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Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Die schiefe Briefmarke

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Alles hatte sie versucht, nichts hatte geholfen. Das musste sie am Ende einsehen. Er blieb, was er schon am Anfang war: Ein schwarzes Loch, und es war vollkommen egal, wie viel Aufmerksamkeit, wie viel verständnisvolle Energie sie in ihn hineinschüttete, es half – wenn überhaupt – immer nur für einige wenige, man könnte sogar sagen armselige Sekunden: Ein kurzes Klingeln, ein schwaches Leuchten, dann knurrte das schwarze Loch schon wieder, weil es eigentlich noch genauso hungrig war wie zuvor – oder, und das war ja das Teuflische an der ganzen Sache, gar noch hungriger, denn sein Magen wuchs ja mit den Verwöhnungen, die ihm liebevoll zugeführt wurden!
Sie hatte sich ihm so oft gebeugt, weil ihr die Harmonie, ein gemeinsames Auskommen, viel zu wichtig war. Was zählte sie selbst? Nichts, wie auch ihre Meinung nichts zählte. Eine zweite Meinung gab es für ihn überhaupt nicht, es gab immer nur seine Meinung, die natürlich die allerbeste, eben die einzig gültige war, denn sonst hätte es auch andere Meinungen neben der seinen geben dürfen, die mit dieser dialogisch hätte abgeglichen werden können, vielleicht sogar müssen. Er aber hatte darauf bestanden, und das ist ein absolut wesentliches Detail dieser wenig erbaulichen Geschichte, dass nur seine eigene Sprache gesprochen wurde, wenn sie sich mit ihm unterhielt. In dieser Sprache war das A gern ein B und das B ein C, und sie hatte sich nach langen Überredungen auf diese vielfältigen Verdrehungen eingelassen, aber das reichte ihm nicht, er änderte die Regeln ständig und willkürlich, so dass das A manchmal auch ein C, das C ein B und das B ein A war. Wichtig war ihm vor allem, dass sie nie an ihn heranreichte, dass er immer ein Stück voraus war, und es gefiel ihm sehr zu sehen, wie sie sich bemühte, wie es ihm überhaupt gefiel, wenn die Menschen sich um ihn bemühten, denn Aufmerksamkeit konnte er gar nicht genug erlangen, und er fand auch, dass er sie vollauf verdient hatte, denn niemand war so ein großartiges Genie wie er, selbst wenn er sich in den zahlreichen einsamen Stunden, die er mit niemandem teilte, eigentlich sehr hasste und unendlich traurig über sein blasses Leben war. Er versuchte jedoch, seine trüben Stimmungen gut zu verbergen und niemanden wissen zu lassen, aber sie brachen immer wieder aus ihm heraus – wie ein Vulkan, der auf kurz oder lang nicht untätig bleiben kann. Er behalf sich in den Momenten, die er mit anderen teilte, mit ausschweifenden Reden, um diese Stimmungen zu verdrängen. Zu vielen seiner wenigen Lieblingsthemen konnte er aus dem Stehgreif einen nahezu unendlich langen Monolog im Ton tiefster Überzeugung und mit dem Strahlen unanfechtbaren Wissens vortragen, und wenn sich eine Unterhaltung, in deren Nähe oder Kreis er stand, noch nicht um eines dieser Themen drehte, versuchte er stets, es mit einiger Geschicklichkeit darauf zu lenken. Anfangs war sie auf diese Kunststücke häufig, vielleicht sogar regelmäßig hereingefallen, sie kannte sich mit den Gegenständen, von denen er da sprach, manchmal nämlich selbst nicht so gut aus, aber das war auch keine Schande. Wenn sie etwas wirklich interessierte, schlug sie es lieber in verbürgten Quellen nach, da brauchte sie keinen Orator, der sich vor ihr aufplusterte, aber sie saßen nun einmal häufig im selben Boot, in denselben Räumen, und sie konnte seinen Vorträgen nicht immer entrinnen. Wenn sie ehrlich zu sich war, musste sie auch zugeben, dass sie manchmal selbst zum Nachdenken nicht die nötige Energie hatte und dann ganz froh war, wenn er sich wissend gab, aber das ließ stark nach, als sie die Ergebnisse