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Die Blicke der Anderen

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Augen und Beäugen

Eine philosophische Spurensuche nach dem wahren Selbst jenseits von Bühne, Beruf und Algorithmus

Für die Anderen in der Welt sind wir ein Anderer, der sich durch seine Anwesenheit, seine Erscheinung, sein Reden, sein Handeln enthüllt – während sich die Anderen für uns analog enthüllen. Es ist ein Wechselspiel, nicht nur der Blicke, sondern auch der Interaktionen. Allerdings kann es dabei, wie Marcel Proust seinen Erzähler in “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” sinnieren lässt, zu einer ungewollten Asymmetrie der Wahrnehmung kommen:

Zitat:

das Bild, das sich andere von unserem Tun und Lassen machen, ist jenem, das wir selbst uns davon machen, nicht ähnlicher als eine Zeichnung irgendeinem missratenen Abzug, auf dem einer schwarzen Linie ein leerer Raum entspricht und einer weißen Fläche eine unerklärliche Kontur.


So sehr wir uns auch bemühen, darauf Einfluss zu nehmen, wir haben nie die vollständige Kontrolle über das Bild, das sich andere von uns machen. Zu oft werden wir Opfer unserer Innerlichkeiten, der eigenen Täuschung, letztere führt jedoch nicht immer zum Scheitern, denn Täuschungen können mitunter produktiv sein. Nehmen wir jemanden, der eine Rede vor einem größeren Publikum halten muss. Wenn er dabei die Rolle des souveränen Sprechers einnimmt, wird er, wenn das Publikum diese Rolle durch bestimmte Reaktionen spiegelt, vorübergehend “wirklich” zu dieser Person, auch wenn er innerlich vielleicht vor Angst bebt.
Die eigene Täuschung kann allerdings auch in Scham enden, wenn die eigenen Fähigkeiten überschätzt werden und man sich mit diesen (oder genauer: ihrem Mangel) vor einem Publikum lächerlich macht …
Niemand wird freiwillig die Scham suchen – viele suchen in den Anderen einen Spiegel, sie ringen um Anerkennung dessen, was sie sein wollen. Bei Sartre, der in diesem Text als Sprungbrett herhalten muss, heißt es hierzu in Anlehnung an Hegel in “Das Sein und das Nichts” (1943), auf das auch nachfolgend weiter Bezug genommen wird:

Zitat:

... ich akzeptiere und will, dass die anderen mir ein Sein verleihen, das ich anerkenne.


Sobald man von Anderen als etwas Bestimmtes erkannt bzw. bewertet wird, und man diese Einschätzung als passend, bestätigend, nützlich usw. hinnimmt oder sogar begrüßt, erwächst einem die Gefahr, dass man die Freiheit verliert, überhaupt noch etwas anderes sein zu können als das, was die Anderen anerkannt haben, weil die Abweichung von der Objektifizierung durch die Anderen die Anerkennung untergräbt. Zu akzeptieren, dass man vom Blick der anderen abhängig ist, ist bereits Unfreiheit.
Sartre geht unter Verwendung einer harten Tropik, die zu ihm vermutlich über Hobbes, Hegel und schließlich Kojeve gekommen ist, noch deutlich weiter:

Zitat:

Der Andere ist der versteckte Tod meiner Möglichkeiten, insofern ich diesen Tod als mitten in der Welt versteckt erlebe.


Der Andere muss aber gar nicht zwangsläufig “der versteckte Tod meiner Möglichkeiten” sein – er kann auch, und damit wenden wir uns deutlich von Sartre ab, durchaus heilsam oder sogar rettend sein, weil er imstande ist, Möglichkeiten aufzuzeigen, die einer vor lauter Selbstzweifel, Betriebsblindheit oder in existentiellen Notlagen gar nicht selbst erkennen kann. Wir kommen später noch einmal darauf zurück.

