Sommer 2023. Wir verlassen die Ukraine und kommen in Polen an, während sich
gleichzeitig ein Zug Soldaten zu Fuß in die entgegengesetzte Richtung über
die Grenze bewegt. Die Soldaten ähneln sich äußerlich alle nicht nur wegen
der militärgrünen Kleidung und der kurzen Haare, die sie tragen, sie wirken
allesamt auch kräftig, fit und konzentriert, riesiges schweres Gepäck auf
dem Rücken und vor dem Bauch: Sie kehren zurück in ihre angegriffene Heimat
mit dem Ziel, die neu erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten gegen die
barbarische russische Besatzungsarmee einzusetzen. Sie wollen ihr Land und
ihre Leute verteidigen und den rücksichtslosen, mordwütigen Feind besiegen.
Auch wenn sie als Einheit erscheinen: Jeder dieser mutigen Menschen ist
einzigartig und viel mehr als nur ein Soldat, es sind Menschen, die
Familie, Kollegen, Freunde und Bekannte haben, aber sie alle wissen, dass
sie keine andere Wahl haben, als ihre Gesundheit und auch ihr Leben zu
riskieren, um das Leben selbst zu schützen: Gegen das Böse, das in Russland
eine Heimat gefunden hat und das von dort aus mit scharfen bluttriefenden
Krallen und Klauen um sich greift, bis es endlich gestoppt wird.
Es ist ein brutaler Kontrast: Wir sind im NATO-Land Polen zurück auf
sicherem Boden – und die Soldatenkolonne zieht in die Ukraine, in den Krieg
für die Freiheit und gegen die Unmenschlichkeit. In der Ukraine hätte man
als Besucher durchaus Opfer russischer Kriegsgewalt werden können, weil für
die Russen alles ein Ziel ist, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, geschädigt
zu werden, für uns selbst nicht besonders hoch war: Die nächtlichen und
täglichen Bombenalarme, die Sirenen und eindringlichen Durchsagen mit
warnenden Stimmen, gehen nicht komplett spurlos an einem vorbei. Hinterher
immer das bange Informieren und die Hoffnung, dass möglichst alle
feindlichen Flugobjekte abgefangen worden sind und es keine Opfer und
Zerstörungen gegeben hat. Leider haben die Russen bei ihren Verbrechen zu
oft Erfolg, auch wenn es in Deutschland kaum noch in den Nachrichten
erwähnt wird. Die meisten Menschen ertragen es wohl nicht mehr, Notiz von
den schrecklichen Ereignissen in der Ukraine zu nehmen.
In was für ein Deutschland fahren wir zurück? In eines, in dem gerade jetzt
der rechtsextreme AfD-Politiker Björn Höcke davon träumt, eine Art neuen
Hitler-Stalin-Pakt aufzulegen, wenn er anerkennend Putins Bundestagsrede
von 2001 zitiert: ”Deutsche Technologie und russische Rohstoffe. Zusammen wären wir
unschlagbar.”. Aussagen wie diese sind genauso abscheulich wie die Zustimmungswerte,
welche die AfD momentan erhält. Es gibt kein “Zusammen” mit Russland. “Nie wieder Russland” sollte es stattdessen für jeden anständigen Menschen lauten, der die
richtigen Schlüsse aus der Geschichte dieses fast allen nur Leid bringenden
Landes ziehen kann.
Auf der anderen Seite des russlandfreundlichen Hufeisens ruft die Linke zu
einer Demonstration gegen “Aufrüstung und Krieg” am 2. September 2023 auf. Zwar fordert sie, dass Russland seine
Kampfhandlungen sofort einstellen muss, behauptet aber im Gegenzug, dass
Waffen keinen Frieden schaffen, obwohl sie sich in ihrem Aufruf auf den von
Deutschland (und der Sowjetunion! – was sie natürlich nicht erwähnt)
begonnenen Zweiten Weltkrieg bezieht, der sehr wohl mit Waffen gewonnen
wurde. Den Hitlers und Putins dieser Welt kommt man nämlich redend nicht
bei. Sie müssen im Feld und mit allen verfügbaren Mitteln von einem
Zusammenschluss der Guten geschlagen werden. Zögern und Zaudern hat seit
2014 immer nur noch mehr Menschenleben gekostet und den russischen
Aggressor ermutigt, seinen Krieg zu eskalieren.
Wir fahren auch in ein Deutschland zurück, in dem am Sonntag, den 20.
August 2023 ein pro-russischer Autokorso ein ukrainisches Kulturfestival in
Köln mit den Hoheitssymbolen des Aggressorstaates immerhin umfahren darf.
Die Organisatorin Elena Kolbanikova sagt Reportern in gebrochenem Deutsch: ”Zukunft für Deutschland ist Frieden zwischen Russland und Deutschland”. Die Wahrheit ist leider, dass es Krieg geben wird, solange es Russland
gibt, weil Russland Krieg ist.
So kommen wir also aus der von Russland überfallenen Ukraine nach Polen:
Ich bete für die ukrainischen Soldaten und die anderen Menschen, das ganze
Land – und ich schäme mich schon wieder für die Gesellschaft, in die ich
zurückkehre, und auch für das behütete und doch ein wenig belanglose Leben,
das ich selbst in ihr führen darf.
Alles für den Sieg der Ukraine!
