Viel ist seit dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus vom «Ende der
Geschichte» geredet worden, diesem Begriff, mit dem der
Politikwissenschaftler Francis Fukuyama den vermeintlichen Siegeszug der
Demokratie als Zielzustand der menschlichen Welt bezeichnet hat. Dass das
Ende der Geschichte nur ein schöner Traum, ja mehr noch, tatsächlich eine
westliche Hybris im kurzen Moment des Triumphs über das Reich des Bösen war, dürfte mittlerweile auch den größten Optimisten bewusst geworden sein.
Heute können wir nur noch vom Ende des Endes der Geschichte reden, denn
überall auf der Welt sind die Feinde der Demokratie auf dem Vormarsch,
allen voran Russland und China; selbst in den USA wackelt die beste aller
Formen grundsätzlich schlechter Herrschaft von Menschen über Menschen seit
Jahren.
Nie wieder?
In Deutschland hat man sich nach dem gewaltsamen Ende des
Nationalsozialismus einem «Nie wieder» verschrieben. Diese zwei Worte sind
eine warnende Mahnung, ein Versprechen, ein Schwur, der doch immer wieder
gebrochen wird, wenn auch in weit kleinerem Ausmaß. Natürlich wiederholt
sich Geschichte nie exakt, und von daher ist jeder Moment der Gegenwart
bereits ein «Nie wieder», ohne dass wir uns als Menschen irgendwie dazu
verhalten müssten; aber die bittere Wahrheit ist, dass uns menschliches
Verhalten in der Vergangenheit immer die gefährliche Potentialität
aufzeigt: Allein weil es einmal möglich war, kann es wieder geschehen.
Abstürze in die Barbarei
In Deutschland ist uns nach dem Zweiten Weltkrieg kein zusätzliches
Körperorgan gewachsen, das künftige Abstürze in die Barbarei naturgemäß
verhindern könnte. Alles, was uns schützt, ist unsere Kultur, die auch die
Moral, die Rechtsprechung, die Verfassung usw. beinhaltet. Die Kultur
jedoch muss selbst geschützt werden, weil sie eine zarte Pflanze oder nur
ein dünnes Pergamentpapier ist. Es braucht nicht besonders viel, um sie zu
beschädigen, damit sich die künftigen Geschichtsbücher mit der Beschreibung
neuer Ungeheuerlichkeiten füllen können.
In Ostdeutschland, der Sowjetischen Besatzungszone, hatte das «Nie wieder»
ohnehin von Anfang an einen hohlen Klang: Die Sowjetische
Militäradministration (SMAD) hatte keine Skrupel, auch ehemalige
Konzentrationslager wie Sachsenhausen dafür zu nutzen, um NS- und
Kriegsverbrecher, aber auch echte und vermeintliche Feinde der
stalinistischen Ordnung, zu internieren. In diesen Lagern starb fast jeder
vierte Häftling; die Leichen wurden meist in Massengräbern verscharrt, und
erst nach dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft in Ostdeutschland
konnte dieser Teil der Geschichte öffentlich aufgearbeitet werden. Das also
war der Anfang des «Nie wieder» auf dem Gebiet der späteren DDR.
Der Wert des Lebens
Wie sieht es heute aus? Die abscheulichen Kriegsverbrechen, die im Jahr
2022 in der Ukraine von russischen Soldaten verübt worden sind und immer
noch begangen werden, haben uns erneut gezeigt, wozu Menschen fähig sind,
die sich außerhalb einer positiven Kultur bewegen, die den Wert des Lebens
achtet. Aber auch im kleineren Maßstab, in unserem Alltag: Als naives Kind,
das zum ersten Mal von den Übeln der Vergangenheit hört, fragt man sich
noch, wie das alles geschehen konnte und hofft, dass es tatsächlich «Nie
wieder» geschehen wird. Aber man wird älter, erlebt und erkennt:
Es gibt genug Menschen, die für ihren persönlichen Erfolg fast alles zu tun
bereit sind – Menschen, die einem krassen Drang nach «oben» nachgeben, die
nimmersatt sind und sich durch ganze Gruppen und Gesellschaften fressen.
Das Lügen und die Manipulation sind nur die ersten Grenzüberschreitungen,
die solche Menschen routiniert praktizieren. Auch die Mitläufer gibt es
immer noch, jene, die nicht gewohnt sind, allein zu stehen, und die sich
stets einer Masse anschließen, sobald sie nur groß genug ist und die vor
allem ihre Ruhe haben wollen. Mitläufer üben keinen Widerstand, sie sind
das Material, mit dem die Erfolgsmenschen wie mit einer Knetmasse arbeiten
können.
Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Verbrechen ist im doppeldeutigen Sinn
nie umsonst, er ist eine moralische Pflicht, die eine Besserung der Conditio humana ermöglicht, und erfordert immer auch einen Einsatz: Wer ist bereit, für
allgemein-menschliche Werte einzustehen, gerade auch, wenn er deswegen
persönliche Nachteile riskiert?
Meiner Erfahrung nach sind es die wenigsten.
Auf dem Faulbett erwacht
Das «Ende der Geschichte» war ein Faulbett, auf dem einige böse erwacht
sind. Es war von Anfang an nur eine unlogische Chimäre, denn solange es
Menschen gibt, werden sie in ihrer Gegenwart den Stoff produzieren, der
jederzeit in Geschichte umschlägt, die wiederum in Erzählungen und anderen
Zeugnissen aufbewahrt werden kann.
Oder noch einmal andersherum verdeutlicht: Die Demokratie ist kein Ziel,
das man nur einmal erreichen muss, um sich dort dann für immer ausruhen zu
können. Sie zu leben und zu erhalten erfordert fortwährende Anstrengungen,
die jedoch immer belohnt werden.
Es mag ein wenig pathetisch klingen, aber ganz ohne einen etwas erhobenen
Zeigefinger kann ich diesen Text nicht beenden:
Jeder lebende Mensch trägt eine Verantwortung für den Inhalt der künftigen
Geschichte, also dafür, ob sie den Menschen der Zukunft hell leuchtet oder
nur ein weiteres dunkles Kapitel darstellt.
