Der bekannte britische Historiker und Autor Roger Moorhouse (“Killing
Hitler”, “Berlin at War” u.a.) hat kürzlich, also im Vorfeld des 80.
Jahrestages der deutschen Kapitulation, das sowjetische Ehrenmal in
Berlin-Treptow besucht. In einem Beitrag auf X zeigte er ein paar seiner
Schnappschüsse – und gestand seine selbstverständlich etwas reservierte Liebe zur kommunistischen Ikonographie, wobei er erfreulicherweise betonte, absolut kein Anhänger des
Kommunismus zu sein:
Zitat: Treptower Park in the sunshine. I’m absolutely no fan of communism, but I do love a bit of communist iconography. (25. April 2025)
Es ist ein durchaus interessanter Konflikt, der eine nähere Betrachtung
verdient hat: Was hat es mit dieser kommunistischen Kunst auf sich, die sowohl beeindrucken kann als auch Produkt sowie vor
allem Verführungsmittel einer mörderischen Ideologie ist, die nicht nur
Abermillionen Menschenleben gefordert, sondern das Leben vieler weiterer
Millionen zu einer Leidensgeschichte gemacht hat? Aber wenn wir das Thema
so anfassen, sind wir bereits Opfer einer Mystifikation geworden: Bei dem
sowjetischen Ehrenmal in Treptow geht es nicht in erster Linie um den
Kommunismus, auch wenn hier und dort ein Sowjetstern sowie Hammer und
Sichel zu sehen sind. Der Kreml-Kommunismus war zeit seines aktiven Lebens
nämlich nur die äußerste, die zuletzt angeklebte Schicht der Moskauer
Zwiebel, mit der sie sich der anfangs sehr darüber verblüfften Welt zeigte.
Das eigentliche Thema sollte, wenn wir über dieses sowjetische Ehrenmal in
Treptow sprechen, der russische Imperialismus sein. Dass man sich seit dem
Zusammenbruch der Sowjetunion zu sehr auf die äußerste und damit am besten
sichtbare Schicht der Moskauer Zwiebel konzentriert hat, um sie, ihre
Geschichte und ihr Wesen zu verstehen, ist ein nicht geringer Fehler,
dessen Konsequenzen wir seit ein paar Jahren bitter spüren. Viele Experten
und Forscher haben sich zu sehr darauf beschränkt, etwas Besiegtes,
Abgestorbenes zu sezieren, das Geschichte geworden ist, und sie haben die
Kräfte nicht sehen können oder wollen, welche die Ruinen noch trugen und
sie allmählich mit neuem Leben füllten, das wieder fremdes Leben
beherrschen oder vernichten will. Nun tränen uns selbst die Augen, und in
den Zonen, in denen Moskau seinen erbarmungslosen Terror ausübt, sterben
Hunderte, sterben Tausende, sterben Millionen: Pflanzen, Tiere, Menschen.
Alles wird ausgelöscht, damit am Ende ein paar weiß-blau-rote Stofffetzen
in und über den traurigen Resten wehen können …
Ein Mahnmal der leeren Größe
Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park, erbaut zwischen 1946 und 1949,
ist das größte Denkmal für die Soldaten der Roten Armee in Deutschland. Es
beherbergt die Gräber
von ungefähr 7000 Sowjetbürgern, die im Kampf um das faschistische Berlin
fielen. Das Ehrenmal ist eine gigantische Anlage, die 10 Hektar einnimmt
und für die 40.000 Kubikmeter Granit benötigt worden sind. Dem Besucher
zeigen sich Zitate des Rekordmassenmörders Stalin ebenso wie die
sowjetische Lesart der Geschichte, die den Krieg auf die Spanne von 1941
bis 1945 verkürzt, obwohl die Sowjetunion den Zweiten Weltkrieg 1939
gemeinsam mit Nazi-Deutschland begonnen hat. Das ist alles so bekannt wie
bedauerlich, und nach wie vor wird diesen Dingen an Ort und Stelle nicht
widersprochen, weil uns Verträge daran hindern und weil es uns am Willen
dazu mangelt.
