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Zerstrittene Kinder im Sandkasten und andere russische Märchen

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Symbolische Darstellung eines ukrainischen Hinterbliebenen, der um sein Kind trauert (AI Art)

Mit welchen rhetorischen Mitteln die zwei Großspender des BSW Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine relativieren und letztlich rechtfertigen

In einer “Angst vor Krieg” genannten Dokumentation, die am 7. April 2025 das erste Mal bei der ARD gezeigt worden ist und welche die Zuschauer über die neue, von Russland geschaffene Realität aufklären sollte, zu welcher der Krieg so selbstverständlich gehört wie der Rückfall in die schlimmste Barbarei des 20. Jahrhunderts, hat Anne Will neben vielen anderen auch die obskuren Großspender des BSW, das Ehepaar Lotte Salingré und Thomas Stanger, zu Wort kommen lassen. Man kann sich darüber ärgern, dass den beiden die Möglichkeit gegeben worden ist, ihre naive pro-russische Sicht der Dinge und zugleich ein paar Propagandanarrative im öffentlichen Fernsehen vor einem großen Publikum zum Besten zu geben, aber es ist auch etwas, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen, weil nicht geringe Teile der deutschen Bevölkerung, wahrscheinlich mindestens ein Drittel, wenn man sich an den Ergebnissen der Bundestagswahl orientiert, für diese schiefen Erzählungen empfänglich ist.

Ein Kinderstreit im Sandkasten?
Lotte Salingré versucht in dem Interview, ihren Blick auf die “Krise” – sie nennt den russischen Krieg gegen die Ukraine ganz im Einklang mit der russischen Propaganda nicht einmal Krieg – zu erklären. Was wir zwischen der Ukraine und Russland sehen, sei mit zwei Kindern vergleichbar, die sich im Sandkasten streiten: Denen würde man ja auch keine Waffen in die Hand drücken, damit sie ihren Streit bis zum Ende austragen.

Kein Kinderstreit im Sandkasten!
Dieses Bild ist vielfach falsch, für sich betrachtet, also ohne Bezug auf den Krieg, ist es aber richtig, was es tatsächlich gefährlich macht, wenn man es annimmt, denn wer würde Frau Salingré nicht beipflichten: Diesen imaginären Kindern im Sandkasten würden wohl die wenigsten Waffen geben, damit sie sich gegenseitig verletzen und vielleicht sogar töten. Der Witz ist aber nun, dass die Realität überhaupt nichts mit diesem eingängigen Bild zu tun hat. Russland und die Ukraine sind keine Kinder, die sich streiten, und wir sind auch nicht die klügeren und mächtigeren Eltern, die von außen einfach eingreifen und das Geschehen zwischen den beiden so beeinflussen könnten, wie sie sich das wünschen. Wenn man unbedingt beim primitiven Bild vom Sandkasten bleiben will, ist es doch viel eher so: Russland und die Ukraine haben ihren jeweils eigenen Sandkasten, ihr Territorium, in dem viele Kinder spielen, also Staatsbürger wohnen. Seit 2014 nun schickt Russland schwer bewaffnete Kinder aus seinem Sandkasten in den Sandkasten der Ukraine, um diesen komplett an sich zu reißen. Es gelingt ihm in Teilen und dort begeht es für normale Menschen unvorstellbare Verbrechen gegen die Menschlichkeit, richtet Massaker an, betreibt ganz gezielt einen Völkermord, aber nicht nur in den Teilen, die es besetzt: Es bombardiert den Sandkasten auch seit über 3 Jahren, sodass keine Ecke verschont bleibt. Russland verwandelt den ukrainischen “Sandkasten” nach und nach in einen Friedhof …

Unsere moralische Pflicht
Fragen wir also jetzt noch einmal: Würden wir den Kindern im ukrainischen Sandkasten Waffen geben, damit sie sich gegen die angreifenden Russen verteidigen können? Wer Humanist ist, kann darauf nur antworten: Auf jeden Fall, denn es ist unsere moralische Pflicht, das Böse aufzuhalten und wenn möglich entscheidend zu schlagen, damit es keine weiteren Schäden anrichten kann. Schon eine neutrale Position unterstützt den Aggressor, ist unterlassene Hilfeleistung, und je nachdem, wie streng man urteilt, vielleicht sogar Mittäterschaft.

Warum hat Lotte Salingré den Zuschauern dieses ungeheuer verharmlosende und absolut unzutreffende Bild mitgegeben? Nun, weil es sehr einfach gestrickte Propaganda ist, die bei vielen weniger kritischen Gemütern verfängt, denn wenn man sich nur auf das Bild konzentriert und nicht auf das, was es erklären soll, deckt es sich mit den Anschauungen und dem Erfahrungshorizont vieler Menschen: Kinder sollen sich nicht streiten, und die klügeren Eltern müssen schlichtend eingreifen, wenn sie es doch tun.

