Die sicher verankerte Macht braucht ihre eigenen schwachen Argumente nicht fürchten. Kritik an ihnen kann sie ignorieren, weglachen und -reden, und wenn sie gar zu lästig wird, muss die Macht doch nur einmal sanft winken, um die unangenehmen Worte und jene, welche sie hervorbringen, verstummen zu lassen. Aber was soll diese allgemeine Vorrede, dieser luftige Flug über den Wolken, es sind doch immer die konkreten Ereignisse und Schicksale, die uns Menschen unten auf der Erde bewegen. Nun denn, lass uns den schweren Samtvorhang einmal gemeinsam beiseite ziehen und sehen, was dir hier geschieht:
Da sitzt die Macht, nicht die ganze, nur ein ausführender Teil von ihr, wie ein kühler Monolith vor dir, sie hat dich in einen ungemütlichen, sterilen Raum zum Rapport bestellt. Gespielt fröhlich fängt das Gespräch an, du ahnst nichts Böses, aber auch nichts Gutes, weil du dir über die Jahre längst abgewöhnt hast, auf etwas Gutes zu hoffen, das doch nie erscheinen, sich nie materialisieren wird, denn von der Macht kommt nichts Gutes, und wenn trotzdem, dann eher zufällig und nicht, weil man dir gezielt etwas Gutes tun wollte.
Du kannst versuchen, dich mit der Macht zu arrangieren, wenn es dein Gewissen zulässt – solange es dein Gewissen zulässt; am Ende wirst du doch immer den kürzeren ziehen und dein Menschsein schwinden fühlen: Du würdest selbst wie die Macht werden, wenn du ihr zu nahe kommst und sie meint, dich ein wenig zu umarmen könnte ihr nützlich sein.
Du sitzt also in diesem tristen Raum mit jenem Vertreter der Macht, das Gespräch entwickelt sich mühselig und du merkst doch sehr schnell, dass nach dem gespielt fröhlich und dennoch auffällig lustlosen Vorspiel, nach dem blechernen Geplänkel noch etwas ganz Dickes kommen wird, und da ist es dann auch schon da, du merkst zu spät, dass du jetzt deiner eigenen Hinrichtung beiwohnst. Vielleicht hattest du eine geringe Chance, ihr zu entkommen – du hättest das Gespräch nach dem Geplänkel, das den angekündigten Termin eigentlich erschöpft hat, möglicherweise beenden können, aber du hast es nicht getan, und es ist ja auch nicht das, was der Teil der Macht mit dir heute geplant hat. Er führt dich akribisch vor, kalt führt er sein vorgefasstes Programm aus, Schlag um Schlag versetzt er dir, Hieb um Hieb, Stich um Stich, und bei allem musst du den Anstand bewahren, er darf dich erniedrigen, aber du darfst dich nicht so sehr reizen lassen, dass er plötzlich einen Grund hat, dich auch physisch zu vernichten – vorerst kommt es ihm nur darauf an, deine unbeugsame Seele zu erledigen, der Rest wäre ihm ein willkommener Bonus, auf den er heute nicht unbedingt rechnet. Du versuchst jedenfalls, dich argumentativ zu wehren, du weist ihm fundiert nach, wie er in seinen für dich bewusst unvorteilhaften Urteilen irrt, dass er eigentlich überhaupt nicht weiss, was du für ein Mensch bist – dabei hat er dich früher klarer gesehen und das, was dich ausmacht, sogar anerkannt. Aber das war ja früher! Früher ist vergangen, früher hat es nie gegeben, und du sitzt mit dem Teil der Macht in diesem fürchterlichen Raum, der keine Fenster hat. Die Wände sind aus rohem Beton, von der Decke strahlt grelles Licht, und vor dir sitzt dieser an einigen Stellen polierte Stein, der sich daran weidet, wie du wieder und wieder an ihm abprallst, dieser brutale Stein, der es genießt, dich redend zappeln zu lassen: Er hört gar nicht hin, denn wenn er hinhören würde, müsste er sich auch bewegen. Er will dich weder hören, noch sich selbst bewegen. Es ist ein durchschaubares und erbärmliches abgekartetes Spiel. Was er tatsächlich will, ist dich bluten sehen – und dein Blut fließt und fließt und fließt. Und doch ist dir in diesen Momenten vollkommen klar: Ich werde nicht sterben! Heute werde ich nicht sterben! Später, das weißt du noch nicht, wird er dein Blut dann mit einigem Aufwand in einem Gefäß sammeln, um es sich wie eine Trophäe in die Vitrine zu stellen. Jetzt aber siehst du auf die Uhr. Wie viel Zeit ist vergangen? Unheimlich viel Zeit, und unheimlich viel Bösartigkeit hast du schon ertragen müssen. Aber auch dieses Gespräch wird zu Ende gehen: Er holt jetzt noch zu einem letzten Schlag aus; er ist ganz zufrieden mit dem Verlauf des Gesprächs, das lässt er dich wissen, er bereitet dir noch eine finale Demütigung, die dich tage- und nächtelang beschäftigen soll, und dann gehst du aus diesem Raum: Ganz benebelt, geschwächt von dem vielen Traktierwordensein und dem immensen Blutverlust, aber du spürst in dir den Imperativ des Lebens, der dir sagt, dass du dein eigenes Leben schützen musst; du weißt, du musst gehen, immer weiter gehen, du musst weg von hier, unbedingt weg von hier, immer und immer weiter gehen. Weg von hier, weg von hier! Weg von hier!