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Naive Aneignung der Wirklichkeit

Putin-Porträt

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Ich zeichne ein Putin-Porträt
und es gerät mir beinahe
zu einem Voodoo-Akt.

Linie um Linie 
wächst aus dem Weißen heraus
das Antlitz des Bösen.

Wo vorher nichts war,
entsteht das Gesicht
des verhassten Mörders.

Warum tue ich das?
Warum lasse ich es nicht?

Es ist, wie ihn erneut zu erschaffen,
die brutale Person plötzlich 
in der eigenen Gewalt zu haben,
es ist eine strichweise Rekonstruktion,
primitiv und wenig geübt,
eine Erkundung und Reise durch 
die menschliche Nacht.

Natürlich benehme ich mich kindisch.
Natürlich richte ich rein gar nichts aus.
Natürlich will der Stift 
trotzdem weiter geführt werden.

Manche sagen, man solle Putin nicht Monster nennen
und haben vielleicht recht,
aber die einfachen Worte reichen nicht,
um ihn zu beschreiben.

Ich bemühe 
den metaphysischen Begriffsapparat,
rede von Ontologie und Moral,
Leben und Tod,
Licht und Schatten,
Gut und Böse,
nenne ihn heimlich und leise 
den Russen-Hitler.

Natürlich benehme ich mich kindisch.
Natürlich richte ich rein gar nichts aus.
Natürlich wollen sich die Emotionen 
trotzdem stark aussprechen.

Ich zeichne ein Putin-Porträt
und es gerät mir 
zu einem hohlen Akt.

Neben mir sitzt ein anderer,
der zeichnet Putin auch,
aber schon als die Leiche,
die er einmal sein wird.

So viele wollen ihn 
als eine solche sehen.

So viele!


© 2022 by Arne-Wigand Baganz

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