Der dritte Text in Stephen Cranes Zeilensammlung “The Black Riders and Other Lines” (1895) ist das existenzialistische “In der Wüste”, das den Leser mit vielen
unauflösbaren Fragen zurücklässt. Ich habe es in einem früheren Beitrag
bereits besprochen.
Im 42. Text (“Ich wanderte in einer Wüste”), um den es hier gehen soll,
scheint der bei uns weniger bekannte Dichter auf die Thematik des in der
Wüste verlorenen Subjekts zurückzukommen. Gibt es darin eine Aufklärung der
Rätsel, die das sich selbstzerstörende, weil sein Herz verspeisende nackte
Wesen den Lesern des ersten (III) Textes aufgegeben hat?
In diesem zweiten (XLII) Text, den ich weiter unten übersetze und auch im
Original zeige, gibt es ein Ich, das leidend in einer Wüste wandert, und es
wünscht sich laut, dass Gott es fortbringe. Tatsächlich antwortet ihm
darauf eine Stimme, dass es keine Wüste sei, obwohl es keine direkte
Antwort auf das zuvor gerufene “Ach, Gott, nimm mich fort von hier!” darstellt. Weiß der Besitzer der Stimme, womit sich das Ich des Gedichtes
(es sind nicht nur “Zeilen”) befasst, während es schreibt, denn der Topos
der Wüste findet dem Text nach zuerst in ihm Erwähnung (“Ich wanderte in
einer Wüste”)? Das Ich widerspricht der Stimme, indem es aufzählt, was es
wahrnimmt: Der Sand, die Hitze und der leere Horizont wären Beweise dafür,
dass es sich um eine Wüste handeln müsse. Das wird mit wenigen Worten
bruchstückhaft vorgetragen. Wieder antwortet eine Stimme, und die grammatikalische Konstruktion lässt den Leser ontologisch
im Unsicheren: Ist es die bereits bekannte Stimme, die beim zweiten Mal die und nicht eine Stimme hätte sein müssen? Vielleicht ist es dieselbe, denn sie sagt erneut:
Es ist keine Wüste. Wenn es aber keine Wüste ist, ist es vielleicht nur
eine Einbildung? Und wem gehört die Stimme: Ist es tatsächlich Gott, der
dem Ich antwortet, oder antwortet da nur etwas im zwiegespaltenen Ich, das
seine eigene Wahrnehmung anzweifelt?
Auch in diesem Wüsten-Gedicht von Stephen Crane bleibt der Leser vor einer
Aporie, so unüberwindbar wie eine hohe Mauer, stehen. Vielleicht lässt sie
sich humorvoll mit einer Persiflage – wenn schon nicht bezwingen – so doch
wenigstens vergessen?
Zitat: Ich las ein Gedicht.
Und ich rief:
“Ach, Gott, erkläre es mir”.
Eine Stimme sprach: “Es ist kein Gedicht”.
Ich rief: “Nun, aber –
Die Worte, die Fügungen, die Zeilenumbrüche?“
Eine Stimme sprach: “Es ist kein Gedicht”.
Die Übersetzung (meine):
Zitat: Ich wanderte in einer Wüste.
Und ich rief:
“Ach, Gott, nimm mich fort von hier!”
Eine Stimme sprach: “Es ist keine Wüste”.
Ich rief: “Nun, aber –
Der Sand, die Hitze, der leere Horizont”.
Eine Stimme sprach: “Es ist keine Wüste”.
Das englische Original:
Zitat: I walked in a desert.
And I cried,
“Ah, God, take me from this place!”
A voice said, “It is no desert.”
I cried, “Well, But --
The sand, the heat, the vacant horizon.”
A voice said, “It is no desert.”
