Aktuell
© 1999-2026 by Arne-Wigand Baganz

Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Wer jetzt nicht will, wird später müssen

Start > Artikel > 2025

Erinnerungsbaum für Liam Love in Coventry (Mai 2025)

Im Gedenken an den britischen Freiwilligen Liam Love (24), der im Kampf für die Ukraine starb

Wenn man heutzutage die ukrainischen Farben – wenn nicht gerade auf Fahnen – irgendwo sieht, kann man nicht immer sofort absolut sicher sein, dass sie sich auch tatsächlich auf die Ukraine beziehen. Manche Unternehmen wie Vattenfall haben sie bereits vor dem russischen Großangriff benutzt, manchmal mögen sie zufällig oder von irgendeinem dafür empfänglichen Unterbewusstsein gesteuert erscheinen, nicht ganz selten werden sie wegen ihrer positiven Signalwirkung aber auch bewusst im Marketing für Produkte eingesetzt, die überhaupt nichts mit dem von Russland angegriffenen Land zu tun haben; und so musste auch ich neulich vorsichtig schauen, als ich am 80. Jahrestag des VE-Days im englischen Coventry im ursprünglich nur für die heimischen Opfer des Ersten Weltkriegs angelegten War Memorial Park (1921) an einem Erinnerungsbaum eine blau-gelbe Schleife und genauso gefärbte Kunstblumen vor einem kleinen Stein mit einer Plakette sah: Worum handelte es sich hier? Ich bekam schnell Gewissheit, denn ich ging ein paar Schritte über den frühlingsfrischen Rasen auf den Baum zu und beugte mich zu der Plakette hinunter, um die Zeichen auf ihr zu lesen:

Zitat:

In memory of
Liam Love
Ukrainian 3rd Assault Brigade
UK Volunteer
KIA aged 24
9th October 2024


Wer war Liam Love, der sein Leben so früh für die Verteidigung der Freiheit gab, und an den hier neben vielen Helden des Ersten und Zweiten Weltkriegs erinnert wurde? Wenn man seinen Namen recherchiert, erfährt man, dass erst in diesem März ein Trauergottesdienst für Liam in der Kathedrale von Coventry abgehalten worden ist. Presseartikel zeigen ihn auf einem Bild aus dem Familienarchiv, wie er mit kurzen Haaren in einer Uniform lächelnd auf einem rostigen Panzer sitzt; auf einem anderen Bild steht er vor einer durchlöcherten Wand, zwei Patronengürtel hängen ihm so von den Schultern über die Brust, dass sie ein Kreuz bilden, unter seinem Kinn wallt wollig ein dunkler Bart.

Als britischer Soldat hat Liam Love im Royal Anglian Regiment vier Jahre lang dabei geholfen, ukrainische Rekruten auszubilden. Mit einigen von ihnen freundete er sich an und hielt den Kontakt auch, nachdem sie zurück in die Ukraine gegangen waren, um mit ihren neu erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten gegen den brutalen Aggressor zu kämpfen. Viele von Liams Kameraden wurden getötet und in ihm selbst reifte der Entschluss, dass er noch mehr gegen das aus Russland kommende Böse tun müsse. Sein Vater Michael hat es für “Coventry Live” mit diesen Worten beschrieben:

Zitat:

„Er sympathisierte mit dem ukrainischen Volk und seiner Not, und ich glaube, er hatte das Gefühl, dass er den ukrainischen Rekruten nicht genug gegeben hatte, als er Teil der Ausbildungsmaßnahmen war. Also wollte er hinausgehen und ihnen helfen, sich von dem zu befreien, was die Russen zu dieser Zeit taten”.


Einen Monat, bevor Liam getötet wurde, war er bereits durch ein Artilleriegeschoss verletzt worden, aber das hielt ihn nicht davon ab, gleich nach seiner Genesung weiter für die Ukraine zu kämpfen. Am Tag seines Todes rief ein Kamerad von Liam dessen Vater an, um ihm die traurige Nachricht zu überbringen. Es war ein Anruf, den er hoffte, niemals entgegennehmen zu müssen, aber für den Sohn war der eigene Tod eine Eventualität, auf die er sich vorbereitet hatte: Seine Sachen waren geordnet, sein Testament geschrieben. Eigentlich hätte es zu Weihnachten 2024 ein familiäres Wiedersehen geben sollen, bis dahin hatte Liam noch an der Front aushalten wollen …

Der Krieg als Medienereignis
Es ist wünschenswert, aber nicht selbstverständlich, dass sich Menschen im westlichen Europa für das interessieren, was Russland in der Ukraine anrichtet, denn der russische Krieg begegnet ihnen größtenteils nur in den Medien. Auf den Krieg bezogene Nachrichten könnten Menschen einfach anteillos an sich vorbeirauschen lassen, sie könnten aktiv das Programm wechseln oder weiterscrollen – aber wenn sie es nicht machen, müssen sie sich fragen, was ihre Position zu diesem Krieg ist, und wenn sie diese festgestellt haben und sich dabei hoffentlich auf der Seite des Opfers der Aggression wiederfinden, müsste auch die Frage aufkommen, was der eigene Beitrag ist, den man leisten kann, damit Russland diesen Krieg verliert. Natürlich haben die allermeisten ihre Position schon vor Jahren gefunden, und nebenbei bemerkt ist es eine Seltenheit, dass Menschen sie noch einmal ändern, aber es ist doch schon vorgekommen.

