Die Blauäugigkeit – in einigen Fällen auch die Hellblauäuigkeit – mancher
meiner Mitmenschen verblüfft mich noch immer: Auch nach 582 Tagen des
vollumfänglichen russischen Krieges gegen die Ukraine bringen sie es
fertig, den sofortigen Lieferstopp westlicher Waffen in die Ukraine als
adäquate und vielversprechende Friedenslösung anzupreisen. Gut, ich kann
mich vielleicht damit trösten, dass sie als in mehrfacher Hinsicht sehr
einfache Bundesbürger weder direkten Einfluss noch viel Ahnung haben, aber
da sie gar nicht so wenige sind, ist ihre Einstellung nicht komplett
irrelevant, weil sie bei den nächsten Wahlen ihr Kreuzchen bei den
russlandfreundlichen extremen Rechten oder Linken machen könnten, denn
schließlich leben wir noch in einer Demokratie, in der die Volksmeinung
nicht ignoriert werden kann.
Es mag vielleicht stimmen, dass man bei einem Lieferstopp westlicher Waffen
in die Ukraine bald keine Nachrichten mehr ertragen müsste, in denen vom
russischen Raketenterror berichtet wird, und dass man in der tagesschau
keine Bilder mehr von Schützengräben und Panzerschlachten sehen würde, aber
doch nur, weil Russland, wenn wir einmal von den zu erwartenden
Widerstandstätigkeiten ukrainischer Partisanen absehen, sich dann die
komplette Ukraine einverleiben und diese vernichten würde. Die Vernichtung
der Ukraine ist schließlich das erklärte Ziel Russlands, und wenn diese
gelänge, würden bald russische Panzer an den Grenzen Rumäniens und Polens
stehen. Der nächste russische Krieg wäre nur eine Frage von wenigen Jahren,
und wer weiß: Russische Propagandisten träumen offen von einer erneuten
Eroberung Berlins, aber wenn diese einmal Wirklichkeit werden würde, bliebe
einem ja noch die Flucht in den früheren Westen. Vor dessen Grenzen würden
die russischen Faschisten bestimmt halt machen?! Oder auch nicht.
Wer der Ukraine die militärische Unterstützung entziehen möchte, ist kein
Friedensengel, auch wenn er das Wort “Frieden” im Mund führt. Tatsächlich
ist er ein Ermöglicher des russischen Faschismus. Der Frieden, den so ein
Mensch anstrebt, ist ein sehr persönlicher: Ein Frieden, der garantiert,
nicht mehr mit schlechten News belästigt zu werden und das eigene Leben
ungestört leben zu können. Der tückische Trugschluss ist ja, dass ein
Frieden, der nach einem Sieg Russlands folgen würde, das Töten gar nicht
beenden würde, er wäre erst der Anfang zu noch breitflächigeren russischen
Völkermordaktionen in der und gegen die Ukraine. Wer für einen Lieferstopp
westlicher Waffen an die Ukraine ist, möchte, selbst wenn er das nicht
ausdrücklich und wörtlich so sagt, tatsächlich ein Volk von über vierzig
Millionen Menschen der gnadenlosen russischen Genozidmaschine aussetzen.
Wozu diese fähig ist, sieht jeder, der sehen will, seit mindestens 582
Tagen.
Es ist sehr schwierig, mit derlei “friedensbewegten” Menschen zu
diskutieren, weil sie im Prinzip Gläubige sind, die man mit rationalen
Argumenten nicht mehr erreichen kann. Glauben an sich ist nichts
Schlechtes, aber es gibt sehr schlechte Glauben, zum Beispiel den Glauben
daran, dass Russland eigentlich ein ziemliches märchenhaftes Land ist,
dessen Menschen eine unheimlich tiefe Seele hätten, und wenn die Ukraine
nur anerkennen würde, dass sie militärisch schwächer ist, dann würde alles
wieder gut werden – aber auch vor dem 24.02.2022 war bei weitem nicht alles
gut. Die aktuelle russische Aggression gegen die Ukraine, das russische
Töten läuft seit bald zehn Jahren, und keine ausreichende Härte gegen
Russland zu zeigen hat die Situation über die Jahre nur verschlimmert.
Vergessen wir nicht, es gibt auch von Russland ausgebombte Ukrainer, echte
alte Sowjetmenschen, mehr Sowjet als Mensch, die trotz der offensichtlichen
Verbrechen Russlands zu Russland halten, nachzulesen unter anderem in
Jewhen Shyshnatskijs Erfahrungsbericht “Journey to the beyond Mariupol” (2023). Gegen derartig hirnlose Watniks sind unsere hiesigen “nur”
realitätsfremden Russophilen ein lächerlicher Witz.
