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Neue Wörter braucht das Land

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Der moderne Befindlichkeitsfetischismus lehrt uns, dass wir die Worte, die wir gewohnheitsmäßig benutzen, misstrauisch hinterfragen müssen. Am besten natürlich alle. Meist scheinen Worte harmlos zu sein, aber wenn man sie ein paar mal hin und her gewendet hat, tief in sich geht und dann noch ein bißchen tiefer, sieht man bereits viel klarer: Viele Worte sind tatsächlich ungeheuer bösartig und gefährlich, sie können Menschen verletzen, gerade diejenigen, mit denen man noch nie etwas zu tun hatte aber von denen man trotzdem ganz genau weiß, wie sie empfinden. Deswegen muss man bei der Wahl seiner Worte immer achtsam sein. Als untauglich ausgemachte Worte müssen weichgespült oder durch bessere Worte ersetzt werden. Schnell hat man dann einen schönen Austauschwortschatz beisammen, den man auf wachsenden Listen eintragen kann bis sich ein ganzes Wörterbuch ergibt: “Deutsch — Schönes sauberes Deutsch”. Das ganze erfordert natürlich etwas Disziplin, aber man darf nie vergessen: Es ist für einen guten Zweck. Er besteht in nichts weniger als der Befreiung der Menschen von schädlicher Sprache. Befreiung ist ja immer gut, oder?

Sehr wichtig ist auch, sein Umfeld zu ermahnen, wenn man es dabei erwischt, wie es statt der neuen besseren Worte weiterhin die alten gebraucht. Es ist unabdinglich, darin nie nachzulassen, dann schleift es sich irgendwann ein. Sprache verändert sich eben — wenn man lang und heftig genug nachhilft. Nicht jeder will es gleich lernen. Da ist etwas Ausdauer gefragt, manchmal natürlich auch Sanktionen.

Ich habe vor kurzem endlich selbst ein böses Wort ausgemacht. Es steckt zum Beispiel in dem Satz: “Du bist mein Sonnenschein”. Entschuldige das kleine Rätsel, aber als Leser, der sich auf der Höhe unserer schönen Zeit befindet, wirst Du sofort erkannt haben, dass es um den “Sonnenschein” geht. Jahrhunderte haben die Menschen nicht genug nachgedacht und das Wort “Sonnenschein” einfach so geschrieben, wie es hier steht: “Sonnenschein”. Was für eine trügerische Harmlosigkeit! Man kann nicht einfach so auf traditionelle Weise “Sonnenschein” schreiben, wo wir ja wissen, wie gefährlich der Sonnenschein sein kann. Er führt zu Sonnenbrand, kann Hautkrebs auslösen, bei zu viel Sonnenschein und zu wenig Wasser dehydrieren Menschen, Tiere und sogar Pflanzen. Außerdem diskriminiert der Sonnenschein den Mondschein, er verdeckt ihn ja regelrecht. Dieser dahingeschriebene Sonnenschein hat es also wirklich in sich, aber die veraltete Schreibweise gibt es überhaupt nicht wieder. Das muss geändert werden — und zwar sofort. Um auf all die Gefahren aufmerksam zu machen, die vom Sonnenschein ausgehen können, lege ich fest, dass er fortan “Sonnensche!n” geschrieben werden muss — und das selbstverständlich von jedem, sonst werde ich ziemlich sauer. Das Ausrufezeichen wird uns mahnen, nie zu vergessen, dass der Sonnensche!n fürchterliche Folgen haben kann. Ich zeige es noch einmal am oben schon angeführten Beispielsatz: “Du bist mein Sonnensche!n”. Großartig. Ich fühle bereits, wie ich die Welt dadurch besser gemacht habe. Komm, mach mit, mach es nach! Wir befreien die Menschen durch eine einfühlsamere Sprache.

Ich freue mich wirklich schon auf das nächste Wort, das ich — wenn nicht gleich ersetzen — so doch erheben kann. Viele neue Wörter braucht das Land. Viele neue Wörter.

Veröffentlicht am 02.02.2021

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