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Hellblauäugig durch die Welt

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Nachträglich entschärfte pro-russische Schmiererei in Berlin Friedrichshain (Januar 2023)

Von der kurzsichtigen und egoistischen Sehnsucht nach einem falschen Frieden in der Ukraine

Die Blauäugigkeit – in einigen Fällen auch die Hellblauäuigkeit – mancher meiner Mitmenschen verblüfft mich noch immer: Auch nach 582 Tagen des vollumfänglichen russischen Krieges gegen die Ukraine bringen sie es fertig, den sofortigen Lieferstopp westlicher Waffen in die Ukraine als adäquate und vielversprechende Friedenslösung anzupreisen. Gut, ich kann mich vielleicht damit trösten, dass sie als in mehrfacher Hinsicht sehr einfache Bundesbürger weder direkten Einfluss noch viel Ahnung haben, aber da sie gar nicht so wenige sind, ist ihre Einstellung nicht komplett irrelevant, weil sie bei den nächsten Wahlen ihr Kreuzchen bei den russlandfreundlichen extremen Rechten oder Linken machen könnten, denn schließlich leben wir noch in einer Demokratie, in der die Volksmeinung nicht ignoriert werden kann.

Es mag vielleicht stimmen, dass man bei einem Lieferstopp westlicher Waffen in die Ukraine bald keine Nachrichten mehr ertragen müsste, in denen vom russischen Raketenterror berichtet wird, und dass man in der tagesschau keine Bilder mehr von Schützengräben und Panzerschlachten sehen würde, aber doch nur, weil Russland, wenn wir einmal von den zu erwartenden Widerstandstätigkeiten ukrainischer Partisanen absehen, sich dann die komplette Ukraine einverleiben und diese vernichten würde. Die Vernichtung der Ukraine ist schließlich das erklärte Ziel Russlands, und wenn diese gelänge, würden bald russische Panzer an den Grenzen Rumäniens und Polens stehen. Der nächste russische Krieg wäre nur eine Frage von wenigen Jahren, und wer weiß: Russische Propagandisten träumen offen von einer erneuten Eroberung Berlins, aber wenn diese einmal Wirklichkeit werden würde, bliebe einem ja noch die Flucht in den früheren Westen. Vor dessen Grenzen würden die russischen Faschisten bestimmt halt machen?! Oder auch nicht.

Wer der Ukraine die militärische Unterstützung entziehen möchte, ist kein Friedensengel, auch wenn er das Wort “Frieden” im Mund führt. Tatsächlich ist er ein Ermöglicher des russischen Faschismus. Der Frieden, den so ein Mensch anstrebt, ist ein sehr persönlicher: Ein Frieden, der garantiert, nicht mehr mit schlechten News belästigt zu werden und das eigene Leben ungestört leben zu können. Der tückische Trugschluss ist ja, dass ein Frieden, der nach einem Sieg Russlands folgen würde, das Töten gar nicht beenden würde, er wäre erst der Anfang zu noch breitflächigeren russischen Völkermordaktionen in der und gegen die Ukraine. Wer für einen Lieferstopp westlicher Waffen an die Ukraine ist, möchte, selbst wenn er das nicht ausdrücklich und wörtlich so sagt, tatsächlich ein Volk von über vierzig Millionen Menschen der gnadenlosen russischen Genozidmaschine aussetzen. Wozu diese fähig ist, sieht jeder, der sehen will, seit mindestens 582 Tagen.

Es ist sehr schwierig, mit derlei “friedensbewegten” Menschen zu diskutieren, weil sie im Prinzip Gläubige sind, die man mit rationalen Argumenten nicht mehr erreichen kann. Glauben an sich ist nichts Schlechtes, aber es gibt sehr schlechte Glauben, zum Beispiel den Glauben daran, dass Russland eigentlich ein ziemliches märchenhaftes Land ist, dessen Menschen eine unheimlich tiefe Seele hätten, und wenn die Ukraine nur anerkennen würde, dass sie militärisch schwächer ist, dann würde alles wieder gut werden – aber auch vor dem 24.02.2022 war bei weitem nicht alles gut. Die aktuelle russische Aggression gegen die Ukraine, das russische Töten läuft seit bald zehn Jahren, und keine ausreichende Härte gegen Russland zu zeigen hat die Situation über die Jahre nur verschlimmert. Vergessen wir nicht, es gibt auch von Russland ausgebombte Ukrainer, echte alte Sowjetmenschen, mehr Sowjet als Mensch, die trotz der offensichtlichen Verbrechen Russlands zu Russland halten, nachzulesen unter anderem in Jewhen Shyshnatskijs Erfahrungsbericht “Journey to the beyond Mariupol” (2023). Gegen derartig hirnlose Watniks sind unsere hiesigen “nur” realitätsfremden Russophilen ein lächerlicher Witz.

