Als sich der russische Dissident Alexei Nawalny im Januar 2021 nach seiner
Genesung von einem durch den russischen Staat auf ihn mit dem Nervengift
Nowitschok verübten Anschlag freiwillig zurück in die Fänge Putins begab,
war ihm klar, dass der Einsatz nichts geringeres als sein leibliches und
seelisches Wohl, ja, dass er vermutlich sein ganzes Leben ist. Nawalnys
Entscheidung zeugt daher nicht von Leichtsinn, sondern nahezu
übermenschlichem Mut – “Fürchtet Euch nicht!” rief er den Russen wie ein
Engel in der Bibel zu. Die Entscheidung, das eigene Leben hintenan zu
setzen, ist in der Geschichte nicht ohne Beispiel: Wir erinnern uns an
Sokrates, der darauf verzichtete, durch die Hilfe seiner Freunde der
Hinrichtung zu entgehen – allerdings aus Respekt vor dem herrschenden
Recht. Wie nicht zuletzt die Känguru-Prozesse um Nawalny und davor gegen
die zahlreichen ukrainischen Geiseln gezeigt haben: Mit dem Recht ist es in
Russland nicht weit her. Es ist eine vollkommene Farce. Sokrates Motivation
ist deswegen nicht mit der Nawalnys vergleichbar, beide jedoch haben das
Schicksal, das die Herrschenden ihnen in ihrer Heimat zugemessen haben,
angenommen. Sokrates hat sein Urteil akzeptiert, Nawalny hat das seinige zu
recht lächerlich gemacht und zudem mit seinem millionenfach geklickten,
Ende Januar erschienen YouTube-Video “Putins Palast” einmal mehr gezeigt,
dass der Zar in Wirklichkeit nackt ist, auch wenn sein Image bisher darauf
abzielte, dass er für alte russische Frauen den Mann darstellt, den sie
gern gehabt hätten und für die alten russischen Männer den “Sammler
russischer Erde”.
Dieses “Fürchtet Euch nicht!” ist eine der wichtigsten Botschaften
Nawalnys. Nur wer sich nicht mehr fürchtet, nur wer bereit ist, auch die
größten Opfer auf sich zu nehmen, kann eine so gefestigte Diktatur wie in
Belarus unter Lukaschenka oder in Russland unter Putin auf die Knie zwingen
und sein Land in eine freie, demokratische Zukunft führen. Natürlich reicht
es nicht, wenn nur Einzelne bereit sind, diesen drastischen Schritt zu
gehen, es kommt auf die Solidarität der Bevölkerung an. Ohne diese
Solidarität hätte sich auch das russisch besetzte “Volkspolen” nie befreien
können, hätte das gesellschaftliche Elend kein Ende gefunden. Kleinmut,
Stillehalten, auf den eigenen kleinen marginalen Vorteil schauen – das war
schon immer ein Garant für das Überdauern der Unfreiheit. Leider verharren
die meisten Menschen in genau diese Anpassungen: Sollen die anderen doch
ihre Körper den Knüppeln, Schüssen, Granaten hinhalten – so lange es mir
noch halbwegs gut geht, kümmere ich mich nur um meine eigenen kleinlichen
Belange. Das kann man auch in unserer Gesellschaft, wo es um wesentlich
kleinere Ungerechtigkeiten geht, täglich beobachten.
Manchmal muss man sterben um zu leben – oder, wie Sokrates gesagt haben
soll:
„Aber schon ist es Zeit, dass wir gehen – ich um zu sterben, ihr um zu
leben: wer aber von uns den besseren Weg beschreitet, das weiß niemand, es
sei denn der Gott.“
Das Leben in einer Gesellschaft, die den Sokrates zum Tode verurteilt hat,
mag für Sokrates selbst wenig lebenswert gewesen sein, deswegen ist sein
Entschluss folgerichtig. Nawalny hingegen geht es um die Zukunft, das Leben
– besser und gerechter sollen sie sein. Hoffen wir, dass er selbst seine
Gefangenschaft überlebt und dass es den Russen gelingt, ihren heutigen
Zaren wie 1917 zum Teufel zu jagen, und dass es dieses Mal nur einen
Februar und keinen Oktober gibt – die Demokratie also nicht von einer
barbarischen Diktatur gefressen wird, die einem großen Teil unseres
Planeten die Unfreiheit bringt. So viel steht für mich heute allerdings
bereits fest: Eine Befreiung Russlands wird es nicht ohne eine Befreiung
der in ihm gefangenen Völker, wird es nicht ohne Aufgabe vieler aktuell
besetzter Gebiete geben können, denn auf dauerndem Unrecht lässt sich kein
gerechter Staat erbauen.
