Der Amazon-Tower in Berlin (März 2023)
Mythos Berlin
Erkenne ich Dich, Berlin,
noch wieder?
Ich will nicht übertreiben:
Ja, Du Dich wandelndes
bist es tatsächlich.
Aber was ist das?
Ein Turm, der, während er
das Blut der Stadt langsam
aus ihr heraussaugt,
gewaltvoll in die Höhe schießt:
Uns alle zu überragen
mit seinen 36
scharfen Geschossen.
Wie ein schwarzes Schwert
fällt jetzt sein Schatten,
auch tags die Nacht zu bringen
in einem breiten toten Streifen.
Berlin.
Ich sehe tausende Graffiti,
und Milliarden von
lebenslustigen Aufklebern
neben-, unter- und übereinander,
ungeleerte Mülltonnen
und gelehrte Touristen,
die sich auf Bierwegen bewegen.
Klingelnd fährt
die gelbe Straßenbahn immer
an uns allen vorbei.
Konzentration!
Denn in den Ecken sitzen Bettler
wie von den Fassaden gefallene
Konzertplakate
aus den Vormonaten
und sammeln
unermüdlich Münzen
in Starbucks-Bechern,
die sie später glücklich
umwandeln in Schnaps,
ein paar Gramm Gras
oder einige Krümel
Heroin.
Wo bekommt man es?
Wohl bekomm es!
Hier ein Trödelmarkt,
dort ein Trödelmarkt.
Dealer suchen auch dort
Kunden.
Berlin.
Ich schaue Dich
überall genau:
Wie aus den Ecken
Hunde schlecken
gierig das
Erbrochene
der letzten Nacht.
Nachmittags in der S-Bahn
manchmal schon angedeuteter Tanz:
Nie mehr
als der erste
halbe Schritt.
Ohne noch jung zu sein
kann man es trotzdem
bleiben.
Nur in Berlin?
Nun, Berlin!
Ich bin kein Prophet,
und doch weiß ich sicher,
dass nur die Spatzen
Dich noch erlösen können –
auch wenn man mir davon abriet,
dieses Gedicht derart zu beenden:
Ich musste es tun wie geschehen.
Es ist ja eh
alles nur Quatsch.
Berlin!
© 2023 by Arne-Wigand Baganz
Vorheriges Werk:
« UnwissenNächstes Werk:
» Eine Ostkreuz-Krähe
Verwandte Texte
palast-abriss
I
gezackte eisschollen, ganz zerrissen,
treiben spree-abwaerts vorbei
am palast des volkes, d …
Lyrik, 17.02.2006
mein friedrichshain
einmal mehr gleiten die schritte
durch stalins weiße alleen
um zu muenden in
den verborgenen gart …
Lyrik, 21.06.2005
november, ungeloest
november verhuellt der stadt
straßen und alleen;
stumme hetzmassen
fegen ueber
den feuchten as …
Lyrik, 16.11.2005