Das Bild auf der Bühne und der Hinterraum
Das Bild, das man von sich für die Anderen entworfen hat, ganz gleich, wie getreu es tatsächlich rezipiert wird, engt einen, wie eben beschrieben, auf Dauer ein, wenn es nicht Schritt hält mit dem eigenen, inneren Wandel. Vielleicht ist das Bild der Anderen von einem selbst zu einem gewissen Zeitpunkt wirklich einigermaßen kongruent mit dem, was man ist, ganz ausgeschlossen ist das nicht – dieses Bild kann sogar so gefragt oder beliebt sein, dass man als Person materiellen Erfolg hat, man ist der Schriftsteller, der einen Preis gewonnen und / oder einen Bestseller geschrieben hat, man ist der Politiker, der für eine bestimmte Haltung steht, in Talkshows eingeladen und vom Volk gewählt wird usw. – die Anderen erwarten von einem dann eine Fortsetzung des einmal eingeschlagenen Weges, und wer sich dem unterwirft, macht aus seinem Leben allmählich ein Leben-für-Andere, sofern es keine saubere Abgrenzung zwischen “Bühne und Hinterraum” gibt.
Was bleibt beispielsweise einer Person, die ihr Leben in Bildern und Streams ausstellt, noch für ein Hinterraum? Was einer anderen, der die täglichen Schwierigkeiten auf der Bühne bis tief hinein ins Private, in die Beziehung oder in den Schlaf strahlen?

Daran scheitern, bedingungslose Zuwendung zu erlangen
Bei einem gewissen Schlag von Künstlern kann die Kunstproduktion ein unbewusst angewandtes Mittel sein, die Aufmerksamkeit, die Anerkennung, vielleicht sogar die “Liebe” anderer Menschen zu erlangen, aber die Anderen lieben den Künstler niemals als Menschen, nicht an sich, sondern nur für das, was er produziert und für sie darstellt: Sie bewundern die leuchtende stellare Projektion, nicht das Häuflein Elend auf der Erde …
Ein besonders eindringliches Exempel aus der Popkultur: Der Erfolg von “Nevermind” war kein Zufall, sondern intendiert und kalkuliert, aber er hat Kurt Cobain nicht die Gratifikation gebracht, die er sich von diesem bahnbrechenden Album erhoffte; das nachfolgend kreierte “In Utero” – ein Schwanensang voller Lärm, Misanthropie und Verzweiflung – ist eine bewusste Zurückweisung des Massenpublikums, das seinen Part des unausgesprochenen Kontrakts mit Cobain nicht eingelöst hat, und als Akt der Selbstzerstörung gleichzeitig Ausdruck eines gescheiterten Lebensentwurfs, um in der teilweise rigorosen Terminologie von Sartre zu bleiben. Doch auch dieses traurige musikalische “Spektakel” hat das Publikum dankend angenommen, und selbst die nachfolgende, extremste Abwendung des Sängers durch seinen Suizid und damit seinen Übergang in das ewige Schweigen war kein finales Entkommen vor dem Blick der Anderen, weil das Subjekt Kurt Cobain zwar verschwunden, aber als Kultobjekt zugleich unsterblich geworden ist. Analytisch betrachtet handelt es sich um die bittere Geschichte eines maximalen Kontrollverlustes, der nicht mehr zu korrigieren ist, und der Trost für Cobain mag allein darin liegen, dass sein Bewusstsein davon nichts mehr erfahren hat, was natürlich kein Trost ist, denn um das als Trost empfinden zu können, bräuchte er noch ein Bewusstsein …

Brot durch Rollenspiele
Auf der Arbeit führen wir ein Leben unter einem meist nicht offen verhandelten Skript in Rollen. Man ist fachlicher Experte, mutiger und redegewandter Entscheider, oder der immer gutgelaunte Spaßmacher, der wirtschaftlich vielleicht weniger beiträgt, aber doch viel dafür tun kann, dass sich ein Team bei seiner Arbeit einigermaßen wohlfühlt. Im Beruf zeigt man nur so viel von einem selbst, wie nötig und dienlich ist und wirft sich andererseits in seine Rolle. Wer sich als ganzer Mensch enthüllt, und das ist natürlich nicht physisch gemeint, der destabilisiert das Bild, das seine Kollegen, also die Anderen um ihn von ihm haben. Bei zu viel Enthüllung kann das Bild kollabieren und im ärgsten Fall ausgelöscht werden – mit erheblichen Konsequenzen.

