Aktuell
© 1999-2026 by Arne-Wigand Baganz

Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Die Einberufung

Start > Prosa > 2024

Sie haben ihn, den jungen Mann, einberufen. Jetzt haben sie mich erwischt, sagt er zu sich selbst und zieht den offenen Mund breit, sodass seine Zähne sichtbar werden. In dem langen Korridor, in dem er darauf wartet, wie es nun mit ihm weitergeht, hängt an einer pastellgrün gestrichenen Wand ein dicht mit kyrillischen Lettern bedrucktes, bereits leicht gilbliches Plakat, das den Bürger über seine Pflicht zum Kriegsdienst aufklärt. Er hätte Zeit, es zu lesen, aber er lacht nur: Wozu sollte ich das alles lesen, was man von mir verlangt? Mich hat dieser ganze Krieg nicht interessiert, bisher nicht interessiert. Sollen sie machen, was sie wollen, mit mir hat es nichts zu tun! Und haben meine Eltern nicht bezahlt, damit man mich in Ruhe lässt? Und wie sie das haben! Nicht mit Rubeln, mit Dollars taten sie es für mich.
Auf angenehme Weise zu leben, ist meine Welt: Unterhaltsame Videos drehen, mit schnellen Autos und umgerüsteten Motorrädern fahren, in wärmere, schönere Gegenden der Welt reisen, die Internetblockaden zu Hause einfach über VPN umgehen, ein paar Geldtauschgeschäfte hier und da, weil mit der heimischen Währung alles so schwierig geworden ist. Und jetzt haben sie mich erwischt, sagt er sich erneut, jetzt soll das alles vorbei sein, dabei ist das doch der Krieg der Anderen, was geht er mich an?
In seiner aktuellen Lage würde manch einer verzweifeln, aber er verzweifelt nicht. Er ist ein immer munteres Wesen. Wird schon alles werden, denkt er sich, wie er da in seinem dunklen Adidas-Anzug in dem unfreundlichen Korridor steht, und lacht wieder.
Es fällt schwer, diesen unbedarften Menschen zu bedauern, der bald merken wird, dass er nur ein sehr entbehrlicher Artikel in einem Terrorstaat ist, der seine männliche Bevölkerung gnadenlos durch den Fleischwolf treibt, um seinen brutalen Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Ukraine doch noch zu gewinnen. Ja, es fällt wirklich schwer, ihn zu bedauern. Wirklich zu bedauern sind die Schäden, die dieser junge Mann auf dem Weg in die tiefe Leere möglicherweise noch anrichten wird, die doch schon lange in ihm, in vielen ist.

© 2024 by Arne-Wigand Baganz

Note: 5 · Aufrufe: 273

Ihre Bewertung dieses Textes:

Vorheriger Text:
« Novemberstimmung
Nächster Text:
» Städtische Begegnung II

Verwandte Texte

Paljanyzja
Eine fiktionalisierte Geschichte aus dem Krieg Russlands gegen die Ukraine über die Wichtigkeit einer Wortendung
Prosa, 02.07.2022

Städtische Begegnung III
Ein Erlebnis auf einer pro-ukrainischen Demonstration zum Jahrestag der vollumfänglichen russischen Invasion.
Prosa, 12.03.2025

Kinderfeld
Was tust Du da, alter Mann ?  Junge, siehst Du denn nicht, daß ich Samen säe.&nb
Prosa, 01.03.1999