Fokuspunkt der Anlage ist eine 30 Meter hohe schwarze Statue, die einen
sowjetischen Soldaten darstellt, der ein Kind rettend im Arm hält, während
die Spitze eines Schwertes, das er mit seiner anderen Hand hält, auf ein
zerbrochenes Hakenkreuz zeigt. Laut Aussage des Bildhauers soll die Rettung
des Kindes rein symbolisch sein und sich nicht auf ein reales Ereignis
beziehen. Wie die Russen die östlichen Teile Deutschlands eroberten und was
sie danach taten, ist hinlänglich bekannt. Zu jüngeren Kindern sollen sie
oft recht freundlich gewesen sein, Pech hatten ältere, insbesondere, wenn
sie weiblichen Geschlechts waren.
Spazieren um Gräber
An einem sonnigen Frühlingstag Ende April 2025, an dem ich die Anlage
zuletzt besuchte, war hier noch nicht sonderlich viel Verkehr. Einige
Touristen liefen auf den überbreiten Wegen in kleineren Gruppen, als Paare
oder Einzelgänger – auch alte DDR-Loyalisten und Russen waren unter ihnen.
Sie verrieten sich durch ihre Erscheinung, durch ihre Sprache, durch ihre
Worte. Ich fragte mich: Wenn die unbescholtenen ausländischen Touristen
wenig von der Geschichte, auf die sich das Ehrenmal bezieht, wissen, wie
wird es ihre Gedanken darüber beeinflussen? Welches Bild von der
Sowjetunion wird es in ihren Köpfen generieren? Was hingegen die
aussterbenden Anhänger der Moskauer Diktaturen in Osteuropa dachten und
fühlten, konnte ich mir nur zu gut ausmalen …
Moskauer Prägungen
Ein Bild von der Statue des kindrettenden und -schützenden Sowjetsoldaten
ist mir das erste Mal ganz bewusst in den 1980er Jahren begegnet. Ich lag,
damals selbst noch ein Kind, in einem Krankenhaus und konnte froh sein, die
Nacht überlebt zu haben: Meine in dem Moment, da sie mich lebend
wiedersahen, erleichterten Eltern reichten mir vorzeitig ein Geschenk
meiner Neustrelitzer Patentante, um mich ein wenig aufzumuntern. Mein Vater
machte dabei ein düsteres, sehr abschätziges Gesicht, das mir noch heute in
Erinnerung ist, aber er hatte wohl versprochen, mir das Objekt trotz seines
großen Widerwillens auszuhändigen. Für ihn bedeutete es etwas gänzlich
anderes als für mich, der ich noch keinen Begriff von dem hatte, wofür es
insgesamt stand. Es handelte sich um eine 10 Mark-Münze, die 1985
anlässlich des “40. Jahrestages des Sieges über den Hitlerfaschismus und
der Befreiung des deutschen Volkes vom Faschismus” geprägt und unter das
geknechtete DDR-Volk gebracht worden war. Ich lag, nachdem die Besuchszeit
vorbei war, wieder allein in meinem Bett und spielte fasziniert mit dieser
silbern ausschauenden Kupfer-Nickel-Münze, besah sie mir von allen Seiten
und fragte mich, ob ich die darauf abgebildete Statue irgendwann einmal
besuchen würde. Mit dem Kind, das der mächtige Soldat im Arm hielt, konnte
ich mich allerdings in meiner Situation nicht identifizieren: Mich hatte
ein Arzt gerettet, aber die Münze gefiel mir trotzdem außerordentlich, sie
strahlte etwas Erhabenes aus, und schien mir auch etwas ziemlich Besonderes
zu sein, aber das war ein kindlicher Irrtum: Von ihr wurden über eine halbe
Million Exemplare geprägt.
Der reale Ort im Wandel der eigenen Anschauung
Später, als ich nach Berlin gezogen war, besuchte ich das Ehrenmal immer
mal wieder, auch zum 60. Jahrestag, der 2005 stattfand. Es war für mich vor
allem ein interessanter Ort zum Fotografieren und um “der Geschichte” zu
begegnen, vielleicht nicht ganz weit weg von dem, was der eingangs erwähnte
britische Historiker dort gesucht hat, aber das ist nur eine unbestätigte
Hypothese. Damals befand ich mich auf recht bedauerlichen Abwegen: Ich
studierte Geschichte und setzte mich intensiv mit dem Kommunismus
auseinander – vergeblich nach dem fernen Punkt suchend, an dem diese Idee
vielleicht noch eine gute war, denn mit dem Kapitalismus, wie er sich bis
dahin entwickelt hatte, war ich ziemlich unzufrieden, nicht zuletzt
deswegen, weil ich nicht von ihm zu profitieren schien. Diese fruchtlose
Phase ist längst überwunden. Jetzt, wieder 20 Jahre später, sehe ich das
Sowjetische Ehrenmal in Berlin Treptow aus einer ganz anderen Perspektive,
aber sie ist keinesfalls neu, sie hat sich schon 2014 eingestellt, als die
kriegstreibenden Russen ganz ungeniert die Eroberung der ukrainischen Krim
feierten.
