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Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Violett und Hellblau

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Die vom U-Bahnhof Elsterwerdaer Platz kommenden Gäste des Biesdorfer Blütenfests erwartet am ersten Mai gleich am Eingang ein mit einigen teils bärtigen Männern besetzter AfD-Stand. Unter einem Stoffdach stapelt sich dort gedrucktes Propagandamaterial auf einem Klapptisch so hoch, dass man Angst bekommen könnte, es drohe umzufallen. Mit Helium gefüllte hellblaue Ballons recken sich an Schnüren in den windlosen Himmel, eine Deutschlandfahnengirlande ist zwischen dem Stand und einem Baum leicht durchhängend gespannt. Etwa mittig klafft eine Lücke und zeigt dem Betrachter ein fehlendes Glied an.
Im Hintergrund des Standes hält sich zufrieden blickend eine lokale Größe der Partei auf; sie war schon vor vielen Jahren mit all ihrem physischen Gewicht im russisch besetzten Luhansk und wohl auch in Donezk, lässt man dazu ihren YouTube-Kanal, auf dem Fertiggerichte für ein zuerst amüsiertes und nun schwindendes Publikum erwärmt werden, in die “Analyse” einfließen, könnte man sie vielleicht sogar den “Prigoschin von Marzahn” nennen:
Ihre Bühne ist allerdings nicht das Staatsbankett des blutrünstigen Diktators, sondern die spartanische Küche eines ostzonalen Plattenbaus.

Zurück zum Stand am Eingang des Blütenfestes: Dort stellt sich den Vorbeilaufenden ein großes Klappplakat gegen ein autofreies Berlin auf einem Holzbock in den Weg, offenbar ein Anzeiger dafür, dass ein junger AfD-Mann mit einem großem Basecap und einer ebenso großen Sonnenbrille gerade “Schicht” hat. Sein Gesicht erinnert an einen Hamster, seine Stimme ist durchdringend und er hat sichtlich Freude an seiner politischen Arbeit. Man kann ihn sich aber durchaus auch als Fischverkäufer in Hamburg vorstellen – beide leben vom Fang …
Der junge Mann hält sich vor dem Stand auf und engagiert seine Gegner in Wortgefechten, in denen er doch immer freundlich bleibt. Eigentlich sind die AfDler hier am Stand alle eine besondere Art von Humorist – mit Spaß am Streit und einer ausgeprägten Lust am Rechthaben. Man hört, da der junge Mann so laut redet, auch in einigen Metern Entfernung einfachste Rhetorik, die man sicherlich irgendwo auf einem abgelegenen Grundstück in einem Wochenendseminar lernen kann: Nur 1,5% der globalen Umweltbelastung kämen aus Deutschland, erklärt der junge Mann, man solle sich deswegen nicht wirtschaftlich ruinieren. Ein alte Frau, die mit ihm ein Gespräch führt, beharrt auf ihrer Position, dass man die erneuerbaren Energien ausbauen müsse – der junge Mann kontert feixend, dass es nichts bringe, weiter geradeaus zu gehen, wenn man vor dem Abgrund stehe. Endlich, so scheint es, hat er diesen bildhaften Spruch einmal anbringen können!
Der vollbärtige Ehemann der alten Frau bebt ungehalten in wechselnder Entfernung zum Stand. Viel fehlt nicht, damit er explodiert. Seine Frau kehrt schließlich zu ihm zurück, er schimpft – noch immer stark erregt: “Das bringt ja nichts, mit denen zu reden”, und sie widerspricht ihm vergnügt und lebendig: “Doch, doch, man muss es versuchen!”.

Der Aufsteller am Stand wird gewechselt, vielleicht, weil ein Plan es so vorschreibt, und zeigt nun Alice W., eventuell Reichskanzlerin in spe. Der junge Mann, dessen Gesicht an einen Hamster erinnert, hält sich im Hintergrund wie auch der “Koch”, der weiterhin zufrieden dreinblickt. Er lehnt sich an eine der Stützen des Standes.
Wenig später passiert ein lesbisches Paar mit seinem Nachwuchs im Kinderwagen den Stand, es beschleunigt die Schritte, hält den Blick fest geradeaus. Eine der beiden Frauen ist dunkelhäutig …

Das Treiben geht weiter, Menschen strömen am ersten Stand vorbei, hin zum Fest oder schon wieder weg von ihm. Hellblaue Ballons werden an Kinder verteilt, manchmal auch in einem etwas dunklerem Blau gefärbte Badeenten, die, wenn sie für Fussballvereine werben, durchaus ihre 10 Euro kosten. Einige etwa 3- bis 7-jährige laufen mit den Plastetieren durch die Gegend. Irgendwann passiert es: Eine Ente fällt aus einer Kinderhand auf den sandigen Boden und wird erst nach einigen Sekunden wieder aufgehoben. Sie wollte schon traurig werden.

Ein paar der jungen Passanten bringen bereits violette Ballons mit, die sie vom Volt-Stand am anderen Ende des Festes haben. Volt ist die Partei, die man heutzutage wohl wählt, wenn einem die Grünen zu lasch geworden sind – und es gibt auch Eltern, die ihre Kinder mit Ballons beider Farben herumlaufen lassen. Offenbar denken sie sich wenig mehr dabei, als dass ihre Kleinen eine Freude haben sollen.

Eine weitere Familie nähert sich dem Fest, die Mutter kottert lautstark und geradezu böse, weil ihre Kinder schon aufgeregt auf die Ballons in Sichtweite angesprungen sind: “Ballons gibt es nicht, und hellblaue schon mal gar nicht!”.

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