Das Phänomen des Blickes der Anderen ist nicht auf die Arbeitswelt begrenzt, es findet in der Freizeit seine Fortsetzung, im Alltag ohnehin, wo immer Menschen sich begegnen, heute besonders markant in der Inszenierung auf den Sozialen Medien. Jemand ist vielleicht der Koch, der sich beim Herstellen leckerer Gerichte in der Küche filmt, aber er wird nicht, wenn er erst einmal eine Weile auf dieser Spur läuft, später gleichzeitig seine Vorliebe für Death Metal oder Vogel-Fotografie einflechten können, weil er damit Gefahr läuft, sein Publikum zu verlieren, obwohl es ihn als Menschen vollständiger erscheinen lassen könnte. Es geht um die Stilisierung des Menschen, der sich als Koch für die Blicke der Anderen darstellt, nicht um seine Person. Gesucht wird der Blick durchs Schlüsselloch, der nur einen Teil der Wirklichkeit preisgibt, obwohl man die Tür auch einfach öffnen könnte:
Uns interessieren die Rezepte des Kochs, die geschickt ausgeführten Handlungen in der Küche, wir wollen das sehen, was wir erwarten …
Nicht nur dem Koch mag es so ergehen: Wenn eine Band einen Stil und sich selbst als dessen größter Produzent etabliert hat, kann sie enorme Schwierigkeiten damit haben, davon je wieder abzuweichen, ohne ihre Geschäfte zu ruinieren, weil sich die Fans festgelegt haben: Sie wollen zwar nicht die Wiederkehr des Ewiggleichen, aber doch kein Überschreiten des einmal von ihnen als golden definierten Rahmens, der schließlich ein Käfig ist.

In der Welt des Digitalen leiten Algorithmen seit vielen Jahren die Blicke der Anderen auf die eigenen medialen Darstellungen. Wer für die Algorithmen nicht eindeutig zuordenbar ist, wessen Daten eine zu große Streuung in den betrachteten Vektoren aufweisen, der wird oder bleibt unsichtbar: Maschinen bevorzugen einfache, klare Signale. Unsichtbar zu bleiben wäre eigentlich ein erstrebenswerter Zustand, weil man dann machen kann, was man will, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, aber die Psyche der meisten Menschen wäre damit recht unzufrieden: Wir wollen Konsequenzen, Reaktionen, etwas spüren.

Entwicklung und Identität
Die Blick-Analyse verharrt bei Sartre, auch wenn er immer wieder mit praktischen Beispielen hantiert, in der Welt der Begriffe, die aufgerufen, expliziert und dann mit- oder gegeneinander in Bewegung gesetzt werden, als hätten sie selbst ein Leben. Diese Analyse geht auf vielen Hunderten Seiten sowohl in die Breite als auch die Tiefe, aber sie krankt strukturell daran, dass sie größtenteils eine recht abgehobene Parallelkonstruktion ist, bei der es sich als unpraktikabel erweist, sie zu sich heranzuholen.
Sartre interessiert sich kaum für die menschliche Entwicklung, das Heranwachsen, das Lernen an den anderen, selbst wenn er kurz das Ereignis der Geburt streift und fast widerwillig vom Kind spricht, das seine Hand noch nicht als zu seinem Körper gehörig wahrnehmen würde – als störten diese Betrachtungen den Frieden seiner Theorie:
Durch die Anderen, durch die Reaktionen oder ausbleibenden Reaktionen erschließt sich uns die Welt, erschließen wir uns selbst, sie sind quasi Geburtshelfer unserer Identität und uns ein Spiegel, den wir benötigen, weil uns die Welt sonst leer bliebe und wir uns in ihr nicht als Mensch, als Individuen konstituieren könnten.
In einem älteren Text habe ich einmal vom Ping-Pong-Prinzip gesprochen, das auch hier bereits anklang:
Wir senden Pings aus und erwarten, dass jemand, die Gegenseite, mit einem Pong antwortet, weil dieser Pong uns unsere Existenz bestätigt – eine Gegenseite, von der wir manchmal nur ein diffuses Bild oder die Hoffnung haben, dass sie überhaupt existiert. In den Sozialen Medien kann ein Pong schon so etwas Banales sein wie ein farbig ausgefülltes Herzchen oder ein gelber Daumen, der nach oben zeigt. Aktion und Reaktion, mehr ist es nicht. Man kann sagen: So funktioniert transaktionale Kommunikation. Ping. Pong. Ping. Pong. Ein überschaubares Spiel, von dem die wenigsten lassen können …

