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Spielend aussortiert: Frühe Lektionen im Überleben

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Stuhltanz oder Reise nach Jerusalem?

Eine kritische Betrachtung der Reise nach Jerusalem

Wenn die fröhliche Musik mit einem Mal zu spielen aufhört, ist es nicht die Stille, die sich im Raum ausbreitet, sondern der Widerhall hastiger Schritte, das chaotische Aufeinanderprallen zierlicher Körper, die hier oft bereits ganz gewieft miteinander ringen, ja, durchaus gegeneinander kämpfen, es ist das Rascheln von Textilien, das erleichterte und doch sehr geschwind ausgeführte Plumpsen von kindlichen Hintern auf einen der Stühle, die anfangs vollzählig in zwei Reihen Rücken an Rücken stehen:
Jedes Kind hat einen Platz, auf dem es sein darf.

Noch tönt die Musik, aber die Kinder, die das Spiel kennen, wissen, dass das Unheil bald kommen wird. Manche, die diese besondere “Reise” häufig genug gespielt haben, arbeiten vielleicht schon mit einer selbstgewählten Strategie: Sie meiden den längeren Aufenthalt an den beiden Kopfenden der doppelten Stuhlreihe, warten, bis das vor ihnen laufende Kind genug Platz gemacht hat, damit sie die schreckliche Todeskurve schnell nehmen können. Wenn die Runde um Runde schwindende Kinderkarawane einmal stockt, dann stocken diese kleinen Strategen direkt vor einem Stuhl, auf den sie sich blitzschnell werfen können. Nicht immer gehen diese Überlegungen auf, manchmal sitzen zwei Kinder auch plötzlich aufeinander, aber nur das untensitzende darf weiter mitmachen, darf glücklich sein.

Es ist ein Spiel, das Ernst ist, denn in jeder Runde entfernen die Erwachsenen einen Stuhl, bleibt ein Kind zurück, das nach dem Verstummen der Musik keinen Platz mehr finden wird, in jeder weiteren Runde wächst der Haufen der Ausgeschlossenen, der Verlierer, die nur noch von außen auf das Treiben schauen können, aber in dem Anwachsen des Haufens zeigt sich auch eine überraschende Dialektik: Die Ausgestoßenen werden allmählich zur Mehrheit, und wo zunächst noch Trübsal herrschte, breitet sich unversehens eine neue Fröhlichkeit aus, denn die Verliererkinder sind nicht mehr allein:
Allein ist am Ende der Sieger.

Die “Reise nach Jerusalem” ist wahrlich ein Spiel, das Ernst ist, weil es die Kinder auf wesentliche Mechanismen, die in ihrem späteren Leben walten werden, bewusst oder unbewusst vorbereitet. Die Kinder lernen in lebendigen Bewegungen, dass die angenehme Musik des Daseins jederzeit zu spielen aufhören kann, und wenn das geschieht, geht es nicht um etwas Halbes, es geht um das Ganze, nämlich das Überleben – und ein jeder schaut in der abrupt eingetretenen, nahezu grausamen Stille nur auf sich selbst:
Man muss schnell und geschickt sein, schneller und geschickter als die anderen.

In meiner Kindheit in der DDR haben wir dieses Spiel sowohl im staatlich-sozialistischen als auch christlich-religiösen Kontext recht häufig gespielt. Heute wundere ich mich darüber, aber ich wundere mich auch nicht. Ist die “Reise nach Jerusalem” nicht eine Art gelebter Sozialdarwinismus? Falls jemandem das Wort nicht mehr geläufig ist, hier ist zur Erinnerung eine ostzonale Definition des Begriffes, welche man damals in Lexika abdrucken ließ:

Zitat:

Eine pseudowissenschaftliche Theorie, die die Prinzipien der natürlichen Auslese auf die menschliche Gesellschaft überträgt, um die Herrschaft der Bourgeoisie zu rechtfertigen und soziale Ungleichheit als naturgegeben darzustellen


Die “Reise nach Jerusalem” hat die Kinder der DDR für die Mangelwirtschaft, in der sie selbst bald Käufer werden sollten, präpariert: Wer in den tagtäglichen Verteilungskämpfen nicht raffiniert, nicht zügig genug agierte, stand am Ende ohne Ware da. Und auch militärisch ist das Spiel von einigem Nutzen, vielleicht sogar eine Drillübung, nur dass es beim Militär anders herum funktioniert: Wenn es still ist, ist die Welt in Ordnung, wenn die Musik spielt, wenn Schüsse zischen und Granaten sausen, muss man sich – unverzüglich, so schnell man nur kann – einen sicheren “Stuhl” suchen, auf dem es sich zumindest für einige Momente weiterleben lässt.

In der DDR bevorzugte man, der “Reise nach Jerusalem” den etwas mystischen, fast religiösen Klang zu nehmen. Dieses im Namen zitierte Jerusalem lag zudem im nicht-sozialistischen Ausland, an Reisen dorthin sollten am besten so wenige Menschen wie möglich denken, und daher verwendete man wohl lieber trocken-sachliche Begriffe wie “Stuhltanz”, um das kindliche Selektionsspiel zu benennen. Dass es auch im kirchlichen Kontext gespielt wurde, erstaunte mich schon als Kind nicht sonderlich, denn Jerusalem ist schließlich eine Stadt, die in der Bibel über 800 Mal vorkommt. Jerusalem war für mich sowohl ein gepredigter als auch erlesener Ort der Vorstellung: Die Stadt des großen Königs, Zentrum des Glaubens, Ort des Friedens, voller Zedern und Olivenbäume, auf Hügeln gebaut, von Tälern umgeben. Warum sollte nur ein einziges Kind dieses wahrscheinlich sehr schöne Jerusalem sehen dürfen, warum mussten alle anderen auf der Strecke bleiben? Ich verstand es nicht; vielleicht, dachte ich später, hat der Name auch irgendetwas mit den Kreuzzügen zu tun: Viele Europäer zogen nicht besonders ritterlich, sondern oft recht verlumpt los, wenige kamen an, und darüber, was sie unterwegs und vor Ort taten, ist einiges bekannt.

Auch heute hat die “Reise nach Jerusalem” natürlich ihre erzieherische Relevanz, denn der Mangel ist in der inzwischen erodierten sozialen Marktwirtschaft keineswegs komplett abgeschafft: Leuten fehlt es an Geld, einer Wohnung, einer Arbeit – und wem Tyche das eigene Füllhorn schon schäumend vollgoss, der will vielleicht trotzdem noch ein Stück höher hinaus, will Karriere machen, träumt vom finanzierten Eigenheim und einem Herausragen aus seiner wahrscheinlich recht homogenen Herkunftskohorte, vielleicht sogar von einem Sportwagen oder einer Panzerlimousine, aber dann kommt er in eine Situation, in der sich jemand gerade vor seiner Nase auf den Stuhl plumpsen lässt, auf dem er selbst so gern sitzen wollte – und vielleicht lacht ihn dieser Zuerstgekommene dabei sogar frech an!

Veröffentlicht am 30.08.2025

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