Saporischschja, eine ostukrainische Stadt im August 2017. Es sind die
heißesten Tage des Jahres. Nach etwa 10 Kilometer Wanderung auf der
Kosaken-Insel Chortyzja erreichen wir Protowsche. Wir haben nichts mehr zu
trinken und riesigen Durst. Es begrüßen uns rostige Artefakte aus dem 2.
Weltkrieg und zwei freundliche ukrainische Ranger, die uns zum
Melissen-Minze-Tee aus eigenem Anbau einladen. Sie sind sich sicher, dass
es solche Kräuter nicht in Berlin gibt; ein wenig haben sie recht. Es ist
der beste Tee meines Lebens und ich wüsste nicht, wo in Berlin ich ihn
ernten könnte. Neben den Holzhäusern summen Bienen um ihre Kästen,
sicherlich wird der Honig ähnlich gut wie der Tee schmecken.
Die Unterhaltung ist etwas schwierig, aber immer nett. Mein Russisch ist
nicht das beste, aus dem Ukrainischen, das die Ranger benutzen, kenne ich
ehrlicherweise nur einige Fetzen, aber wann immer es geht, ersetze ich ein
russisches Wort durch ein ukrainisches. Einer von beiden Rangern war früher
in Ostdeutschland als Soldat stationiert - wie so viele. Deutsch hat er
nicht gelernt, denn er ist aus seiner Kaserne kaum herausgekommen. Der
andere kann auch nur wenige Worte. Immer wieder sagt er “Essen, Arne,
Essen”, denn es gibt ein paar Kekse zum Tee. “Essen, Arne, Essen”. Das ist
extrem komisch, empfindet auch der Ranger. Irgendwann lässt es sich nicht
mehr vermeiden und das Gespräch kommt auf die Politik. “Frau Merkel”, sagt
der eine Ranger und will wissen, was wir von ihr halten. Ich habe wenig
Lust auf eine Diskussion, versuche mich diplomatisch, denn warum sollte man
das nette Beisammensein hier auf dieser idyllischen Insel, dem Herzland der
ukrainischen Kosaken, mit Worten trüben? Einiges macht sie gut, anderes
weniger, sage ich. Der Ranger setzt nach, er meint die vielen Flüchtlinge
in Deutschland. Er hat nicht nur aus den Medien davon erfahren, sondern war
vor einiger Zeit auch in München. Schrecklich sei es dort gewesen, sagt er
seinem Kollegen. Lauter Ausländer. Das sei keine schöne Sache. “Deutschland
ist doch für die Deutschen da”, meint der Ranger. Ja, auch. Was die vielen
Flüchtlinge dort zu suchen hätten? Ich sage ihm, was er selbst weiss: In
Syrien ist Krieg. Und dass man den Menschen helfen müsse. Der Kollege
nickt. “Aber in der Ukraine ist doch auch Krieg?!”. Ja, sage ich. Auch den
Ukrainern muss man helfen.