Wild wogt der Weizen hügelaufwärts, aus der verschatteten unteren
Bildhälfte direkt Richtung Himmel. Kein Mensch ist zu sehen. Eine ganze
Weile lang. Schnitt. Eine junge Bäuerin wird am äußersten linken Bildrand
neben einer Sonnenblume, einem Nationalsymbol der Ukraine, gezeigt – sie
steht im horizontalen Zentrum des Bildes; das Haupt der Bäuerin ist
umwölkt, die Sonnenblume, nahezu gleich hoch gewachsen wie sie, schaut
ebenfalls vom Winde schwankend zu ihr hinüber. Die Bäuerin ist unbewegt.
Augen, Nase, Mund werfen tiefe Schatten. So beginnt der im Sommer und
Herbst des Jahres 1929 von Oleksandr Dovzhenko gedrehte Stummfilm „Zemlya“
(dt. Erde), der mit „Zvenyhory“ und „Arsenal“ eine Ukraine-Trilogie bildet.
„Zemlya“ zeigt ein Mittelstück der ukrainischen Tragödie der 1920er und
30er Jahre. Bereits ab 1926 wurden abertausende Angehörige der
Intelligentsia und des Klerus von den Kommunisten verfolgt, nach Sibirien
deportiert und ermordet. Im nächsten Schritt der Sowjetisierung, die auf
dem Gebiet der Sowjetunion immer eine Russifizierung war, sollten die
Bauern, die für die staatlich gewünschte Kollektivierung schwer zu gewinnen
waren, gebrochen und für immer gefügig gemacht werden.
Die vom Menschen kulturell genutzte Erde steht in „Zemlya“ den
Repräsentanten der alten und der neuen Gesellschaftsordnung gegenüber, die
sich ihrerseits gegenüberstehen. Das Alte stirbt, so auch der Großvater
Semyon Opanas, der neben einem Pfirsichbaum dahinscheidet. Das ist der Lauf
des Lebens. Pfirsiche hat er immer so geliebt...
Das Alte soll sterben, je schneller, um so besser für die Kommunisten.
Vasyl Trubenko, der Enkel Semyon Opanas´, vertritt die neue Macht. Auf
seinem Gesicht keine Spur von Zweifeln: Er lächelt immer und überall, er
ist siegesgewiss, mit ihm braucht man nicht diskutieren, weil man seinen
Argumenten sowieso unterliegt. Er weiß den allmächtigen Staat hinter und
die gesamte Zukunft des fortschritllichen Teils der Menschheit vor sich. Wer nicht mit dem Kommunismus geht, ist ja
sowieso schon so gut wie tot …
Vasyls Gegenspieler sind die als Kulaken diffamierten Großbauern. Sie sind
Feinde der Kollektivierung, der Staat wiederum ist ihr Feind und wird sie
schließlich auslöschen.
Vasyl muss nicht allein auf die Wirkung seiner Agitation, mit der er alle
überschüttet und in der er nie nachlässt, bauen. Die Stadt schickt einen
Traktor in das Dorf. Es ist nicht einfach nur ein Traktor. Es ist ein
kommunistischer Traktor. Natürlich gibt es kommunistische Traktoren genauso
wenig wie es vielleicht buddhistische Traktoren gibt. Es gibt auch keine
kommunistische Moral. Der Kommunismus hat keine Moral. Aber der Film baut
darauf. In ihm ist der Traktor der Fortschritt, das produktivere Arbeiten,
der Kommunismus. Das Ankommen des Traktors im Dorf ist eine Sensation, die
nur kurzzeitig getrübt wird durch die Überhitzung des Radiators, die ihn
zum Stillstand bringt. Als Grund wird schnell das Fehlen von Wasser
ausgemacht, das ganz pragmatisch auf slawische Art gelöst wird: Urin ist ja
genauso flüssig, tut es auch. Und dann geht schon eine gewaltige
Produktionsorgie los: Der Traktor pflügt, der Traktor drischt, aus Weizen
wird in der Fabrik Mehl, wird Teig, wird Brot. Die Grenzsteine, welche die
Felder der Großbauern markieren, pflügt Vasyl in seinem Eifer gleich mit
um. Das wird Ärger geben.
