur auf diese gemeinen,
diabolischen “Juristen”:
Was ist mit den “Quangels” der Sowjetunion und der DDR, z.B. der
Belter-Gruppe und dem Eisenberger Kreis, passiert?
Hat Fallada beim Schreiben gespürt, dass man seinen Roman auch gegen die
Moskauer Diktatur wird lesen können, hat er es vielleicht sogar
beabsichtigt? Ich kann darüber spekulieren, es jedoch nicht belegen, aber
ich weiß, dass “Jeder stirbt für sich allein” auch im Osten nicht durchweg
positiv aufgenommen wurde und auf ideologische Kritik traf: Es wurde
bemängelt, dass die Quangels als Individualisten und nicht unter dem
starken Mantel der kommunistischen Partei agierten. Das widersprach dem
Dogma, wie es Schdanow und Stalin damals vertraten: Ohne die kommunistische
Partei konnte nämlich in der Welt nichts Gutes geschehen, aber noch gab man
sich in der SBZ einigermaßen demokratisch und pfiff die Kritiker des Buches
zurück. In der Sowjetunion jedenfalls ging man mit Alexander Fadejews “Die junge Garde” (1946) viel härter ins Gericht. Die Jugendlichen, die sich in diesem Werk
den Nazis als mutige und zunächst eigenwillige Partisanen (sie waren
übrigens überwiegend Ukrainer!) widersetzten, waren vom Autoren “falsch”
geschildert worden. Stalin persönlich griff in die Gestaltung des Buches
ein und verlangte, dass die Rolle der kommunistischen Partei gestärkt
werden müsse – selbst wenn diese Schilderung der historischen Realität
widersprach.
Durch Nacht zum Licht
Warum traf der Roman trotzdem auf so viel Wohlwollen in der SBZ? Ich kann
an dieser Stelle nur einen Aspekt herausgreifen, weil ich den geplanten
Umfang dieser Besprechung längst gesprengt habe. “Jeder stirbt für sich
allein” hat schon wie die NS-Fassung vom “Eisernen Gustav” ein
geschlossenes, systemkonformes Ende, dort heißt es nämlich:
Zitat: Gustav Hackendahl stand auf dem Bock, reckte sich, und als die Kolonne der SA vorbeizog, hob er die Hand zum Gruß.
In Falladas letztem großen Roman ist es die Nebenfigur Kuno-Dieter, die aus
einem kriminellen Haushalt stammt, sich von seinem Vater lossagt und damit
für längere Zeit von der Bildfläche verschwindet, um aus den Kriegswirren
der letzten Monate des Dritten Reiches wieder aufzutauchen – um sich
schließlich zu einem “neuen Menschen” zu entwickeln, der sich doch etwas
überraschend für den Leser in der landwirtschaftlichen Produktion nützlich
macht. Fallada geht bei der Schilderung dieser Entwicklung behutsam vor,
der Kuno-Erzählstrang ist nicht zu vergleichen mit durch die ideologische
Schablone gepressten Werken à la “Wie der Stahl gehärtet wurde”, und
dennoch kann man riechen, woher der Wind bei diesem Ende weht: Kuno-Dieters
Hinwendung zum Positiven, zum Tätigwerden für die Gesellschaft, ist
sozialistischer “Realismus” par excellence. Der Junge wird als Rollenbild
hingestellt, dem nachzueifern ist.
Endstation SBZ
Fallada selbst aber war kein Kuno-Dieter: Als Suchtkranker gab er ein
nahezu ideales Opfer für Diktaturen ab, denn diese haken sich zu gern in
die Schwächen der Menschen ein, um sie für sich brutal auszunutzen. Den
Organisatoren von Diktaturen gefällt es, wenn die Menschen, die sie
beherrschen und die auch durch sie geformt werden, abhängig und willfährig
sind, wenn sie sich wie fast alle anderen in die Verbrechen der Regime
verstricken, keinen Ausweg mehr sehen, und deswegen denken, immer weiter
mitmachen zu müssen – bis es nicht mehr geht …
Es mag wie ein zu gewagter Schluss wirken, aber vielleicht dürfen wir
tatsächlich froh sein, dass Fallada keine weiteren großen Werke mehr in der
SBZ verfassen konnte – aber es bleibt natürlich auch die hypothetische
Möglichkeit, dass er sich, wenn er nicht bereits 1947 gestorben wäre, in
den Westen abgesetzt hätte, allerdings hatte er sich, wie wir oben gesehen
haben, schon im Dritten Reich dafür entschieden, zu bleiben – und selbst
wenn er es gewollt hätte, würde ihm wohl die Kraft dazu gefehlt haben.
“Jeder stirbt für sich allein” ist also in einer für Fallada (und freilich
nicht nur ihn) politisch wie persönlich schwierigen Zeit geschrieben
worden. Die realen Umstände ziehen sich durch den Roman bis zu seinem
lichten Ende, das all die Dunkelheit, die zu diesem Zeitpunkt bereits
hinter ihm liegt, nur schwach und nicht ganz überzeugend wegleuchtet – aber
ein Leuchten ist es.
Fallada als Zeuge und Chronist
Wenn man Falladas Werke liest, kann man die Krisenjahrzehnte der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts, deren beredter Zeuge und wortreicher Chronist
er gewesen ist, lesend nachvollziehen. Dabei wird man nicht in die höchsten
literarischen Höhen geführt, aber das ist auch gar nicht immer notwendig,
denn Bücher dürfen die Leser durchaus unterhalten, indem sie sie – im Fall
von Fallada – in ihre meist von der Wirklichkeit abgeleitete Kunstwelt
mitreißen.
Nicht jedes seiner Werke ist Fallada gleich gut gelungen, “Jeder stirbt für
sich allein” ist wegen der oben erwähnten Mängel sicherlich eines seiner
schwächeren, und dennoch finden sich immer wieder Menschen, die sich genau
mit diesem Buch befassen: Und das, wie ich hoffentlich in dieser
Besprechung zeigen konnte, aus vielen guten, nachvollziehbaren Gründen.
