Stephen Cranes 1895 publiziertes Gedicht “In the Desert” (der dritte Text
in der Sammlung “The Black Riders and Other Lines”) ist wie ein Loch in
einer Wand, durch das hindurch man eine seltsam verschobene Welt sieht, in
der wenig Sinn zu machen scheint:
Wir sehen ein nacktes Wesen in einer Wüste, das menschliche Züge vermissen
lässt, auf dem Boden hocken und sein eigenes Herz verspeisen. Eine zweite
Person erkundigt sich bei dem Wesen, ob es ihm schmeckt und das Wesen
antwortet, dass das Herz bitter sei, aber dass es ihm gerade deswegen
gefalle – und auch, weil es sein Herz ist.
“In the Desert” ist kein Gedicht, das Antworten gibt, auch wenn in ihm eine
Antwort gegeben wird. Wenn man es ernst nimmt, lässt es einen mit vielen
Fragen zurück:
Sollte die Wüste in ihm eine reale Wüste sein, um welche handelt es sich
dann? Oder ist die Wüste metaphorisch zu sehen, vielleicht sogar als
existenzieller Zustand, als Ausnahmezustand? Und was ist mit der zweiten
Person: Ist sie wirklich eine weitere Person oder mit dem
Herzverspeisenden, der sich durch sie wie von außen betrachtet, identisch?
Warum ist dieses bedauernswerte Wesen überhaupt in einer Wüste: Weil es
sein Herz isst –
oder isst es sein Herz, weil es in der Wüste ist? Warum wird es als quasi
entmenscht dargestellt? Was ist das für eine seltsame Autophagie, die in
dem Gedicht vollzogen wird, die manch einen an Goyas “Saturno Devorando a
su Hijo” erinnern mag, wobei Saturn dort nicht direkte Teile seiner selbst,
sondern “nur” seinen Sohn verspeist, und das aus relativ klarer Motivlage?
Die Motivation von Cranes Wüstenwesen bleibt im Dunkeln: Die Liebe zur
Bitterkeit kann als Antrieb kaum reichen, und sowieso wissen wir, dass, wer
tatsächlich sein Herz verspeisen wollte, das aus biologischen Gründen gar
nicht tun kann. Ohne Herz stirbt ein Mensch, so viel ist klar, auch wenn
sonst kaum etwas klar ist. Ist also auch das Herz nur metaphorisch zu
verstehen? Vielleicht ist damit sogar etwas so hehres wie die
Liebesfähigkeit selbst gemeint? Reden Dichter nicht gern von solchen
schönen Dingen?
Und wenn man den Text nun einmal auf seine Dramaturgie hin untersucht: Sie
ist erstaunlich flach, alles wird dem Leser sofort verraten, auch, wessen
Herz verspeist wird. Hätte Crane später enthüllt, wem dieses Herz gehört,
läge der Fokus nicht auf der Bitterkeit und der unerklärten Freude daran.
Wenn man anfängt, den kurzen Text zu befragen, ist es schwer, ein Ende zu
finden, aber so ist das mit der Sprache: Schon eine banal strukturierte
Aussage wie A ist B oder Y macht Z kann Anlass geben, sich stundenlang
damit zu beschäftigen – und führt vielleicht sogar zu einem
zufriedenstellenden Ende. Cranes Gedicht ist komplexer als eine solche
Aussage und damit sicherlich ein Ärgernis für Leute, die nach harten
Wahrheiten suchen und nichts ungeklärt lassen können. Vielleicht schließe
ich, bevor ich meine Übersetzung des in Deutschland weniger bekannten
Gedichtes zeige, mit ein paar hoffentlich letzten Fragen:
Frisst Cranes Wesen sein Herz, also seine eigene Essenz, um überhaupt noch
etwas zu spüren – in einer leeren und lebensgefährlichen Welt, für welche
die Wüste stehen könnte, wenn man sie nicht geographisch, also physisch
interpretiert?
Und wer sind wir eigentlich: Ebenfalls solche in einer Wüste hockende Wesen, die im wie auch
immer übertragenen Sinne Freude am unmöglichen Akt des kardialen
Selbstverzehrs haben – oder lediglich fast normale Menschen, die sich leidlich mit einer Sache, in diesem Fall einem
Gedicht, beschäftigen, weil es ihnen aus den verschiedensten Gründen, hm,
nun was — vielleicht einfach nur im Weg stand und sie nicht daran
vorbeigehen konnten, so wie ein Pferd an einer neben ihm auftauchenden
Pfütze, weil ihm keine Scheuklappen angelegt worden sind?
Schluss. Schluss. Aus!
Die Übersetzung (meine):
Zitat: In der Wüste
sah ich ein Wesen, nackt, viehisch,
das, auf dem Boden hockend,
sein Herz in den Händen hielt
und davon aß.
Ich fragte: “Schmeckt’s, Freund?”
“Bitter ist’s – bitter”, antwortete er;
“Aber ich mag es
“Weil es bitter
“Und weil es mein Herz ist.”
Das englische Original von Stephen Crane (1871–1900):
Zitat: In the desert
I saw a creature, naked, bestial,
Who, squatting upon the ground,
Held his heart in his hands,
And ate of it.
I said, “Is it good, friend?”
“It is bitter—bitter,” he answered;
“But I like it
“Because it is bitter,
“And because it is my heart.”
