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Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Nummern und Namen

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Meinen Lieblingspark, der einst ein Friedhof war (ich meine, früher schon darüber geschrieben zu haben), kenne ich so gut, dass mir selbst die kleinsten Veränderungen in ihm unverzüglich auffallen, und so sah ich gestern Abend auch sofort, dass er nicht mehr derselbe war wie am Vortag, ja, schon nicht mehr derselbe wie mittags, aber ich merke, dass es doch ein wenig anders ablief, denn bevor ich es sah, hatte ich es gespürt wie ein im Nacken sitzendes Unbehagen, das einen mit einer kühlen Stimme sachlich und dennoch ganz eindringlich mahnt: Pass auf, hier stimmt etwas nicht, und so drängte mich mein alarmiertes Gefühl, die alt- und allvertraute Umgebung näher in Augenschein zu nehmen, erst dann sah ich es wirklich: An ausnahmslos jedem der im Park stehenden Bäume hing nun ein kleines dunkelgrünes Schild, das an seiner Oberseite ein kleines Loch aufwies, durch das ein lang herausstehender und wahrscheinlich nur in geringe Tiefe reichender, noch rein-silbrig glänzender Nagel geschlagen war. Die Schilder hingen gerade so hoch, dass ich sie nur mit Mühe hätte händisch erreichen können, aber ich wollte ja gar nicht danach greifen. Ich versuchte, mir stattdessen einen Reim auf diese plötzliche, umfassende Veränderung des Parks zu machen, denn ich war im Geiste schon immer etwas beweglicher als in oder mit meinem Körper; ich erinnerte mich sogleich, dass ich mittags eine kleine Gruppe von Leuten gesehen hatte, die sehr ernst durch diesen Park gegangen war. Angeführt worden war die Gruppe von einem hageren, nicht unsympathischen Forstwirt, der recht gewichtige Erklärungen zu einzelnen Bäumen abgab. Ich hörte ihn beispielsweise, auf einen einzelnen Baum deutend, mit der spielerischen Leichtigkeit einer Amsel, die in dem Park nach Würmern pickt, erklären, dass dieser endemisch sei, er hier in dieser Gegend also seit Millionen von Jahren vorkomme. Der Rest der Gruppe, kleine, ältere Frauen mit unordentlichen Notizblöcken und aus der Form geratenen Figuren, lauschte den Ausführungen andächtig, nickte zustimmend, Wissen und tiefes Interesse vortäuschend. Darüber, was dann geschah, kann ich nichts berichten, denn ich musste weiterziehen, aber die neuen dunkelgrünen Schilder an den Bäumen, die mittags noch nicht zu sehen waren, mussten unbedingt mit dieser wurzel-, stamm- und laubverstehenden Delegation zusammenhängen – womit sonst?!

Schnell wie ein Jagdpilot, der in einer akuten Kampfsituation sein Leben, seine Maschine und sein Vaterland verteidigt, entschied ich mich, da ich ja nun einmal geistig so beweglich war, das Positive in diesen Schildern zu sehen, denn Menschen, die vorrangig das Positive sehen, kommen doch leichter und glücklicher durch ihr Leben, so sagt man jedenfalls. Also sah ich das Positive, ich sah fest und beinahe ohne übermenschliche Anstrengung das Positive, was ich darin erkannte, dass jeder Baum nun endlich einen Namen besaß, mit dem ich ihn anreden konnte. Gewiss, der Name bestand nur in einer Nummer, einer einstelligen, zweistelligen oder gar dreistelligen Nummer, aber was scherte mich das? Auch eine Nummer ist ein brauchbarer Zeiger! Ich ging also leichten – ich kann durchaus sagen erleichterten – Schrittes, beflügelt von all meiner Positivität, durch den Park, ging an den Bäumen vorbei, ich schaute mir ihre in die Schilder geprägten Nummern aufmerksam an. Ich sagte: Hallo, liebe 73, wie schön ist es doch, dich in alter Kraft wiederzusehen! Freundliche 15, prächtig entwickelst du dich, ich weiß noch, als du ganz klein warst und verschüchtert im Kreis der Großen standest, bald wirst du selber eine Große sein! Und du, meine werte und schon ordentlich betagte 211, ich habe immer ein wenig Angst um dich, wenn wieder ein Sturm tobt: Viele starke Winde, viele Unwetter wirst du wohl nicht mehr durchhalten, irgendwann, wahrscheinlich eher bald als später, werden sie mit der Motorsäge kommen, um deine Reste geräuschvoll zu beseitigen:

Mittags werde ich dich noch stehen sehen, abends dann wirst du verschwunden sein.

© 2025 by Arne-Wigand Baganz

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