Propaganda ist eine kulturelle Technik, deren Ziel die absichtliche
Manipulation von Menschen mittels Worten, Darstellungen und / oder Musik
ist. Jeder kennt sie und kann sich etwas darunter vorstellen, dennoch habe
ich zur einleitenden Konkretisierung für diesen Artikel ein
Propaganda-Plakat aus der Sowjetunion gewählt, auf der das angebliche
Schicksal eines jungen Geigers links in den kapitalistischen Ländern und
rechts im “Land des Sozialismus”, der Sowjetunion, gezeigt wird. Links ist
der Geiger ein armer Straßenmusikant, rechts ein gepflegter und
geschniegelter Orchesterstar, der sich, wie wir sehen, sogar eine Uhr
leisten kann! Kurz und knapp ist die Botschaft des Plakates: Im Sozialismus
geht es Dir gut und Dein Talent wird belohnt, im Kapitalismus geht es Dir
schlecht und auch Dein Talent wird Dir nicht helfen, ein besseres Leben zu
führen.
Verführerische Träume
Natürlich ist dieses Beispiel so plump, dass es die wenigsten Menschen,
gerade, wenn sie in der heutigen Zeit leben, für bare Münze nehmen würden,
und doch kann von ihm ein Reiz ausgehen, nämlich sich ein im Kapitalismus
lebender Künstler mit dem armen Geiger auf dem Plakat identifizieren und
sich erträumen, dass ihm im Sozialismus ein besseres Dasein möglich wäre –
und das trotz all des schweren Leides, welcher der real-existiert-habende
Sozialismus bekanntlich über Millionen von Menschen gebracht hat. Dort, wo
ein in Not geratenes Herz ins Träumen gerät, hat es der Verstand schwer.
Das weiss jeder, der schon einmal mit Kommunisten, Faschisten,
Covid-Leugnern, Reichsbürgern, Russlandverstehern oder anderen Extremisten
diskutiert hat.
Idealtypische Höhen und Tiefen
Ich möchte allerdings nicht bei diesem Beispiel aus den vermutlich 1930er
Jahren verweilen, mir geht es um etwas Allgemeineres. Diktaturen, die daran
interessiert sind, ihr eigenes Überleben zu sichern, finden in der
Propaganda ein oft sehr wirksames stützendes Mittel. Mit ihm wird ein
ideales Bild der Wirklichkeit entworfen, an das die Menschen glauben, von
dem sie annehmen sollen, dass es allgemeine Gültigkeit hat. Hilfreich ist
hier die Selektion: Man zeigt nur, was einem passt, also fröhlich lachende
BDM- oder FDJ-Mädchen bei einem sportlichen Treffen, nicht aber die von der
gesellschaftlichen Fröhlichkeit ausgeschlossenen als solche deklarierten
Feinde eines undemokratischen Systems; oder man zeigt in der Nazi-Zeit im
Nazi-Reich ausführlichst die sowjetischen Verbrechen, beispielsweise das
Massaker und die dazugehörigen Massengräber von Katyn, nicht aber die
Verbrechen in den Konzentrationslagern, die man selbst begeht.
Die eigenen, meist sogar inszenierten Höhen und die Abgründe des Feindes,
meist erdacht, werden hervorgehoben. Durch Propaganda wird eine verzerrte
Traumwelt erschaffen, denken wir nur an ein Beispiel der jüngeren
Geschichte: Nachdem das terroristische Z-Russland die ukrainische Stadt
Mariupol, die zuvor über 400.000 Einwohner zählte, im Frühjahr 2022 dem
Erdboden gleichgemacht, dabei tausende Menschen vertrieben, getötet und den
Ort schließlich militärisch eingenommen hatte, entwickelte es ein
lächerliches Vorzeigeprojekt, in dem es eine kleine Reihe billiger
Wohnblöcke neu bauen ließ, um seinen “guten Willen” zu beweisen und den
Betrachter die vorangegangene barbarische Vernichtungsleistung vergessen zu
lassen. Auch Bauwerke können Propaganda sein, das beweisen uns die
imposanten Repräsentationsbauten der totalitären Regime, die sie selbst
überlebt haben: Ihr Glanz und ihre Größe stechen unmittelbar ins Auge, an
das Böse, das sich hinter ihnen verbirgt, müssen wir in einem bewussten Akt
erst denken.
