Aktuell
© 1999-2026 by Arne-Wigand Baganz

Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

U-Bahnhof Alexanderplatz

Start > Lyrik > 2026

Die stets gleiche 
aufdringliche Sample-Stimme,
die sich wie Säure
in die Ohren aller ätzt,
kündigt die
nichts entscheidende 
Ankunft an:
Alexanderplatz.
Man kann hier
aussteigen,
einsteigen
oder einfach
sitzen bzw. 
stehen bleiben.
Das sind im wesentlichen
die verfügbaren Optionen.
Aber bitte,
für diese Auskunft
brauchen Sie nicht
zu danken.
Worauf es wirklich ankommt:
Mache ein jeder 
auf jeden Fall
ruhig, was er 
kann und will!
Wer jetzt aussteigt
und hier bleibt,
darf z.B. die türkis-
farbenen Kacheln,
welche die scheinbar
ewig langen Gänge
einrahmen,
gern eingehend
betrachten.
Es ist erlaubt,
möglicherweise
sogar erwünscht.

Wirkt es nicht,
als wanderte man
zwar unter der Erde
aber doch
durchs alte Babylon?
Ein neues Babylon
jedoch ist es –
und nach dem 
imposanten Ischtar-Tor
wird man hier unten
in der Tiefe
lange lange suchen …

Da jagen sie also
die Treppen hinauf / hinab,
zu den Ebenen der 
U5, U8, U2:
Einzelpersonen,
Familien
als auch ethnisch 
oder durch sonstwelche 
Bande verbundene Gruppen.
Geht einen alles 
nichts an, übrigens,
so lange niemand einem
den Weg versperrt.

Leuchtende Tafeln 
mit Zeitangaben 
treiben zur Eile
oder verleiten stattdessen 
zum Schlendern.
Alles relativ.
Wie man es
gerade braucht.
Oder nicht.

Touristisch motivierte
Schulklassen
aller Herren / Damen 
Länder
mit mindestens einer
Aufsichtsposition
drängen sich häufig
brabbelnd auf den
Plattformen
der hauptstädtischen
U-Bahn
in den späteren
Morgenstunden, 
andere Anwesende
haben sich
zu allen Tageszeiten
untrennbar in das Display
ihres Smartphones 
vergafft
und vertrauen darauf,
dass die von ihnen
ausgeblendeten
Mitmenschen
schon irgendwie
geschickt
um sie herumfließen
werden,
an jedwedem 
unmöglichen
Ort.

Manchmal sorgen
gesperrte Ein-
bzw. Ausgänge
für kleinere 
Überraschungen.
Und die Verspätungen!
Aber davon sei lieber
gar keine Rede.

Vor dem Ticketbüro 
der BVG steht jedenfalls
am Monatsanfang
immer eine 
ordentliche Schlange,
wirklich fein 
in Zaum gehalten.

Wenn Sie als Leser,
der es bis hierher geschafft hat,
und sei es auch durch 
unzulässiges Überspringen
kostenfrei
dargebotener Informationen,
jetzt am Ende
einen Rat brauchen,
dann sicherlich 
genau diesen:

Kommen Sie bitte
nicht nach Berlin,
hier gibt es nichts zu sehen,
was man sehen müsste,
nichts zu erleben,
was man erleben müsste.

Ganz ohne Bitterkeit,
ganz realistisch:

Berlin taugt gerade noch als Stoff
für ein vielleicht nicht mal mehr
mittelmäßiges Gedicht
wie dieses hier,
aber das will Gott sei Dank
gar niemand schreiben!

Bleiben Sie also
zu Hause.
Bleiben Sie lieber
zu Hause.
Bitte bleiben Sie
zu Hause.

Zu Hause,
wo hoffentlich noch
der Pfeffer wächst.


© 2026 by Arne-Wigand Baganz

Vorheriges Werk:
« Die Hände
Nächstes Werk:
» Stratford-upon-Avon

Verwandte Texte

Drei Buddhas über Lichtenberg
Eine großstädtische Vision
Lyrik, 30.07.2025

Irgendwo in Prag
Untouristische Bilder aus der Peripherie
Lyrik, 09.03.2026

der hueter
himmel: darin schwebt ein leeres zeichen, besetzt keinen sprachraum, wiegt wirr in den winden, m
Lyrik, 28.02.2006