Authentische, unverkäufliche Kunst
In der Kunst, sofern man nicht von ihr leben muss oder ein aktionistisches Programm mit der Absicht verfolgt, die Welt auf eine gewisse Weise zu verändern, ist es vielleicht ein Zeichen von Reife, wenn man seine Pings nicht (mehr) in Erwartung spezifischer Pongs aussendet: Man macht nichts nur im Hinblick auf ein Publikum, hat sich vollkommen befreit, kann seine Signale authentisch und aufrichtig aussenden, meinetwegen mit einem geistig bleibenden aristokratischen Stolz: Möge die Signale empfangen und verarbeiten, wer kann und Lust dazu hat – was geht es den Schöpfer an? Es wäre eine Kunst, die sich durch ihre Interesselosigkeit im kantischen Sinne auszeichnet und die nur das sein möchte, was sie ist, womit sie paradoxerweise alles sein könnte – und so groß, dass sie in kein Regal mehr passt …

Die Nichtung unserer Möglichkeiten
Wir müssen nicht erst in das Rampenlicht der großen Bühnen gehen, das hier Besprochene ist auch in der matten Banalität des Alltags von Relevanz:
Wir schauen auf Andere, weil sie uns auffallen, weil sie schön oder hässlich, besonders gesund oder krank, kräftig oder schwach erscheinen, weil sie uns im Weg stehen, weil sie uns durch ihre langsame Art, wenn sie vor uns in einer Schlange stehen, aufhalten, weil sie als Bettler vor uns auf der Straße unser Mitgefühl erregen – ein Schauen, das immer eine Beziehung herstellt zwischen uns und dem oder den Anderen, wobei diese nicht reflexiv sein muss.
Der Andere ist potentiell, wie wir es bei Sartre oben schon recht ähnlich gesehen haben, die Nichtung unserer Möglichkeiten. Das das mag sich an der Oberfläche belauscht ausgesprochen negativ anhören, ist es aber in der richtigen Dosis ein Korrektiv, das unser Ich daran hindert, in das Uferlose zu wachsen, gerade in Gesellschaften, die kein höhere Entität mehr akzeptieren, unter deren sorgendem und urteilendem Blick sie stehen könnten.
Es schadet nicht, wenn wir gelegentlich durch die Existenz, das Erscheinen und Wirken der Anderen daran erinnert werden, dass es auf dieser Welt nicht allein um uns selbst geht.
Die Welt, in der wir leben, ist immer eine geteilte Welt – und dass der Blick der Anderen auch heilsam sein kann, wenn aus ihm einfühlende Zuwendung erwächst, wurde bereits erwähnt.

Der fixierte Blick, das eingefrorene Subjekt
Die Ökonomie verlangt eine gewisse Redundanz, wie auch dieser Text eine gewisse Redundanz verlangt, um seine Inhalte zu transportieren. Man muss etwas Greifbares sein, etwas, an das man sich erinnern kann, weil es ein markantes Profil hat, wenn man in einer Gesellschaft oder nur in einem gewissen menschlichen Rahmen wie ein Produkt auf dem Markt Erfolg haben will: Eine mit den bestmöglichen Attributen versehene verlässliche Größe, von der andere wissen, was sie von ihr geliefert bekommen. Es handelt sich, wenn man so will, um die Kommodifizierung des Selbst, wie sie in den 1920er Jahren im Rahmen einer in ihrer Totalität zwar abzulehnenden links-intellektuellen Ideologie dennoch treffend analysiert worden ist, oder, wie gesagt, um die Objektifizierung von Subjekten.

Die Menschen tendieren nicht selten aus Bequemlichkeit zu unflexiblen Festlegungen, zum Einfrieren von Bildern:
Wer lange an einer Stelle in Position X gearbeitet hat, dem wird vielleicht nicht mehr zugetraut, etwas anderes zu machen, gerade in den hiesigen Landstrichen. Der talentierte Nachwuchsspieler in einer Fußballmannschaft erreicht den Durchbruch nicht bei X, wo er seine Ausbildung bekommen hat, obwohl er längst das Zeug dazu hat, sondern erst bei Y, weil man ihn bei X schlicht immer weiter nur als Talent, als ein Versprechen sieht, und damit ihn in seinem Anfang, aber nicht seiner Gegenwart, welche vom Anfang bereits weit entfernt sein kann. Auch Eltern können sich weigern, ihre erwachsen gewordenen Kinder als Erwachsene zu sehen. Das lässt sich vielleicht psychologisch erklären, kann aber auch eine Machtkomponente haben: Wenn man die erwachsenen Kinder als Erwachsene sieht und behandelt, sind sie gleichberechtigt, steht man nicht mehr über ihnen und muss sich mehr Mühe in den Diskussionen usw. geben, weil die typischen Mittel der Eltern (Basta!, Das ist so! Mach das gefälligst, sonst …! usw.) nicht mehr gebraucht werden können.

