Es ist durchaus ein wenig putzig, mit welcher Verschämtheit jemand wie
Jean-Paul Sartre in seinem “Versuch einer phänomenologischen Ontologie” das
“banale Bild” des Esels benutzt, ”der einen Karren hinter sich herzieht und eine Mohrrübe erreichen will,
die man an das Ende eines an der Deichsel befestigten Stockes gebunden hat”, ohne je in ihren Genuss zu kommen. Wenn man das Bild heute in einem Text
gebraucht, muss man sich als Autor schon bzw. noch immer um seine Leser
sorgen: Es ist so eingängig wie geläufig, ein Bild, das im 20. Jahrhundert
auch von Cartoon-Konzernen auf die Leinwand gebracht wurde; bei Sartre
dient es dem Zweck, den Leser die Gedanken des Philosophen “besser
erfassen” zu lassen:
Zitat: Jeder Versuch des Esels, die Mohrrübe zu schnappen, bewirkt, daß sich das ganze Gespann vorwärts bewegt mitsamt der Mohrrübe, die stets im selben Abstand vom Esel bleibt. So laufen wir einem Möglichen nach, das durch eben unser Laufen erscheint, das nichts als unser Laufen ist und sich eben dadurch als unerreichbar definiert.
Vielleicht ist es aber auch nur die halbe Geschichte, oder die Geschichte
geht eigentlich doch ein wenig anders, weil sich der Esel nicht von der
Illusion allein und den Peitschenhieben, die er eventuell zum Ansporn von
seinem Besitzer obendrauf erhält, ernähren kann. Er braucht auch etwas
zwischen den Zähnen: Mit Stroh, Heu, Holz und Rinde begnügt er sich
zumeist, Gemüse, Äpfel und Disteln sind ihm willkommene Snacks, oder besser
gesagt: Desserts. Wir Menschen brauchen natürlich genauso etwas zwischen
den Zähnen und sind auch sonst oft wie dieser etwas bedauernswerte Esel,
nur dass wir uns häufig selbst vor diesen oder jenen Karren spannen, und
die Möhre am Stock an der Deichsel ist nicht unbedingt leuchtend orange,
sondern zumindest in unserer Vorstellung bronzefarben, silbern oder sogar
golden, denn mit wenig geben wir uns ungern zufrieden:
Wir brauchen “hohe”, erhabene Ziele, nach denen wir streben. Für den einen
ist so eine Möhre der nächste Schritt auf der Karriereleiter, für die
andere vielleicht nur eine weitere Bettgeschichte, für den Jugendlichen
können es ein paar teure Sneaker oder das neueste Handtelefon sein, für den
Weltenbummler ist es ein Pin mehr auf der Erdkarte, die zu Hause in seinem
Flur hängt, für den Autoren der Text oder das Buch, das er zu Ende schreibt
und bald veröffentlichen möchte ... Stets geht es um ein Vorankommen, um
ein Überschreiten – und nicht zu selten gelingt es: Mit Ausdauer und etwas
Glück fällt uns Eseln die Möhre irgendwann wirklich in das Maul, wir fragen
dann meist nicht nach ihrem wahren Preis, vergessen die für sie erbrachten
Aufwände schon im kaum ausgedehnten Punkt der Erfüllung, und während wir
noch auf dem kostbaren Stück Gemüse herumkauen, hängen wir uns – halb-,
voll- oder unbewusst – bereits die nächste Möhre am Stock vor die Nase.