seiner als absolute Wahrheit verkauften Thesen in der Praxis sah und auch aus Neugier sowie aufgrund einer stetig in ihr anwachsenden Skepsis häufiger nachprüfte. Er merkte langsam, dass der Zauber, den er mühsam um sich aufgebaut hatte, nicht mehr so gut wie früher verfing, und er nahm ihr diese Entwicklung, die offensichtlich eine Abwendung war – was kaum verwundern dürfte – ziemlich übel. Er begann, sie stärker und stärker anzugehen und schlechtzumachen, erst nur in kleinen, später auch in größeren Runden; es schien fast, als wäre er darauf aus, sie zu zerstören, aber das war ihr erstaunlicherweise in zunehmendem Maße egal, und trotzdem unternahm sie einen letzten Versuch, um diese unheilvolle Beziehung, die keine übliche Beziehung war, zu retten: Sie überwand sich und nahm alles zusammen, was sie hatte, sie fragte hier und dort um Hilfe, fuhr landauf und landab, klingelte bei vielen Bekannten, mobilisierte ihre Reserven, die eigentlich für ihr Alter vorgesehen waren, und sendete ihm schließlich einen unheimlich großzügigen Scheck über sagenhafte eine Million Euro, und nachdem er ihn erhalten hatte, kam er tatsächlich auf sie zu – aber nicht etwa, um sich zu bedanken, das stand ihm ganz fern. Grundsätzlich galt: Die Leute mussten sich bei ihm bedanken, und nicht er sich bei den Leuten. Das war ja völlig klar und eines seiner Prinzipien. Er hatte so viele von diesen Prinzipien, dass sie irgendwann nicht mehr anders konnte, als ihn insgeheim, also nur für sich, einen Fundamentalisten zu nennen, denn genau das war er ja: Ein Fundamentalist, vielleicht kein inhärent bösartiger, aber doch jemand, der der Welt mit einer ungeheuren Verbissenheit, als ginge es dabei immer um Leben und Tod, seine eigenen Gesetze aufzwingen wollte, damit sie sich nur um ihn und niemanden sonst drehte. Was also sagte er zu dem Scheck, als er ihn erhalten hatte? Es mag viele erstaunen, die psychologisch Gebildeten vielleicht etwas weniger: Er bemängelte nämlich die nicht ganz gerade aufgeklebte Briefmarke und bemerkte, dass sie bei den um einige Millimeter zu geringen Abständen der Adresszeilen auf dem Umschlag ein riesiges Glück gehabt hätte, denn normalerweise würde das dazu führen, dass die Adresse nicht mehr automatisch gelesen werden könne und sich die Zustellung deswegen verzögere. Nach dieser Erklärung begriff sie ihr Glück, wenn auch nur halb und damit nicht in dem von ihm gewünschten Maße. Sie musste sich eingestehen, dass auch dieser letzte Versuch gescheitert war, und dass es für sie das Beste zu sein schien, wenn sie sich künftig vor ihm schützte. Sie erwägte moralisch verwerfliche Optionen, die sie sofort beiseite tat, aber wir müssen sie erwähnen, denn sonst können wir nicht nachvollziehen, wie schwer und tief sie litt: Sie überlegte, ob sie ihn vor einen Zug stoßen sollte, wenn sich die Gelegenheit ergäbe, aber sie erschrak bei dem Gedanken und schämte sich sehr deswegen – und eine solche Gelegenheit hätte sich ohnehin nie ergeben. Gern hätte sie ihm auch einmal empfohlen, sich zu erschießen, aber das wäre ja ganz dumm und nutzlos gewesen, und sie musste davon ausgehen, dass er diese Empfehlung nur zum Anlass genommen hätte, sie wieder mit einem Monolog zu quälen, einem Monolog über die verschiedenen Waffengattungen, die geltenden Gesetze und wie die Projektile eigentlich fliegen, wenn man die Waffe so und so hielte. Also sorgte sie eines Tages durch einen zuvor wohlorganisierten Umzug dafür, dass diese ungesunde Beziehung endlich ein Ende nahm und dachte danach nicht mehr an all die verschwendete Zeit, auch nicht mehr an all die verschwendete Energie und vor allem nicht mehr an ihn. Ein A war für sie fortan wieder ein A, ein B ein B und ein C ein C.

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