Mich heute auf diesem riesigen Gelände zu bewegen, lässt mich schaudern.
Ich sehe die Leere, die Weite, den gigantomanischen Pomp, der einen selbst
ganz klein fühlen lassen soll. Ja, es gibt die Statuen der beiden knienden
Soldaten, die Statue von der Mutter mit dem maskulinen Gesicht und die
Statue des erhabenen Kindesretters – aber das alles hat kaum etwas
Menschliches. Hier geht es wie in Russland nicht um Individuen, sondern das
große Ganze: Um die Gefallenengräber zu identifizieren, schaut man sich am
besten einen abstrakten Grundriss der Anlage an, vor Ort bleiben die
Einzelnen, die ihr Leben gaben, nahezu unsichtbar …
Des Satans schwarzer Penis
Auch wenn es uns als Nachfahren der nationalsozialistischen Täter aufgrund
der ererbten Schuld schwerfällt, es deutlich zu benennen: Das sowjetische
Ehrenmal in Treptow ist seit jeher und nicht erst seit Putins grausamer
Herrschaft eine Propagandastätte Moskaus; und Moskaus erste Prinzipien sind
immer schon Täuschung, Lüge, Gewalt, Krieg und allgemeine Unmenschlichkeit
gewesen. Stalins Anlage in Treptow ist wenig mehr als ein physisches
Sinnbild für den Triumph und den Herrschaftsanspruch Moskaus, auch wenn sie
behauptet: “Wir waren die Guten”. Die Anlage ist fortwährend ein Ort der
russischen Siegesbesessenheit, also selbst, wenn nicht gerade der 8./9. Mai
ist und dort Vertreter des russischen Terrorstaates, motorradfahrende
“Nachtwölfe”, Russlandfans und sonstige Z-Faschisten mit ihren verboten
gehörenden Symbolen aufmarschieren. Es ist ein Ort einer imperialistischen
Kriegsreligion, es ist, um es einmal ganz prägnant bildlich zu beschreiben,
ein Ort Satans, dessen schwarzer Penis die Hölle durchstößt und der den
Besuchern in betrügerischer Absicht als Statue des Kindesretters erscheint,
aber die Maske ist so dünn wie Reispapier sein kann. Hier, an diesem Ort,
geht es nicht wirklich um die Befreiung vom Faschismus – sondern um den
Sieg eines durch die Jahrhunderte wirkenden Bösen über ein anderes
gewaltiges, aber letztlich doch nur temporär wirkendes Böses.
Moskaus Truppen kommen niemals als Befreier, denn auch wenn sie
beispielsweise die Tore von Auschwitz öffnen, was übrigens die 60. Armee
der 1. Ukrainischen Front vollbrachte, so trachten jene, die sie aussenden,
doch nur danach, den Befreiten schon wenig später ihre eigene elende Art zu
leben gewaltsam aufzudrücken. Eine echte Befreiung zum Ende des Zweiten
Weltkriegs fand auf deutschem Boden nur im Westen durch die siegreichen
Streitkräfte von Demokratien statt. Viele Völker Osteuropas hingegen
mussten bis 1989/90 ausharren, um endlich in Freiheit leben zu können:
Frei von deutschen und russischen Ketten – und man muss schon eine
ungeheure Menge Watte im Kopf haben, um sich nach ihnen zurückzusehnen.
