Zwei Menschen, so unterschiedlich wie Tomaten und Möhren. Der eine wird
verbannt in den abgelegenen Teil der europäischen Erde, aus welchem der
andere stammt, der andere erobert, weil sich ihm die Möglichkeit bietet,
die geliebte und schmerzlich vermisste Hauptstadt des einen, aber der
Triumph des anderen bleibt letztlich leer, weil sein harter Griff das
zerstört, was er sich aneignen will. Des einen Waffen sind die Worte, des
anderen – die Waffen.
Der eine schreibt rührende Trauergesänge und Briefe vom Pontus, in denen
dunkle Tränen bis zu uns hinüberfließen, und doch werden wir nie erfahren,
warum genau man ihn aus dem Zentrum entfernte und ob das Leben unter den
“Barbaren” und die Ödnis ihrer Landschaften damals wirklich so entsetzlich
war; dem anderen gelingt es durch einiges Geschick und weil er von dessen
Truppen das Handwerk dazu erlernt hat, das geschwächte Zentrum durch
Belagerungen gewaltig unter Druck zu setzen und schließlich zu plündern.
Er ist ein schwarzer Schwan, mit dem keiner gerechnet hat – jemand, der das
Reich mit seinen Streichen dort trifft, wo es am verwundbarsten ist.
Anerkennung mag er sich gewünscht haben, so wird es noch heute gemutmaßt,
aber wenig weiss man über ihn, was manchen jedoch nicht davon abhält, eine
ganze Monographie über ihn zu verfassen, dazu gleich mehr; vielleicht wurde
er nur 40 Jahre alt. Als Legende und Gegenstand von Gedichten geistert er
durch die Geschichte.
Die beiden, der eine und der andere, sind sich nie begegnet, Jahrhunderte
liegen zwischen ihren Leben — und doch kann man sagen, dass sich ihre Wege
auf gewisse und wahrscheinlich auch unheimliche Weise gekreuzt haben.
Wenn das ein Rätsel hat sein sollen, dann war es natürlich viel zu einfach
zu lösen. Zumindest Ovid, der mit zweien seiner Werke erwähnt wird, dürfte
man sofort erkannt haben. Die andere Figur ist Alarich der Erste,
möglicherweise einst König der Westgoten. Ovid gehört zur Spitze des Kanons
abendländischer Kultur, während Alarich eine Symbolfigur für den drohenden
Untergang eben derselben ist. So unzeitgemäß beide Figuren manchem in ihrer
Konkretheit erscheinen mögen: Als Archetypen von Herausfordern der Macht
sind sie es nicht.
Der Geschichtsprofessor Douglas Boin hat im Jahr 2020 eine
Alarich-Biographie unter dem Titel “Alaric the Goth: An Outsider's History
of the Fall of Rome” veröffentlicht. Die Quellenlage für sein Werk ist, wie
oben bereits angedeutet, dünn gewesen, aber das hat den Autoren nicht davon
abgehalten, fast 300 Seiten zum Thema zu beschreiben. Boin verfolgt mit
seiner Biographie ein besonderes politisches Ansinnen, es geht ihm vor
allem um eine bestimmte Deutung von Alarich, die er popularisieren will:
Der gewiefte Plünderer Roms ist gemäß Boin erst zu diesem geworden, weil
sich das Römische Reich geweigert hat, ihn zu kooptieren, obwohl er als gut
ausgebildeter Soldat in der Peripherie dafür geeignet gewesen wäre. Boin
fabriziert diese These nicht in erster Linie, weil er der historischen
Figur Gerechtigkeit widerfahren lassen will, ihm geht es um die Gegenwart.
Deutlich verkürzt ist Boins Botschaft in etwa diese: “Wenn ihr jene, die zu
euch kommen, um sich auch an euren Fleischtöpfen zu laben, nicht gewähren
lasst, müsst ihr euch nicht wundern, wenn sie eure Hauptstadt in Schutt und
Asche legen”. Das ist wagemutiges Denken, aber eine Kunde, die von nicht
wenigen Beifall erhält, während andere Leser das Buch eben deswegen
kritisieren. Boin hegt für Alarich eine erstaunliche Bewunderung, er
offenbart sich am Ende seiner Monographie mit dieser vielsagenden
Einschätzung:
Zitat: Das mittelalterliche und moderne Europa verdankt einen Großteil seines vielschichtigen Erbes dem Leben Alarichs, eines kühnen, aggressiven, unverblümten und idealistischen Einwanderers, der als Versager starb.
Die Argumente für diese idealisierende Behauptung bleibt er dem Leser leider schuldig.
Ovid hingegen spricht zu uns selbst, damals so stark wie heute durch seine
eigenen Werke, er braucht keinen Mittler, obwohl es auch diese gibt und
gegeben hat, aber wie im Falle Alarichs ist die Quellenlage nicht die
beste, und so stützen sich die meisten seiner Biographen vor allem auf
Ovids literarische Werke, deren Lektüre der Verfasser dieser Zeilen nur
empfehlen kann, obwohl er dadurch plötzlich selbst als Didakt erscheint.
Um das Ende vorwegzunehmen: Der “großnasige” Verbannte, den wir heute Ovid
nennen, welcher sich aber selbst als Naso bezeichnete, wünschte sich die
folgenden Worte auf seinem Grabstein — damit ist vieles, aber natürlich
nicht alles gesagt:
Zitat: Ich, der ich hier liege, Naso, der Dichter, Spieler zärtlicher Liebesgeschichten,
bin an meinem eigenen Talent zugrunde gegangen.
Aber dir, der du vorbeigehst, soll es, wenn du je geliebt hast, nicht schwerfallen zu sagen: Mögen Nasos Gebeine weich ruhen!