Köder und Haken
Nehmen wir einmal an, Lotte Salingré verbreitet die Propaganda des Aggressors wirklich nicht aus Bosheit und auch nicht, weil sie mit dem faschistischen Russland gemeinsame Sache machen will. Vielleicht überfordert sie der Krieg einfach, was man ihr sicherlich nicht einmal übelnehmen könnte, aber warum muss sie sich dann dazu äußern? Es ist mehr als gut begreiflich, wenn der russische Angriffskrieg das Verständnisvermögen so manch eines Menschen übersteigt, der in einer gänzlich anderen Welt aufgewachsen ist und der mit den Kategorien, in denen die Z-Russen denken und operieren, um ihr Imperium zu vergrößern, nichts anfangen kann, ja, sie nicht einmal kennt. Was bleibt so einem Menschen übrig? Er wird versuchen, sich mit seinen eigenen Kategorien einen Reim auf das Geschehen zu machen, und nicht selten kommt er dann zu so vollkommen vertrottelten Vergleichen wie mit den Kindern im Sandkasten. Eine Vorstufe dazu ist, und die hat Sallingré ja auch erwähnt, dass zu einem Streit immer zwei gehören würden. Das ist auch so eine Plattitüde, die ich schon in meinem näheren Umfeld gehört habe, die man immer wieder hört – auch von Leuten, die nicht gänzlich unintelligent sind. Dass Täter und Opfer numerisch zwei sind, ist richtig, sie auf eine Stufe zu stellen und die Schuld gleichmäßig auf sie zu verteilen, jedoch wieder grundfalsch. Strukturell ist diese Behauptung identisch mit der schiefen Sandkasten-Metapher: Sie kommt mit einem Köder (A), den viele noch bereitwillig schlucken werden, weil er eine abstrakte Wahrheit ausspricht (“Erwachsene sollten schlichtend eingreifen, wenn sich Kinder streiten”, “Einer allein kann sich nicht streiten”), diese wird dann aber vollkommen unpassend auf ein konkretes Ereignis (B, Russlands Angriffskrieg) bezogen. Der Zuhörer soll dazu verleitet werden, seine Wertung von A auf B zu übertragen. Das ist ein billiger rhetorischer Kniff, der jedoch erstaunlich oft funktioniert, weil uns die Auseinandersetzung mit A bereits so emotionalisieren kann, dass wir die defensiven Schranken unseres Verstandes hochfahren und damit B bereitwillig passieren lassen.

Das von Massaker Krywyj Rih
Vor dem Hintergrund des brutalen Angriffs auf einen Kinderspielplatz in Krywyj Rih, der bei der Ausstrahlung des Interviews erst wenige Tage zurückliegt und bei dem nicht nur Erwachsene, sondern auch viele Kinder auf besonders gemeine Weise von den Russen umgebracht worden sind, wirken die Aussagen von Frau Sallingré noch befremdlicher und man kann sich selbst nur fragen: Wie kann ein Mensch so blind und blöd sein, dass er zu so absurden Einordnungen kommt? Auch wenn das Interview vermutlich schon vor dem Angriff auf Krywyj Rih aufgenommen worden ist: Das Bombardement ist ja kein Einzelfall, sondern steht in einer Reihe von abscheulichen Angriffen der Russen auf ukrainisches Leben. Die Bewertung dieses Massakers durch den UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, fällt für jemanden in seiner Position übrigens recht deutlich aus: “Wahllose Angriffe sind nach dem humanitären Völkerrecht verboten und können, sofern sie sich gezielt gegen Zivilisten richten, als Kriegsverbrechen gewertet werden“.

Spenden und Propaganda für das BSW
Im Januar hatte die für ihre russische Schlagseite bekannte “Berliner Zeitung” das Ehepaar Lotte Salingré und Thomas Stanger auf den Titel der Wochenendausgabe gebracht, wo man sanft verführerisch fragte: "Was sind schon 5 Millionen für den Frieden?”. Natürlich war das nur eine weitere Wahlwerbung für das BSW, welche die Berliner Zeitung (wobei man “Berliner” gern einzeln in Anführungszeichen stellen darf, denn die Zeitung könnte genauso gut ein Moskauer Presseorgan sein!) im Vorfeld der Bundestagswahl unermüdlich gemacht hat. Es ist schon eintausend Mal gesagt worden, und es muss auch ein eintausendunderstes Mal noch gesagt werden: Niemand will den Frieden mehr als die Ukrainer, aber sie wollen einen gerechten und nachhaltigen Frieden. Mit Russland aber kann es keinen Frieden geben, denn Russland ist Krieg. Das ist keine billige politische Parole, um das Land in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen, es ist das Selbstverständnis der russischen Z-Propagandisten, die im Krieg das Wesen Russlands wiederentdeckt haben. Es ist die schreckliche Wahrheit.