Korrumpierte Menschen
Gute gemachte Propaganda ist gefährlich, weil sie Menschen korrumpieren und
davon abhalten kann, gute Menschen zu sein, indem diese etwa helfen, eine
Diktatur am Leben zu erhalten und deren Schandtaten zu vertuschen, zu
verharmlosen oder sogar mitzubegehen. Ich möchte sogar ein wenig streng
behaupten: Wer Propagandamaterial ohne flankierende Einordnung verbreitet,
reproduziert eben diese Propaganda und damit sehr wahrscheinlich auch ihre
potentielle Wirkung. Genau deswegen störe ich mich so sehr daran, wenn eine Buchautorin wie
Katja Hoyer, die in ihrem Werk “Diesseits der Mauer” (2023) erklärtermaßen ein bunteres Bild der DDR malen möchte, immer wieder
Bildmaterial verwendet, in dem dieser Unrechtsstaat als interessantes Idyll
dargestellt wird. Niemand bestreitet, dass in der DDR Menschen auch einmal
gelacht und viele sich sogar geliebt, dass sie manchmal Kuchen und sogar
Eis gegessen haben. Als jemand, der die DDR noch selbst erlebt hat, weiss
ich das natürlich aus eigener Erfahrung, aber ich weiss auch, dass es in
dem falschen Leben, das man in der DDR leben musste, kein richtiges gab und
dass wir es uns, um aus der Geschichte zu lernen und ihren Opfern gerecht
zu werden, nicht erlauben dürfen, auf propagandistische Diktaturartefakte
mit einer Art naivem botanischen Blick zu schauen. Bei diesen Artefakten handelt es sich nicht etwa um ein paar
Pflanzen, die wir einfach wertfrei, isoliert und vielleicht sogar genießend
betrachten können, und deren Blattadern wir möglicherweise zählen und deren
Farben wir bestimmen, wir dürfen sie nicht aus ihrem Zusammenhang reißen
und müssen stattdessen immer wieder auf ihre faktische Nacktheit hinweisen;
deswegen ist die bildlich überlieferte Freude, die in den Grenzen einer
Diktatur bleibt, eine falsche, eine täuschende Freude. Sie lenkt den Blick
vom Ganzen ab.
Nur das Ganze ist das Wahre – und das Ganze einer Diktatur ist das Verwerfliche, das zu verwerfende,
das Böse.
Der Stachel, der Diktaturen töten kann
In der DDR wurden Menschen schon früh zu Komplizen des Systems gemacht.
Etwa 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen gehörten dort den staatlichen
Jugendorganisationen der Pioniere und der FDJ an, die jeweils eigene
Uniformen hatten. Wer sich weigerte, ihnen beizutreten, musste mit
schwerwiegenden Nachteilen rechnen, so waren der Besuch der Oberschule und
das Studium quasi – mit Ausnahme der Theologie – an die Mitgliedschaft in
der FDJ gekoppelt. Durch das Tragen der Uniformen wurden bereits
Erstklässler zu Reproduzenten staatlicher Symbolik. Natürlich wussten die
wenigsten jungen Kinder, was sie taten, weil sie nur machten, was die
herrschenden Erwachsenen von ihnen wollten, trotzdem scheint es mir
berechtigt, festzustellen, dass man sie als Mitglieder dieser
Staatsorganisationen bereits vom rechten Weg abgebracht hat. Wenn ich
milder urteilen würde, wäre ich wie Roland Jahn, der letzte Leiter der
Stasiunterlagenbehörde BStU, der seine Ansichten über das Leben in der DDR
ausführlich in seinem Buch “Wir Angepassten” (2014) bekannt gemacht hat.
Auf eine gewisse Weise ist das versöhnende Bestreben von Roland Jahn
sicherlich anerkennenswert, allerdings verwischt der Mann zu sehr die
Grenzen zwischen Tätern, Mitläufern und ausgesprochenen Gegnern des
Regimes: Nicht alle waren angepasst. Wer die Masse der “Angepassten”
exkulpiert, schneidet den Stachel, der Diktaturen töten kann, nämlich
Ungehorsam und Widerstand, die sich mittels Solidarität zu einem
breitflächigen Phänomen auswachsen können, einfach und billig ab.
Diejenigen, die sich für das Gute in einem bösen und gewalttätigen System
einsetzen, werden allerdings nicht vollkommen umhin kommen, Leid auf sich
zu nehmen. Unter unmenschlichen Umständen muss nicht jeder ein Märtyrer
werden, aber seiner Verantwortung kann sich niemand durch irgendeine
Ausrede entziehen. Jeder hat die Macht, etwas zu ändern – und wenn ihre
Ausübung nur darin bestehen sollte, ein wahres Wort an der richtigen Stelle
zu sprechen.
In einem System der Lügen zählt schließlich jedes wahre Wort!