Das eingefrorene Bild entsteht oft schon nach dem ersten Eindruck. Auch wegen dieses Eindrucks, der haften bleibt, bemühen sich Kollegen anfangs besonders stark am neuen Arbeitsplatz. Sie legen damit die Basis für die danach kommende Zeit, also die Zukunft. Eine Revision, ein Neusehen und -einordnen, ihrer Person und Wirksamkeit unterbleibt meist, weil die Trägheit der Einordnung schon eine außerordentlich negative oder positive Erschütterung bräuchte, um angestoßen zu werden. Es ist ein frostiges Wechselspiel, wir sind wie der Anderen: Die Anderen machen unser Subjektsein zum Objektsein, wie auch wir das Subjektsein der Anderen wieder und wieder zum Objektsein machen.

Die Bahn und das Gelände
Wir Menschen sind kein Wagen auf einer Modellrennbahn, der, nur weil er einmal auf die Bahn gesetzt wurde und durch die Kontrolleinheit bestimmt Fahrt aufgenommen hat, den eingeschlagenen Weg weiter und weiter fortsetzen muss. Wir können von der (im soeben gewählten Bild sogar im Kreis gelegten) Bahn abweichen, uns neu entwerfen, selbstverständlich nicht vollständig, aber doch wesentlich (ein habgieriger Milliardär könnte durchaus Philanthrop werden usw. usf.) – das vor uns liegende Leben ist ein Gelände, das wir erkundend durchschreiten und partiell sogar gestalten können; freilich ist dieses Gelände nicht vollkommen offen und es wird sich, weil auch Andere auf ihm unterwegs sind und es für sich nutzen, als durchaus widerständig erweisen, aber es ist unter den Bedingungen einer funktionierenden freiheitlichen Gesellschaft kein Schienensystem, das nur beschränkte Bewegungsmöglichkeiten bietet.

Das Gelände, auf dem man lebt, kann sich allerdings auch als so inert erweisen, dass am Ende vielleicht die Wahl, sich ein neues zu suchen, die beste ist. In der Praxis kann das heißen, eine geschäftliche oder private Beziehung zu beenden, einen Ort, ein Land zu verlassen – sofern es die momentan verfügbaren Mittel erlauben und man eine Vorstellung davon hat, wie ein schöneres Leben möglich sei: Wenn sich die gegebenen Bedingungen nicht ändern lassen, kann man sich nach anderen umschauen und unter diese begeben.

Dem Terror des Blickes entweichen
Wer als Mensch nicht unter seinen Möglichkeiten bleiben möchte, braucht die Kraft und den Mut, nicht stillzustehen und sich fortwährend zu entwerfen, einen Mut, durch den er den Fixierungen der Anderen zwar nicht gänzlich entfliehen, diesen aber ihr Gewicht und damit ihre erdrückende Bedeutung für sich selbst nehmen kann: Sich der Herrschaft, dem “Terror” des Blickes der Anderen durch ein gutes Maß an Relativierung, bisweilen sogar Gleichgültigkeit zu widersetzen, ist eine Option, deren Realisierung einen potentiell mit der eigenen Freiheit belohnt, auch wenn, wie gezeigt, der Blick der Anderen für das Ich unter Beobachtung nicht durchweg rein negativ sein muss.
Es wäre ein Mut zur Zumutung, Anderen als vollständiger, unverstellter Mensch zu erscheinen, der, wenn er A sagt, nicht B meint und tatsächlich C im Schilde führt, um letztlich D zu erreichen. Diese Zumutung hat zweifelsohne ihren Preis, da sie augenscheinlich der Ökonomie, dem Streben nach kurzfristig erreichbaren persönlichen “Profiten”, zuwiderläuft – oder, um beim bereits erwähnten Prinzip zu bleiben, der Hoffnung, stets ein Pong als Antwort auf ein Ping zu erhalten, eine Absage erteilt. Es ist ein Wagnis, das nicht in jedem Fall aufgehen muss, aber wer das soziale Bilderspiel absichtlich verliert, könnte sich nicht nur selbst gewinnen, sondern auch die Dominanz der Falschheit, die alle Beteiligten zu immer neuen Falschheiten drängt, zumindest ein Stück weit untergraben und damit indirekt etwas zu einem einträglicheren Miteinander beitragen.

Veröffentlicht am 23.04.2026

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