Der Ukraine helfen
Liam Love hat die extremste und vielleicht auch effektivste Option gewählt, um die gerechte Sache der Ukraine zu unterstützen, aber nicht jeder ist ein Soldat oder taugt zu einem solchen. Jeder jedoch kann auf seine Weise am Sieg des Guten mitwirken: Mancher mobilisiert Teile seines Vermögens, um für humanitäre und militärische Zwecke zu spenden, etliche nehmen an Demonstrationen teil, einige wenige fahren direkt in die Ukraine, um dort Hilfsgüter hinzubringen, viele sind weiße Propagandisten, welche den russischen Informationskrieg bekämpfen – und natürlich gibt es dabei auch häufig Überschneidungen und noch viele weitere Möglichkeiten, sich in der größten menschlichen Auseinandersetzung unserer Zeit, in der Zivilisation und Anti-Zivilisation miteinander ringen, nützlich zu machen.

Ein schwer fassbarer Feind
Ein perverser Aspekt des modernen Krieges ist, dass der Feind schwer zu fassen ist: Er kann dir über tausende Kilometer hinweg tod- und zerstörungbringende Bomben senden, aber du bekommst nicht einmal sein Gesicht zu sehen, höchstens die Gesichter der größten Kriegsverbrecher, aber auch die nur in den Medien. Wenn dir dein häuslicher Nachbar aktiv nach dem Leben trachtet, kannst du ihn in einer Notwehrsituation, in der du der stärkere, schneller, klügere oder einfach nur glücklichere bist, vielleicht persönlich eliminieren – aber wie eliminiert man den mafiös geführten russischen Terrorstaat?

Die Untaten der imperialistischen Bestien
2014, nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch das damals bereits immer stärker in den Faschismus abgleitende Russland, war es immerhin noch möglich, durch die dicken dunklen Eisenstäbe der russischen Botschaft in Berlin zu spucken, um die eigene Abscheu über die Untaten der imperialistischen Bestien auszudrücken, aber ein solcher Akt ändert natürlich nicht die Realitäten, er befreit das eigene bedrückte Herz nur für ein paar wenige Augenblicke, sonst aber geschieht nichts. Wirkungsvoller ist – ohne es durch diese Beschreibung gutzuheißen –, was der Türke Mevlüt Mert Altintas bei einer Fotoausstellung 2016 in Ankara getan hat: Er hat Andrej Karlow, einen Vertreter des russischen Regimes, mit Waffengewalt beseitigt. Dieses erfolgreiche Attentat war aber letztlich auch kaum mehr als ein symbolischer Akt, denn es stellte einen Einzelfall dar, welcher das russische Imperium keinesfalls erschüttert oder gar zum Einsturz gebracht hat – dazu braucht es mehr, viel mehr, und es ist von schwer zu übertreffender Dramatik, wie wenige bei uns die Dringlichkeit oder überhaupt die Existenz dieser Aufgabe erkannt haben, die darin besteht, diesen Einsturz zu begünstigen, ganz zu schweigen von jenen hässlichen Gestalten im freien Europa, die mehr oder weniger offen für unseren größten Feind Russland, von den eigenen Sicherheitsorganen größtenteils unbehelligt, unermüdlich und gewissenhaft gewissenlos arbeiten.

Jetzt oder später
Die wenigsten können und wollen es heute Liam Love nachtun und selbst die Waffen gegen das faschistische Russland erheben, aber wir müssen endlich erkennen, dass es ohne drastisch gesteigerte Einsätze nicht gelingen wird, die russische Aggression gegen die Ukraine zu frustrieren. Letztlich geht es um ganz Europa und sein Leben in Freiheit, denn den Kontinent nach der nicht absolut unwahrscheinlichen Zerstörung der transatlantischen Beziehungen durch Donald Trump zu beherrschen, ist das mittelfristige Ziel Moskaus, und wenn die Ukraine Russland unterliegen sollte, nachdem Ungarn und die Slowakei bereits zu dessen Verbündeten geworden sind und vielleicht bald auch Rumänien an einen pro-russischen Polit-Scharlatan fällt, wird es weitere Kriege gegen die nächsten Nachbarn des wieder wachsenden Imperiums geben, denn für Russland heißt es, weil Kriege sein Lebenselixier sind: “Die Kriege hören niemals auf!” – und so werden viele, die sich heute noch davor drücken, überhaupt irgendeinen Beitrag zu leisten, bald keine Wahl mehr haben, ob sie kämpfen wollen oder nicht: Sie werden gezwungen sein.

Veröffentlicht am 17.05.2025

© 2025 by Arne-Wigand Baganz

Aufrufe: 469

Ihre Bewertung dieses Textes:


Vorheriger Text:
« Immer wieder Krieg
Nächster Text:
» Auch in Zittau Sonnenschein

Verwandte Texte

Das unheilankündigende Geheul der Sirenen
Einige persönliche Eindrücke von Silvester 2023 im ukrainischen Lwiw
Artikel, 07.01.2024

Besetzte Länder, kolonialisierte Seelen
Wer im Bilde darüber ist, wie Menschen in der DDR erzogen worden sind, wird sich nicht besonders darüber wundern, wen und was sie heute wählen – und warum sie die aktuelle russische Diktatur und ihre Verbrechen gemeinhin weniger kritisch sehen als Westdeutsche.
Artikel, 16.06.2024

Taiga Blues – ohne Musik, aber mit Gewalt
Eine gewissermaßen kontemplative, etwas andersartige Rezension von Alexander Ikonnikows Erzählband «Berichte aus der Schlammzeit» – mit vielen Gedanken über Russland im Allgemeinen
Artikel, 21.04.2024