Wenn man heutzutage die ukrainischen Farben – wenn nicht gerade auf Fahnen
– irgendwo sieht, kann man nicht immer sofort absolut sicher sein, dass sie
sich auch tatsächlich auf die Ukraine beziehen. Manche Unternehmen wie
Vattenfall haben sie bereits vor dem russischen Großangriff benutzt,
manchmal mögen sie zufällig oder von irgendeinem dafür empfänglichen
Unterbewusstsein gesteuert erscheinen, nicht ganz selten werden sie wegen
ihrer positiven Signalwirkung aber auch bewusst im Marketing für Produkte
eingesetzt, die überhaupt nichts mit dem von Russland angegriffenen Land zu
tun haben; und so musste auch ich neulich vorsichtig schauen, als ich am
80. Jahrestag des VE-Days im englischen Coventry im ursprünglich nur für
die heimischen Opfer des Ersten Weltkriegs angelegten War Memorial Park
(1921) an einem Erinnerungsbaum eine blau-gelbe Schleife und genauso
gefärbte Kunstblumen vor einem kleinen Stein mit einer Plakette sah: Worum
handelte es sich hier? Ich bekam schnell Gewissheit, denn ich ging ein paar
Schritte über den frühlingsfrischen Rasen auf den Baum zu und beugte mich
zu der Plakette hinunter, um die Zeichen auf ihr zu lesen:
Zitat: In memory of
Liam Love
Ukrainian 3rd Assault Brigade
UK Volunteer
KIA aged 24
9th October 2024
Wer war Liam Love, der sein Leben so früh für die Verteidigung der Freiheit
gab, und an den hier neben vielen Helden des Ersten und Zweiten Weltkriegs
erinnert wurde? Wenn man seinen Namen recherchiert, erfährt man, dass erst
in diesem März ein Trauergottesdienst für Liam in der Kathedrale von
Coventry abgehalten worden ist. Presseartikel zeigen ihn auf einem Bild aus
dem Familienarchiv, wie er mit kurzen Haaren in einer Uniform lächelnd auf
einem rostigen Panzer sitzt; auf einem anderen Bild steht er vor einer
durchlöcherten Wand, zwei Patronengürtel hängen ihm so von den Schultern
über die Brust, dass sie ein Kreuz bilden, unter seinem Kinn wallt wollig
ein dunkler Bart.
Als britischer Soldat hat Liam Love im Royal Anglian Regiment vier Jahre
lang dabei geholfen, ukrainische Rekruten auszubilden. Mit einigen von
ihnen freundete er sich an und hielt den Kontakt auch, nachdem sie zurück
in die Ukraine gegangen waren, um mit ihren neu erworbenen Kenntnissen und
Fähigkeiten gegen den brutalen Aggressor zu kämpfen. Viele von Liams
Kameraden wurden getötet und in ihm selbst reifte der Entschluss, dass er
noch mehr gegen das aus Russland kommende Böse tun müsse. Sein Vater
Michael hat es für “Coventry Live” mit diesen Worten beschrieben:
Zitat: „Er sympathisierte mit dem ukrainischen Volk und seiner Not, und ich glaube, er hatte das Gefühl, dass er den ukrainischen Rekruten nicht genug gegeben hatte, als er Teil der Ausbildungsmaßnahmen war. Also wollte er hinausgehen und ihnen helfen, sich von dem zu befreien, was die Russen zu dieser Zeit taten”.
Einen Monat, bevor Liam getötet wurde, war er bereits durch ein
Artilleriegeschoss verletzt worden, aber das hielt ihn nicht davon ab,
gleich nach seiner Genesung weiter für die Ukraine zu kämpfen. Am Tag
seines Todes rief ein Kamerad von Liam dessen Vater an, um ihm die traurige
Nachricht zu überbringen. Es war ein Anruf, den er hoffte, niemals
entgegennehmen zu müssen, aber für den Sohn war der eigene Tod eine
Eventualität, auf die er sich vorbereitet hatte: Seine Sachen waren
geordnet, sein Testament geschrieben. Eigentlich hätte es zu Weihnachten
2024 ein familiäres Wiedersehen geben sollen, bis dahin hatte Liam noch an
der Front aushalten wollen …
Der Krieg als Medienereignis
Es ist wünschenswert, aber nicht selbstverständlich, dass sich Menschen im
westlichen Europa für das interessieren, was Russland in der Ukraine
anrichtet, denn der russische Krieg begegnet ihnen größtenteils nur in den
Medien. Auf den Krieg bezogene Nachrichten könnten Menschen einfach
anteillos an sich vorbeirauschen lassen, sie könnten aktiv das Programm
wechseln oder weiterscrollen – aber wenn sie es nicht machen, müssen sie
sich fragen, was ihre Position zu diesem Krieg ist, und wenn sie diese
festgestellt haben und sich dabei hoffentlich auf der Seite des Opfers der
Aggression wiederfinden, müsste auch die Frage aufkommen, was der eigene
Beitrag ist, den man leisten kann, damit Russland diesen Krieg verliert.
