Aktuell
© 1999-2026 by Arne-Wigand Baganz

Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Friedhof der Täter

Start > Artikel > 2021

Jedes zweite Januar-Wochenende findet in Ost-Berlin die Liebknecht-Luxemburg-Demonstration statt, die an die Ermordung der beiden anti-demokratischen Politiker und Kommunisten Liebknecht und Luxemburg im Jahre 1919 erinnert und die in der Regel vom Frankfurter Tor zur Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde zieht. Das ist auch im Jahre 2021 während der Corona-Pandemie nicht anders: Die Unverbesserlichen gehen ihres Weges, rote Fahnen mit Hammer und Sichel wehen, es gibt ein paar Scharmützel mit der Polizei, über die sich auch die Grüne Jugend aufregt, obwohl sie ja mit roten Fahnen nicht so viel zu tun haben sollte. Früher gab es gern Fahnen mit Marx, Engels, Lenin, Stalin chronologisch gestaffelt nach deren Sterbedaten von links nach rechts - die wahren “Wohltäter” der Menschheit. Möglicherweise auch dieses Jahr.
Der Zentralfriedhof Friedrichsfelde beherbergt die 1951 eingeweihte “Gedenkstätte der Sozialisten”: Ein “Ehrenfriedhof” für diejenigen, die sich um die Idee des Sozialismus “verdient” gemacht haben - in Wahrheit eher ein “Friedhof der Täter”. Viele liegen in Reih und Glied mit fast identisch geformten Grabsteinen in genormten Abständen nebeneinander. Austauschbare Soldaten einer totalitären Ideologie, welche physische und psychische Vernichtung ihrer echten und vermeintlichen Gegner und allgemein ihrer Opfer betrieben hat. Es könnten genauso gut Nazis sein.
Erst seit 2006 gibt es vis-à-vis zur zentralen Ringmauer einen kleinen Gedenkstein mit der Aufschrift “Den Opfern des Stalinismus”. Das ist in der Größe und mit der Aufschrift beschämend und lächerlich, denn es grenzt die Erinnerung auf die schrecklichste Epoche des Sozialismus / Kommunismus ein, um andere Epochen zu retten, während gegenüber / im Rücken die Täter im Pomp triumphieren. Der Gedenkstein für die Opfer wird vor allem während der LL-Demonstration immer wieder bespuckt und geschändet.
Corona-bedingt bin ich heute als auch letzte Woche zum Spazieren auf dem Friedhof gewesen: Letzte Woche, als es deutlich winterlicher war, lag der kleine Gedenkstein von einer festen Schneeschicht komplett bedeckt, die konnte nicht einfach nur natürlich darauf gefallen sein … heute lagen ein paar Rosen darauf und davor, daneben zwei Gedenkkränze: “Den Opfern des Stalinismus” von der “Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur”, “Den Opfern kommunistischer Gewaltherrschaft” vom Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die meisten Anwesenden hielten sich innerhalb der Ringmauer auf, der Optik nach in der Regel bis in den Tod treuer DDR-Kompost, nur einige wenige schauten zum Opfer-Gedenkstein. Eine ältere Frau führte ihren Hund dort Gassi und machte noch ein Handyfoto mit ihm vor dem Stein. Gibt es ein besseres Sinnbild für das heutige Berlin, in dem Linken/SED-Politiker wie Klaus Lederer in stalinistischer Manier Aufklärer wie Hubertus Knabe mundtot machen? Friedhof der Täter - Hauptstadt der Täter.

Veröffentlicht am 10.01.2021

© 2021 by Arne-Wigand Baganz

Aufrufe: 508

Ihre Bewertung dieses Textes:


Vorheriger Text:
« Emil Mihai Cioran
Nächster Text:
» Graffiti vs. Ohnmachtsdasein

Verwandte Texte

Am Grab von Ulrike Meinhof
Einige Gedanken zu der komplexen, tragischen und zugleich verbrecherischen Persönlichkeit der Kommunistin, Kolumnistin und Terroristin Ulrike Meinhof
Artikel, 25.07.2023

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein (Rezension)
Über das Leben, Widerstehen und Sterben im Dritten Reich
Artikel, 08.09.2025

Nur ein halber Tag der Befreiung
Über die schwierige Suche nach einem zeitgemäßen und angemessenen Umgang mit Erblasten der sowjetischen Erinnerungskultur zum Zweiten Weltkrieg im Angesicht des in der Ukraine wütenden russischen Kriegsimperialismus
Artikel, 04.05.2022