Aktuell
© 1999-2026 by Arne-Wigand Baganz

Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Kein Ende der Geschichte in Sicht

Start > Artikel > 2022

Inzwischen demontiertes Sowjetdenkmal in Lwiw / Lemberg (Ukraine, 2005)

Warum wir uns nicht auf dem einmal Erreichten ausruhen können und wieso «Nie wieder» nur zwei Worte sind.

Viel ist seit dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus vom «Ende der Geschichte» geredet worden, diesem Begriff, mit dem der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama den vermeintlichen Siegeszug der Demokratie als Zielzustand der menschlichen Welt bezeichnet hat. Dass das Ende der Geschichte nur ein schöner Traum, ja mehr noch, tatsächlich eine westliche Hybris im kurzen Moment des Triumphs über das Reich des Bösen war, dürfte mittlerweile auch den größten Optimisten bewusst geworden sein. Heute können wir nur noch vom Ende des Endes der Geschichte reden, denn überall auf der Welt sind die Feinde der Demokratie auf dem Vormarsch, allen voran Russland und China; selbst in den USA wackelt die beste aller Formen grundsätzlich schlechter Herrschaft von Menschen über Menschen seit Jahren.

Nie wieder?
In Deutschland hat man sich nach dem gewaltsamen Ende des Nationalsozialismus einem «Nie wieder» verschrieben. Diese zwei Worte sind eine warnende Mahnung, ein Versprechen, ein Schwur, der doch immer wieder gebrochen wird, wenn auch in weit kleinerem Ausmaß. Natürlich wiederholt sich Geschichte nie exakt, und von daher ist jeder Moment der Gegenwart bereits ein «Nie wieder», ohne dass wir uns als Menschen irgendwie dazu verhalten müssten; aber die bittere Wahrheit ist, dass uns menschliches Verhalten in der Vergangenheit immer die gefährliche Potentialität aufzeigt: Allein weil es einmal möglich war, kann es wieder geschehen.

Abstürze in die Barbarei
In Deutschland ist uns nach dem Zweiten Weltkrieg kein zusätzliches Körperorgan gewachsen, das künftige Abstürze in die Barbarei naturgemäß verhindern könnte. Alles, was uns schützt, ist unsere Kultur, die auch die Moral, die Rechtsprechung, die Verfassung usw. beinhaltet. Die Kultur jedoch muss selbst geschützt werden, weil sie eine zarte Pflanze oder nur ein dünnes Pergamentpapier ist. Es braucht nicht besonders viel, um sie zu beschädigen, damit sich die künftigen Geschichtsbücher mit der Beschreibung neuer Ungeheuerlichkeiten füllen können.

In Ostdeutschland, der Sowjetischen Besatzungszone, hatte das «Nie wieder» ohnehin von Anfang an einen hohlen Klang: Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) hatte keine Skrupel, auch ehemalige Konzentrationslager wie Sachsenhausen dafür zu nutzen, um NS- und Kriegsverbrecher, aber auch echte und vermeintliche Feinde der stalinistischen Ordnung, zu internieren. In diesen Lagern starb fast jeder vierte Häftling; die Leichen wurden meist in Massengräbern verscharrt, und erst nach dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft in Ostdeutschland konnte dieser Teil der Geschichte öffentlich aufgearbeitet werden. Das also war der Anfang des «Nie wieder» auf dem Gebiet der späteren DDR.

Der Wert des Lebens
Wie sieht es heute aus? Die abscheulichen Kriegsverbrechen, die im Jahr 2022 in der Ukraine von russischen Soldaten verübt worden sind und immer noch begangen werden, haben uns erneut gezeigt, wozu Menschen fähig sind, die sich außerhalb einer positiven Kultur bewegen, die den Wert des Lebens achtet. Aber auch im kleineren Maßstab, in unserem Alltag: Als naives Kind, das zum ersten Mal von den Übeln der Vergangenheit hört, fragt man sich noch, wie das alles geschehen konnte und hofft, dass es tatsächlich «Nie wieder» geschehen wird. Aber man wird älter, erlebt und erkennt:

Es gibt genug Menschen, die für ihren persönlichen Erfolg fast alles zu tun bereit sind – Menschen, die einem krassen Drang nach «oben» nachgeben, die nimmersatt sind und sich durch ganze Gruppen und Gesellschaften fressen. Das Lügen und die Manipulation sind nur die ersten Grenzüberschreitungen, die solche Menschen routiniert praktizieren. Auch die Mitläufer gibt es immer noch, jene, die nicht gewohnt sind, allein zu stehen, und die sich stets einer Masse anschließen, sobald sie nur groß genug ist und die vor allem ihre Ruhe haben wollen. Mitläufer üben keinen Widerstand, sie sind das Material, mit dem die Erfolgsmenschen wie mit einer Knetmasse arbeiten können.
Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Verbrechen ist im doppeldeutigen Sinn nie umsonst, er ist eine moralische Pflicht, die eine Besserung der Conditio humana ermöglicht, und erfordert immer auch einen Einsatz: Wer ist bereit, für allgemein-menschliche Werte einzustehen, gerade auch, wenn er deswegen persönliche Nachteile riskiert?
Meiner Erfahrung nach sind es die wenigsten.

Auf dem Faulbett erwacht
Das «Ende der Geschichte» war ein Faulbett, auf dem einige böse erwacht sind. Es war von Anfang an nur eine unlogische Chimäre, denn solange es Menschen gibt, werden sie in ihrer Gegenwart den Stoff produzieren, der jederzeit in Geschichte umschlägt, die wiederum in Erzählungen und anderen Zeugnissen aufbewahrt werden kann.
Oder noch einmal andersherum verdeutlicht: Die Demokratie ist kein Ziel, das man nur einmal erreichen muss, um sich dort dann für immer ausruhen zu können. Sie zu leben und zu erhalten erfordert fortwährende Anstrengungen, die jedoch immer belohnt werden.

Es mag ein wenig pathetisch klingen, aber ganz ohne einen etwas erhobenen Zeigefinger kann ich diesen Text nicht beenden:

Jeder lebende Mensch trägt eine Verantwortung für den Inhalt der künftigen Geschichte, also dafür, ob sie den Menschen der Zukunft hell leuchtet oder nur ein weiteres dunkles Kapitel darstellt.

Veröffentlicht am 03.12.2022

© 2022 by Arne-Wigand Baganz

Note: 1 · Aufrufe: 538

Ihre Bewertung dieses Textes:


Vorheriger Text:
« Schwarze Sender in einer hell aufgeklärten Welt
Nächster Text:
» Lebe wohl, ungewaschenes Russland

Verwandte Texte

Oleksandr Dovzhenko – Zemlya (1930)
Ein ukrainischer Stummfilm, gedreht am Rand der Zeit
Artikel, 13.12.2015

Am Grab von Ulrike Meinhof
Einige Gedanken zu der komplexen, tragischen und zugleich verbrecherischen Persönlichkeit der Kommunistin, Kolumnistin und Terroristin Ulrike Meinhof
Artikel, 25.07.2023

Nur ein halber Tag der Befreiung
Über die schwierige Suche nach einem zeitgemäßen und angemessenen Umgang mit Erblasten der sowjetischen Erinnerungskultur zum Zweiten Weltkrieg im Angesicht des in der Ukraine wütenden russischen Kriegsimperialismus
Artikel, 04.05.2022