Natürlich haben die allermeisten ihre Position schon vor Jahren gefunden,
und nebenbei bemerkt ist es eine Seltenheit, dass Menschen sie noch einmal
ändern, aber es ist doch schon vorgekommen.
Der Ukraine helfen
Liam Love hat die extremste und vielleicht auch effektivste Option gewählt,
um die gerechte Sache der Ukraine zu unterstützen, aber nicht jeder ist ein
Soldat oder taugt zu einem solchen. Jeder jedoch kann auf seine Weise am
Sieg des Guten mitwirken: Mancher mobilisiert Teile seines Vermögens, um
für humanitäre und militärische Zwecke zu spenden, etliche nehmen an
Demonstrationen teil, einige wenige fahren direkt in die Ukraine, um dort
Hilfsgüter hinzubringen, viele sind weiße Propagandisten, welche den russischen Informationskrieg bekämpfen – und
natürlich gibt es dabei auch häufig Überschneidungen und noch viele weitere
Möglichkeiten, sich in der größten menschlichen Auseinandersetzung unserer
Zeit, in der Zivilisation und Anti-Zivilisation miteinander ringen,
nützlich zu machen.
Ein schwer fassbarer Feind
Ein perverser Aspekt des modernen Krieges ist, dass der Feind schwer zu
fassen ist: Er kann dir über tausende Kilometer hinweg tod- und
zerstörungbringende Bomben senden, aber du bekommst nicht einmal sein
Gesicht zu sehen, höchstens die Gesichter der größten Kriegsverbrecher,
aber auch die nur in den Medien. Wenn dir dein häuslicher Nachbar aktiv
nach dem Leben trachtet, kannst du ihn in einer Notwehrsituation, in der du
der stärkere, schneller, klügere oder einfach nur glücklichere bist,
vielleicht persönlich eliminieren – aber wie eliminiert man den mafiös
geführten russischen Terrorstaat?
Die Untaten der imperialistischen Bestien
2014, nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch das damals
bereits immer stärker in den Faschismus abgleitende Russland, war es
immerhin noch möglich, durch die dicken dunklen Eisenstäbe der russischen
Botschaft in Berlin zu spucken, um die eigene Abscheu über die Untaten der
imperialistischen Bestien auszudrücken, aber ein solcher Akt ändert
natürlich nicht die Realitäten, er befreit das eigene bedrückte Herz nur
für ein paar wenige Augenblicke, sonst aber geschieht nichts.
Wirkungsvoller ist – ohne es durch diese Beschreibung gutzuheißen –, was
der Türke Mevlüt Mert Altintas bei einer Fotoausstellung 2016 in Ankara
getan hat: Er hat Andrej Karlow, einen Vertreter des russischen Regimes,
mit Waffengewalt beseitigt. Dieses erfolgreiche Attentat war aber letztlich
auch kaum mehr als ein symbolischer Akt, denn es stellte einen Einzelfall
dar, welcher das russische Imperium keinesfalls erschüttert oder gar zum
Einsturz gebracht hat – dazu braucht es mehr, viel mehr, und es ist von
schwer zu übertreffender Dramatik, wie wenige bei uns die Dringlichkeit
oder überhaupt die Existenz dieser Aufgabe erkannt haben, die darin
besteht, diesen Einsturz zu begünstigen, ganz zu schweigen von jenen
hässlichen Gestalten im freien Europa, die mehr oder weniger offen für
unseren größten Feind Russland, von den eigenen Sicherheitsorganen
größtenteils unbehelligt, unermüdlich und gewissenhaft gewissenlos
arbeiten.
Jetzt oder später
Die wenigsten können und wollen es heute Liam Love nachtun und selbst die
Waffen gegen das faschistische Russland erheben, aber wir müssen endlich
erkennen, dass es ohne drastisch gesteigerte Einsätze nicht gelingen wird,
die russische Aggression gegen die Ukraine zu frustrieren. Letztlich geht
es um ganz Europa und sein Leben in Freiheit, denn den Kontinent nach der
nicht absolut unwahrscheinlichen Zerstörung der transatlantischen
Beziehungen durch Donald Trump zu beherrschen, ist das mittelfristige Ziel
Moskaus, und wenn die Ukraine Russland unterliegen sollte, nachdem Ungarn
und die Slowakei bereits zu dessen Verbündeten geworden sind und vielleicht
bald auch Rumänien an einen pro-russischen Polit-Scharlatan fällt, wird es
weitere Kriege gegen die nächsten Nachbarn des wieder wachsenden Imperiums
geben, denn für Russland heißt es, weil Kriege sein Lebenselixier sind:
“Die Kriege hören niemals auf!” – und so werden viele, die sich heute noch
davor drücken, überhaupt irgendeinen Beitrag zu leisten, bald keine Wahl
mehr haben, ob sie kämpfen wollen oder nicht: Sie werden gezwungen sein.