Hellblauäuigkeit nenne ich es, Unfug zu verbreiten wie: “Es kann doch nicht sein, dass die AfD die einzige Friedenspartei in
Deutschland ist”. Die AfD ist keine Friedenspartei, da der Frieden, dem sie das Wort redet,
nur ein “russischer Frieden” ist, wobei es sich bei diesem Begriff
selbstverständlich um ein Oxymoron handelt: Weil Russland Krieg ist, kann
es keinen russischen Frieden geben. Auch der Frieden, für den die von
Anfang an von der DDR und der Sowjetunion geförderte und finanzierte
Friedensbewegung in der BRD eingetreten ist, war nur ein “russischer
Frieden”: Ein Freifahrtschein für die fortdauernde Erniedrigung und
Versklavung von Millionen und potenziell weiteren Millionen Menschen, die
unter die sowjet-russische Knute fielen und fallen würden.
Es ist übrigens ein großer historischer Fehler, die Sowjetunion lediglich
unter dem Schlagwort “Kommunismus” zu verbuchen, genau wie es ein Fehler
ist, die DDR unter dem Begriff “Stasi” zu subsumieren. Beides sind
grandiose Vereinfachungen, die uns daran hindern, aus der Geschichte zu
lernen, und die vielen Schwachen und Schuldigen zu erkennen, welche die
Existenz der diversen Diktaturen unter Russlands Regie ermöglicht haben.
Der Kommunismus war eine religionsartige Machtphilosophie, die sich
Russland angeeignet und für sich zum Leninismus / Stalinismus
weiterentwickelt hat, um in Form der Sowjetunion, nach dem letzten
Weltkrieg sogar einschließlich Osteuropas, wieder bzw. weiter als Imperium
bestehen zu können. Der Kommunismus gab für Russland ein zur damaligen Zeit
geeignetes Werkzeug ab – aber macht es Sinn, sich nur am Werkzeug
abzuarbeiten und außer Acht zu lassen, wer es mit den allerschlimmsten
Folgen gebraucht hat?
Nach der Wende wurde besonders viel und zurecht auf den Kommunismus
geschimpft, nur hätte man noch viel mehr auf Russland, den Grund vielen
Übels auf der Welt, schimpfen müssen. Ohne Russland hätte der Kommunismus
global niemals eine so verheerende Wirkung entfalten können.
Also, was kann man machen, um die Blauäugigen umzustimmen? Man kann
versuchen, sie argumentativ zu schlagen, aber man wird in der Regel dabei
nur auf eine Betonmauer stoßen, die sich weder von Fakten noch Logik
beeindrucken lässt. Auch emotional kann man sie nicht erreichen, da sie
häufig nur an sich denken: Was müssen sie aktuell für ein Stück Butter
bezahlen, was kostet ein Bier und was das Sechserpack Bratwürste? Was diese
Dinge kosten ist selbstverständlich nicht vollkommen ohne Belang, aber wenn
man dafür bereit ist, einen Völkermord in Kauf zu nehmen damit man selbst
nicht so viel an der Kasse zahlen muss, dann hat man ein wirklich kaputtes
Preisverständnis.
An allem ist doch, denken sie sich, die Ukraine schuld, die nicht so klug
war, dem Stärkeren nachzugeben, dabei ist es genau andersherum: An fast
allem Elend auf dieser Welt sind Menschen wie sie selber schuld, die nur
auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind und für die weltlicher Erfolg das
Maß aller Ding ist. Die denken wohl ungefähr so: “Krass, Du hast wirklich
eine Million Menschen umgebracht? Aber der Erfolg gibt Dir Recht – denn
Erfolg ist einfach alles”.
Abschließend die Frage der Fragen, die auch die Hellblauäugigen
gelegentlich beschäftigt: Wie lange wird der russische Krieg gegen die
Ukraine dauern? Das weiß natürlich niemand, aber so viel doch als Antwort:
Solange Russland ihn noch fortsetzen kann, solange es nicht einsieht, dass
es für es selbst besser wäre, ihn zu beenden. Es hilft nicht, sich zu
belügen. Wir müssen der brutalen Wahrheit ins Auge sehen: Es gibt keinen
anderen Weg aus der Hölle, als die Ukraine mit allem, was wir geben und
liefern können, militärisch zu unterstützen. Diesen Weg müssen wir zu Ende
gehen, denn der Faschismus darf niemals siegen, selbst wenn er aus Russland
kommt und sich in täuschender Absicht selbst Anti-Faschismus nennt!
