Es sind zwei oder drei Vogelblicke, von denen ich hier berichten will, oder vielleicht sogar muss, selbst wenn ich annehmen darf, dass ich es nur für mich tue, aber dieses Reden zu mir selbst bin ich gewohnt, ich mag es geradezu gern, unheimlich gern: Ich fülle den Raum, ich fülle ein weißes Blatt Papier. Ich fülle, ich fülle. Wo vorher nichts war, ist am Ende etwas. Vielleicht ist es nicht viel, ich mag es selten selbst beurteilen, aber mehr als nichts ist es! Doch ich schweife ab, kaum dass ich angefangen habe. Verzeihung, es tut mir leid. Also zurück auf Kurs – und den Kurs stramm halten: Diese Vogelblicke verfolgen mich schon seit längerem und trafen mich jeweils auf der Straße, die ich als neugierig in die Gefilde schauender Passagier in Reisebussen befuhr, natürlich nur in einem einzigen zu einer Zeit. Ich tat es, die Nase und das rechte Ohr immer schön an die neben mir vibrierende Fensterscheibe gepresst. Na gut, ich sehe hochgezogene Augenbrauen, da ich dies sage und gebe zu: Nicht immer schön daran gepresst, aber doch einigermaßen häufig. Ich lasse mich in diesen Bussen, wenn es möglich ist, übrigens stets auf der rechten Seite fahren, dort gefällt es mir am besten, aber ich kann nicht sagen, warum – doch wo ich nun einmal darüber nachdenke, und das tue ich jetzt ganz angestrengt und mit den Kräften, über die ich noch verfüge, fällt es mir tatsächlich ein: Wenn ich rechts sitze und rechts aus dem Fenster schaue, sehe ich weniger Autos, sehe ich mehr von der Landschaft, müssen meine Augen nicht erst die linke Hälfte der Fahrbahn überwinden. Es bereitet mir übrigens nicht die geringste Mühe – und das ist wirklich keine Übertreibung, selbst wenn es von der Sprache her, die ich gebrauche, so scheinen mag – es bereitet mir nicht die geringste Mühe, mich an die Farbe des Reisebusses zu erinnern, in dem ich damals saß: Er trug jene, die fast alle Reisebusse in dieser Zeit des ausgewachsenen und gefestigten Monopols tragen, aber dieser Fakt tut nun wirklich nichts zur Sache. Ich sehe: Ich bin schon wieder vom Weg abgekommen, dabei ist es eine einigermaßen gerade Sache, die ich hier vorbringen will – die Sache mit den zwei oder drei Vogelblicken soll erzählt werden. Um sie geht es hier. Wirklich. Verdammt, ich könnte fluchen. Ruhig weiter, ganz ruhig weiter: Die Blicke, die ich auf diesen Fahrten sah, lasten noch immer auf mir, ich sehe sie, wenn ich die Augen schließe, ich sehe sie, wenn ich die Augen geöffnet habe. Nicht ständig, aber ständig wiederkehrend. Glaube mir, oder glaube mir nicht. Ich bin nicht dafür verantwortlich, was Du glaubst. Diese Vögel, die Blicke dieser Vögel, haben sich jedenfalls in meinem Kopf eingenistet, ich bekomme sie nicht wieder aus ihm heraus, auch nach Jahren ist es mir nicht gelungen, und so muss ich jetzt auch innerlich-erinnernd ganze Jahre zurückgreifen, um zu erzählen, wie alles kam, in der kleinen Hoffnung, dass dieser erzählende Rückgriff irgendetwas ändert. Aber was sollte er ändern?
Ich komme nun endlich zur Sache. Den ersten Vogel sah ich so ungefähr in der Mitte Rumäniens, im hügeligen Transsilvanien, um genau zu sein. Wir bewegten uns (ich fuhr nicht allein, links neben mir saß jemand, den ich gut kannte und mit dem ich hin und wieder ein paar Worte wechselte, von Vögeln aber durfte und darf ich ihm noch heute nichts sagen, nie) … wir bewegten uns also durch eine märchenhaft-schauerliche Novemberlandschaft voller Nebel, bracher Hügel und kahler Bäume. Mir erschien das alles wie ausgedacht, ein wenig unheimlich, aber es war ja auch Transsilvanien und so wird es seit jeher in den Büchern beschrieben, und so ist es tatsächlich, so kann man es erleben, wenn man die Gegend zur rechten Jahreszeit besucht.