Hellblauäuigkeit nenne ich es, Unfug zu verbreiten wie: “Es kann doch nicht sein, dass die AfD die einzige Friedenspartei in Deutschland ist”. Die AfD ist keine Friedenspartei, da der Frieden, dem sie das Wort redet, nur ein “russischer Frieden” ist, wobei es sich bei diesem Begriff selbstverständlich um ein Oxymoron handelt: Weil Russland Krieg ist, kann es keinen russischen Frieden geben. Auch der Frieden, für den die von Anfang an von der DDR und der Sowjetunion geförderte und finanzierte Friedensbewegung in der BRD eingetreten ist, war nur ein “russischer Frieden”: Ein Freifahrtschein für die fortdauernde Erniedrigung und Versklavung von Millionen und potenziell weiteren Millionen Menschen, die unter die sowjet-russische Knute fielen und fallen würden.

Es ist übrigens ein großer historischer Fehler, die Sowjetunion lediglich unter dem Schlagwort “Kommunismus” zu verbuchen, genau wie es ein Fehler ist, die DDR unter dem Begriff “Stasi” zu subsumieren. Beides sind grandiose Vereinfachungen, die uns daran hindern, aus der Geschichte zu lernen, und die vielen Schwachen und Schuldigen zu erkennen, welche die Existenz der diversen Diktaturen unter Russlands Regie ermöglicht haben.
Der Kommunismus war eine religionsartige Machtphilosophie, die sich Russland angeeignet und für sich zum Leninismus / Stalinismus weiterentwickelt hat, um in Form der Sowjetunion, nach dem letzten Weltkrieg sogar einschließlich Osteuropas, wieder bzw. weiter als Imperium bestehen zu können. Der Kommunismus gab für Russland ein zur damaligen Zeit geeignetes Werkzeug ab – aber macht es Sinn, sich nur am Werkzeug abzuarbeiten und außer Acht zu lassen, wer es mit den allerschlimmsten Folgen gebraucht hat?
Nach der Wende wurde besonders viel und zurecht auf den Kommunismus geschimpft, nur hätte man noch viel mehr auf Russland, den Grund vielen Übels auf der Welt, schimpfen müssen. Ohne Russland hätte der Kommunismus global niemals eine so verheerende Wirkung entfalten können.

Also, was kann man machen, um die Blauäugigen umzustimmen? Man kann versuchen, sie argumentativ zu schlagen, aber man wird in der Regel dabei nur auf eine Betonmauer stoßen, die sich weder von Fakten noch Logik beeindrucken lässt. Auch emotional kann man sie nicht erreichen, da sie häufig nur an sich denken: Was müssen sie aktuell für ein Stück Butter bezahlen, was kostet ein Bier und was das Sechserpack Bratwürste? Was diese Dinge kosten ist selbstverständlich nicht vollkommen ohne Belang, aber wenn man dafür bereit ist, einen Völkermord in Kauf zu nehmen damit man selbst nicht so viel an der Kasse zahlen muss, dann hat man ein wirklich kaputtes Preisverständnis.
An allem ist doch, denken sie sich, die Ukraine schuld, die nicht so klug war, dem Stärkeren nachzugeben, dabei ist es genau andersherum: An fast allem Elend auf dieser Welt sind Menschen wie sie selber schuld, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind und für die weltlicher Erfolg das Maß aller Ding ist. Die denken wohl ungefähr so: “Krass, Du hast wirklich eine Million Menschen umgebracht? Aber der Erfolg gibt Dir Recht – denn Erfolg ist einfach alles”.

Abschließend die Frage der Fragen, die auch die Hellblauäugigen gelegentlich beschäftigt: Wie lange wird der russische Krieg gegen die Ukraine dauern? Das weiß natürlich niemand, aber so viel doch als Antwort: Solange Russland ihn noch fortsetzen kann, solange es nicht einsieht, dass es für es selbst besser wäre, ihn zu beenden. Es hilft nicht, sich zu belügen. Wir müssen der brutalen Wahrheit ins Auge sehen: Es gibt keinen anderen Weg aus der Hölle, als die Ukraine mit allem, was wir geben und liefern können, militärisch zu unterstützen. Diesen Weg müssen wir zu Ende gehen, denn der Faschismus darf niemals siegen, selbst wenn er aus Russland kommt und sich in täuschender Absicht selbst Anti-Faschismus nennt!

Veröffentlicht am 29.09.2023

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