Rechtfertiger der russischen Aggression
Das Ehepaar sieht diese Dinge natürlich anders, und deswegen scheut es sich auch nicht, in dem Interview mit Anne Will eine weitere Standardrechtfertigung für Russlands Krieg gegen die Ukraine vorzubringen, nämlich die altbekannte Mär von der bösen Osterweiterung der NATO, die eine Bedrohung für den Kreml darstellen würde. Man kann auch dies nicht oft genug wiederholen, und es ist natürlich trotzdem ermüdend: Die Nachbarländer Russlands, die vollkommen freiwillig der NATO beigetreten sind, haben es getan, weil es seit Jahrhunderten der russische Imperialismus ist, der ihr Leben in Frieden und Freiheit bedroht. Sie suchen in der NATO Schutz und sind selbst bereit, andere von Russland gefährdete Mitgliedsländer zu schützen.
Russland ist die Bedrohung, Russland ist der Angreifer, Russland ist unser Feind.
Vielleicht ist es Anne Will mit ihrer Dokumentation gelungen, ein paar Langschläfer, die das noch nicht erkannt haben oder erkennen wollten, wachzurütteln. Es ist an der Zeit, längst an der Zeit, denn Russlands heißer Krieg gegen die Ukraine, gegen die Zivilisation, hat nicht erst am 24.02.2022 begonnen.

Die russische Gefahr eindämmen
Wenn es um dieses expansiv-militaristische Projekt, das den Namen Russland trägt, tatsächlich einen umfassenden und effektiven Eindämmungsgürtel über seinen kompletten Grenzverlauf gäbe, wäre das übrigens sehr begrüßenswert: So könnte sich das Moskowiter Gangrän nur schwer weiter ausbreiten, aber davon sind wir sehr weit entfernt, weil es an Einigkeit und vor allem an entschlossenem Handeln mangelt. Nach innen ist Russland selbst auf größtmögliche Einigkeit bedacht, außerhalb seiner Grenzen aber sät es genussvoll Zwietracht, um uns, seine Feinde, zu schwächen. Deshalb freut es sich auch, wenn wir unsere Ressourcen verbrauchen, um uns über eine ausufernde Identitätspolitik und andere politische Aberrationen der Gegenwart zerstreiten.

Alles Übel der Welt
Es ist nicht verwerflich, wenn jemand über sich sagt: Ich kann mich nicht mit allem Übel auf der Welt befassen, nicht überall auskennen, aber dann sollte man sich vielleicht auch besser zurückhalten und nicht mit verharmlosenden Bildern zum Schaden, den der russische Aggressor derzeit anrichtet, beitragen. Dass jemand anderes, der z.B. seit vielen Jahren in die Ukraine reist oder dort Verwandtschaft hat, ein besonderes Verhältnis zu dem Land pflegt, ist ja selbstverständlich, und auch, dass er sich wahrscheinlich ganz anders engagiert. So ein Jemand kann nicht fordern, dass es ihm andere gleichtun, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass er seine pro-ukrainischen Positionen nicht nur aus einer persönlichen Parteilichkeit heraus vertritt, sondern weil er sich für die Opfer und nicht die Täter einsetzen will, oder allgemeiner: Weil er die Ungerechtigkeit hasst und die Gerechtigkeit liebt.

Reichtum schützt vor Dummheit(en) nicht
Wenn man dem Ehepaar Lotte Salingré und Thomas Stanger zuhört, mag es verwundern, wie solche Leute zu so viel Geld gekommen sind, sodass sie auch noch einen Teil davon für solche ausgemachten Gemeinheiten wie das aufdringlich pro-russische Projekt der Sahra Wagenknecht spenden können, aber materieller Reichtum schützt eben vor Dummheit nicht, er ist kein Nachweis für irgendetwas, das außer ihm liegt, schon gar nicht für Moral.

Reiche Leute sind erst einmal nur reich – ob sie auch gute Menschen sind, steht auf einem anderen Blatt und ist ganz unabhängig von ihren weltlichen Besitztümern, so üppig und “wertvoll” sie auch sein mögen.

Veröffentlicht am 12.04.2025

© 2025 by Arne-Wigand Baganz

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