Brot und Salz
Was für ein Ehrenmal hätten sich die Deutschen gebaut, wenn es ihnen
gelungen wäre, Moskau zu erobern? Das ist eine Frage so provokant wie
müßig. Interessanter scheint mir zu sein: Wie sähe die Welt heute aus, wenn
die Deutschen nicht als Eroberer und Zerstörer in die Republiken der
Sowjetunion gekommen wären, wenn sie tatsächlich die gewesen wären, als
welche man sie anfangs noch in der Ukraine begrüßte: Befreier von der
blutigen Moskauer Knute? Die ersten freundlichen Begrüßungen der Deutschen
beim Einmarsch in die Ukraine mit Brot und Salz sind unschwer
nachvollziehbar: Die Nazis waren schließlich entschiedene Gegner des
Bolschewismus – und was konnte schlimmer als Stalin und seine Henker sein,
die erst ein paar Jahre zuvor Millionen von Ukrainern in den Hungertod
getrieben hatten? Und in den ersten Tagen des Krieges gegen die Sowjetunion
hatten die sich auf dem Rückzug befindenden Sowjets auch erneut Gräueltaten
angerichtet, so wurden etwa 4000 politische Gefangene in den Gefängnissen
von Lwiw durch Angehörige des NKWD ermordet – und das ist nur ein Beispiel
davon, wie die Moskauer Truppen das Land den deutschen Invasoren
überließen.
Die doppelte Schuld der Deutschen
Was unsere eigenen Vorfahren im Osten wirklich anrichteten, ist bekannt,
aber eines muss vielleicht doch einmal besonders betont werden: Sie haben
sich doppelt schuldig gemacht, nämlich zum einen durch den Krieg und den
damit verbundenen Holocaust, zum anderen aber auch dadurch, dass sie mit
ihren Untaten letztlich dafür sorgten, dass sich Moskau Osteuropa über
Jahrzehnte unterwerfen, es russifizieren und ausbeuten konnte. Wenn auch in
stetig abnehmendem Maße, so leidet Osteuropa doch bis heute darunter.
Hat sich Moskau jemals ernsthaft mit der Wiedergutmachung für diese
Besatzung Osteuropas und die damit verbundenen immensen Schäden befasst?
Wie will es seine Schuld überhaupt abtragen, wenn es sie nicht einmal
eingesteht, sondern sie stattdessen sogar schamlos feiert?
Verrat und Schwäche
Russland ist derzeit das diabolische Gegenbild unserer häufigen und
erschreckenden Willen-, Werte- und Wehrlosigkeit. Fehler, die Länder im
Westen Russlands über Jahrhunderte gemacht haben, führten dazu, dass
Russland uns noch immer ein gefährlicher Feind ist und nie Grund hatte,
sich tiefgreifend zum Besseren zu wenden – was das Land jedoch keinesfalls
entschuldigt: Es ist vollkommen für sich selbst und das, was es anrichtet,
verantwortlich. Während Deutschland sein “Nie wieder Krieg!” hoffentlich
für alle Zeiten verinnerlicht hat, ist Russlands mal mehr oder weniger
deutlich ausgesprochenes Motto nach wie vor “Immer wieder Krieg!”.
Stets hat Russland in unseren Reihen willige Kollaborateure und Verräter
gefunden, die uns aus niederen Motiven oder Verblendung absichtlich
geschwächt haben. Durch westlichen Verrat gelangte Moskau einst sogar
schneller an die Atombombe, mit der Putin und seine Schergen der Ukraine
und auch uns heute immer wieder drohen.
Wenn wir uns eine friedlichere Zukunft wünschen, in der Moskau wesentlich
geringere Schäden als momentan anrichtet, müssen wir auch ganz entschieden
gegen diesen dauernden Verrat vorgehen, vor allem aber auch gegen die
direkte russische Propaganda, jene teuflischen Moskauer Märchen, die Herz
und Hirn von Millionen Menschen vergiften, welche am Ende
russlandfreundliche Parteien in die Parlamente wählen und die uns alle in
eine große Katastrophe stürzen könnten. Das sowjetische Ehrenmal in Treptow
ist nur ein ganz kleines Puzzlestück der Moskauer Propaganda – aber ein
Puzzlestück ist es.
Gedenken statt Propaganda
Damit der 8. und 9. Mai dieses Jahr nicht wieder vom kriegführenden
Russland vereinnahmt werden, ruft aktuell eine Initiative zu Mahnwachen und
Aktionen an den beiden wichtigsten Ehrenmälern in Berlin auf.
Wann und wo
– 8. Mai 2025 ab 10:00 ganztags: Sowjetisches Ehrenmal in Treptow und
Tiergarten
– 9. Mai 2025 ab 8:00 Uhr am Sowjetischen Ehrenmal in Treptow (wichtig!)
– 9. Mai 2025 ab 10:00 Uhr am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten
