„Ukrajina“ von der Kyjiwer Punkband „Bila harjatschka” (dt. Delirium tremens) ist mehr als ein musikalisches Relikt: Es ist ein
explosives Zeitzeugnis, das seine Energie bis heute bewahrt hat und das die
Aufbruchsstimmung in der vom Sowjetjoch befreiten Ukraine Ende der 1990er
perfekt einfängt. Die jungen Musikanten brauchten damals nur eine Handvoll
Akkorde, um ihre freudige Botschaft in einer Straßenhymne ohne Pathos zu
überbringen: Aus den Ruinen in Europas Mitte wird sich ein großes Land
erheben, das die Hoffnung der Väter einlösen wird – die freie Ukraine!
Das Schlagzeug in dem Lied scheppert und treibt die Band nach vorn, ein
beinahe trotzig-einfaches, rhythmisches Gitarrensolo unterstreicht die
Dringlichkeit des Anliegens. Die Saiten klingen, durch eine Effektkette
hindurch, eher nach einem Blasinstrument, vielleicht einer
Fanfarentrompete, mit der etwas nicht ganz stimmt. Unbekümmert trägt der
Sänger seine Zeilen vor. Vielleicht, mag man beim Hören denken, kippt das
Lied in seinem fast übermütigen Schwung um, aber das tut es nicht. Ganz zu
Recht: Die Musiker haben das Recht, dieses Stück zu spielen, sie haben das
Recht auf ihren eigenen Staat …
Auf dem Cover der Kassette, die bei Moon Records erschien, lächeln uns fast
noch kindliche Gesichter entgegen – eine Fröhlichkeit, die im harten
Kontrast zu ihrem Sound steht und uns heute, Jahrzehnte später, mit einer
ganz neuen Wehmut erfüllt: Was ist aus diesen Jugendlichen geworden?
„Ukrajina“ ist seit seiner Aufnahme im Jahr 1996 häufig gecovert worden,
insbesondere von Bands aus dem härteren Spektrum wie „Doömzday“ oder „My
skin is multicam“, welche die dem Text innewohnende Wut und
Entschlossenheit in neue Dimensionen transportiert haben.
Verse und Refrain, die ich ins Deutsche übertragen habe, sind kein Stück
Hochkultur, dennoch ist das Lied so aktuell wie in den wilden 1990ern: Die
Ukraine wird sich wieder einmal aus den Ruinen erheben!
Zitat: Wo gestern noch Ruinen lagen,
ersteht erneut in Europas Mitte
ein neues, freies, großes Land,
das dir die Freiheit wiedergibt.
Wir trugen durch viele Jahre
unseren Traum von einem freien Staat.
Und nun, aus der Hoffnung der Väter,
haben wir das Recht auf einen Staat.
Wir haben das Recht!
Ukraine, du gehörst mir.
Ukraine, in ein paar Jahren
wird die Welt eine große Nation sehen
Und das wird – wird meine Ukraine sein!
Uns ist das Staatsgeschick nicht egal,
dafür haben wir eigene Gründe.
Wie lange kann man im Dreck leben?
Ich habe das alles so satt.
Ukraine – du, einzige Mutter,
Ukraine, für mich bleibst du einzig.
Überall sehen wir solches Elend.
Freiheit ist unser einziger Weg.
Ukraine, du gehörst mir.
Ukraine, in ein paar Jahren
wird die Welt eine große Nation sehen
Und das wird – wird meine Ukraine sein!
Das Lied auf YouTube anhören: Біла
Гарячка -
Україна
