Eines Arbeitstages Ende. Die berufstätigen Leute sind von den sie Beschäftigenden freigegeben und dürfen nun wieder selbst über ihre Zeit verfügen. S-Bahn-Kolonnen transportieren sie nach und nach ab aus dem Zentrum der Stadt, näher an ihre Wohnungen und Heime heran. In einem dieser nach auswärts sausenden ocker-roten Züge lehnt sich ein kahlhäuptiger, mittelalter Mann mit groben Händen gegen einen cyanfarbenen Sitz, möglicherweise ein Maurer – am Kopfe eines Wagens allein auf einem Vierer, entgegen der Fahrtrichtung. Er hält eine Flasche jener Sorte Bier, die sich mit dem Namen der Stadt schmückt und deren Etikett einen schelmisch aus einem Krug lugenden Knaben zeigt, seine Hände umklammern den Rand des Gefäßes. Während der Kahlhäuptige, dem am Hinterkopf durchaus noch ein paar Stoppeln sprießen, einen Schluck zu sich nimmt, vielleicht ist es der siebte oder achte, hält die Bahn am Ostkreuz und öffnet ihre plattformseitigen Türen. Leute steigen aus, steigen ein, so ist es für gewöhnlich – ein enormes Gewimmel auf der Station, der Zug jedoch wird leerer. Kurz vor seiner Abfahrt kommen drei Schwarze durch die Tür gehastet und setzen sich gleich rechts in den Vierer gegenüber zu einer Frau, sie unterhalten sich laut lachend auf Französisch, und haben offene Bierflaschen von eben der Sorte bei sich, die auch der Kahlhäuptige anlässlich seines Feierabends genießt. Dem wird es mit den lärmenden Neuankömmlingen ganz in seiner Nähe bald zu bunt. Er beschwert sich erst grummelnd, dann artikulierter über ihre Lautstärke, trifft damit jedoch auf keinerlei Verständnis. Lispelnd und in gebrochenem Deutsch erfährt er von einer der Frauen aus der Dreiergruppe, dass sie nicht leiser sprechen könnten und der Mann wohl nicht die Polizei mit einem Ausweis sei, um sich überhaupt an sie wenden zu dürfen. Der einzelne Mann mit seiner Bierflasche ärgert sich nach diesen Worten bereits gehörig, aber kochen tut er noch nicht – wahrscheinlich hat er heute schon Schlimmeres erlebt …
Es kommt zu immer wieder aufflackernden Wortgefechten zwischen beiden Parteien, zwischen dem rechten und linken Vierer, in einfachem bis schlechtem Deutsch. Eine der bunten Lauten schreit mit einem Mal, dass sie das Auto des Kahlköpfigen haben will. Sie lacht triumphierend, als hätte sie gerade einen gewichtigen Schlag ausgeteilt. Der Mann antwortet der Gruppe: „Ihr habt wohl den Bus verpasst?!”. Unablässig spricht er diese Mischung aus Vermutung, Frage und Provokation aus, die doch unbeantwortet bleibt.
Ein paar Sitze weiter hockt ein Teenager ganz in weiß, mit blonden gekräuselten Haaren, die ihm auf die ebene Stirn fallen. Die Augen hat er weit aufgerissen, als wäre er gerade Zeuge einer Auseinandersetzung, bei der es um Leben oder Tod geht. In seinen feinen Händen hält er starr umklammert ein kleines schwarzes iPhone auf Oberbeinhöhe, mit dem er die Szene – wie er glaubt – heimlich filmt.
Der Streit der beiden Lager zieht sich über ein paar Stationen; die Frau, die ursprünglich allein in dem Vierer saß, hat sich längst mit einem sauren Gesicht weggesetzt und der Kahlhäuptige ist inzwischen so laut wie die ihn durch ihren Lärm störenden drei Leute geworden. Beinahe schreiend fordert er mehr Ruhe ein.
Das Ende der Konfrontation, so neugierig sie auch gemacht haben mag, muss allerdings im Dunklen bleiben, da der Erzähler dieser schmalen, seinem Inhalt nach etwas hässlichen Großstadtvignette es selbst nicht mehr erlebt hat. Nur so viel zur Beruhigung: Es wird schon nicht zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Als der Erzähler ausgestiegen ist und anfängt, den Bahnsteig hochzulaufen, wirft er noch einen schnellen Blick zurück in den Wagen, direkt auf den Sitz, auf dem der filmende Teenager hockt. Dieser erschrickt durch den Blick, dem er direkt begegnet, und lässt sein Smartphone niedersinken. Eine leichte Röte schießt ihm in das blasse Gesicht.
Dieser Text ist nun zu Ende und sein Erzähler übt sich in wahrscheinlich produktiver Verweigerung: Er will gar nicht spekulieren, nicht über das Woher und Wohin der Gruppe, nicht über den Jungen, nicht über den Mann mit seiner Bierflasche, will auch nicht wissen, was dieser wählt, wenn er das nächste Mal wählen darf.
Was er jedoch recht sicher weiß: Morgen ist der erste Mai.