Am Ende des Arbeitstages tanzt Vasyl einen Hopak auf dem trockenen Heimweg.
Staubwolken puffen wie Explosionen um seine Füße. Es ist dunkel – und eine
dunkle Gestalt erschießt ihn. Wir erfahren später, dass Khoma als Gegner
der Kollektivierung die Tat verübte. Vasyl ist tot und ist es doch nicht.
Er lächelt wie im Leben, mit seiner stolzen Siegesgewissheit. Da der
kommunistische Staat die Religion abschaffen möchte, zeigt der Film nun,
wie mit dem Tod umgegangen werden soll. Vasyls Vaters schickt den Priester
weg, weil es keinen Gott gäbe – „und wenn es ihn doch gibt?“ flennt eine
ältere Bäuerin und bekreuzigt sich. Die Bestattung soll daher auf neue
Weise mit neuen Liedern vollzogen werden. Fast das ganze Dorf singt und
zieht bei dem Begräbnis mit. Ein Redner preist Vasyl, sein Ruhm werde durch
die Welt fliegen wie ein kommunistisches Flugzeug. Das ist es wieder, dieses alles heiligende Adjektiv, das zuvor
schon auf den Traktor angewandt worden ist …
Khoma, der sich währenddessen seiner Tat bezichtigt und Widerstand gegen
die Kollektivierung schwört, wird von der Menge nicht beachtet. Seine Worte
zählen nichts mehr, wie auch sein Leben bald nichts mehr zählt.
Der Film endet mit in starkem Regen stehenden Pfirsichen. Die Wirklichkeit
endet anders: In den Jahren 1932-33 kamen etliche Millionen Ukrainer durch
die von Stalin praktisch verordnete Hungersnot um. Dieser Genozid, der
unter dem Begriff Holodomor in die Geschichte eingegangen ist, wirkt bis in
die Gegenwart. Russland sträubt sich aus verständlichen Gründen noch immer,
diesen Völkermord anzuerkennen, war es doch sein Organisator und
Nutznießer. Russland setzt die mörderische Politik, die als Ziel die
Zerstörung des ukrainischen Staates und Assimilation des ukrainischen
Volkes hat, in der Gegenwart fort. Dem allen zum Trotze blüht die
ukrainische Kultur, die Stalin und seine Nachfolger in den 1930er Jahren
vielleicht schon besiegt sahen, heute erneut. Die Ukrainer besinnen sich
auf ihre Traditionen, sprechen ihre wunderschöne Sprache (sie gehört nach
einem linguistischen Wettbewerb, der 1934 in Paris stattfand, zu den
schönsten der Welt), tragen schmuckvolle Vyshyvanka-Hemden, singen ihre
Volkslieder und spielen auf der Bandura, einem Lauteninstrument mit bis zu
65 Saiten, das gern auch im Kontrast zur drei-saitigen Balalaika Russlands
gesehen wird: Hohe kulturelle Feinheit gegen primitive Grobschlächtigkeit.
Den Zwängen der Zeit ausgesetzt, zensiert und mit einem Propaganda-Auftrag
ausgestattet, ist „Zemlya“ doch ein Werk, das der Ukraine eine
Rückbesinnung auf sich selbst ermöglicht, weil es in Teilen das durch das
schreckliche Experiment des russisch geprägten Kommunismus verloren
gegangene Leben zeigt.
Der Film kann hier in einer restaurierten Fassung aus dem Jahr 1971
angeschaut werden:
Oleksandr Dovzhenko – Zemlya (1930)
An einer neuen Restaurierung auf Basis der Originalversion von 1930 wird
seit 2012 am Oleksandr Dovzhenko National-Zentrum in Kyjiw gearbeitet.