Plötzlich sah ich sie: In einem fast schwarzen Baum saß unweit der Straße und dieser zugewandt eine imposante Eule, außerordentlich beleibt und in ein helleres Grau gekleidet, das im Widerspruch mit der düsteren Landschaft und dem Baum selbst zu stehen schien. Was machte dieser feine Vogel dort? Wie ein Wesen aus einer Fabelwelt starrte er in vollkommener Ruhe die an ihm vorbeiziehenden beiden Autoschlangen an, die eine sich in “meine”, die andere sich in die entgegengesetzte Richtung bewegend. Ich glaube fest daran, dass auch Vögel uns Menschen nicht unähnlich denken können, und da ich zudem ein neugieriges Wesen bin, hätte ich in diesem damaligen Moment nur zu gern gewusst, was sich die regungslose Eule da in ihrer reglosen Beobachterhaltung dachte, denn wer beobachtet, wird sich auch etwas denken. Beides geht, wenn ich einmal eine ganz abgewetzte Redewendung verwenden darf, Hand in Hand und anders kann ich es mir auch gegenwärtig nicht vorstellen. Ich stellte mir also vor, was die Eule dachte und kam zu dem Schluss, dass es nicht viel Gutes sein konnte, denn sie dachte sich sicherlich etwas über die Menschen, die unentwegt an ihr vorbeifuhren, während sie selbst unbewegt wie eine angeklebte Holzeule in ihrem Baum hockte. Vielleicht hat sie die ganze Zeit über nur mantrahaft an ein einziges Wort gedacht, und ich riet, als ich sie längst passiert hatte, welches Wort es sein könnte: Dieses eine Wort, sicherlich kein Zauberwort, aber sicherlich ein mächtiges. Welches war es? Mir blieb – ein paar Sekunden waren verstrichen – nur eine kleine, ganz kleine Auswahl übrig, nachdem ich meinen Kopf sanft sinnend ein paar Mal von der einen zur anderen Seite geschüttelt hatte: Wahnsinn wird, ja muss die Eule sich gedacht haben! Einfach nur Wahnsinn, sonst nichts. Keine Adjektive, keine anderen Worte davor oder dahinter. Ich war mir darin so sicher, dass ich dazu gar keine seriösen Ornithologen befragen wollte oder musste, die unseriösen natürlich erst recht nicht. Wahnsinn hat sich die Eule gedacht und mich dabei selbst nachdenklich, ungeheuer nachdenklich gemacht.
Die zweite Vogelsichtung ist ein Doppel-Ereignis, was sie umso rätselhafter, um nicht mysteriöser zu sagen, macht. Viele Monate später waren wir – wieder reiste ich nicht allein, wieder saß ich in einem Bus mit dieser bestimmten Farbe auf der rechten Seite am Fenster – … wir waren also unterwegs in Schlesien. Keine Ahnung, ob es nun Ober- oder Unterschlesien war, für diese gar nicht so feinen Unterschiede habe ich mich nie interessiert. Wir ließen uns auf der Autobahn gen Osten fahren, immer tiefer in den Osten. Die Ränder dieser Autobahn gen Osten (die ja auch, wie ich beinahe erschüttert feststellte, in den Westen führt) waren und sind wohl noch heute über weite Strecken durch Maschendrahtzäune abgesichert. Ich habe mir nie die Mühe gemacht, zu erforschen, warum, obwohl es eine recht interessante Frage ist, die andere für sich sicherlich längst gelöst haben. Auf einem der vielen Pfähle dieses Zaunes saß genauso plötzlich wie damals in Transsilvanien ein Vogel, dieses Mal war es jedoch ein Falke, so weit kenne und kannte ich mich aus, und er schaute sich wie die Eule ganz still und starr all das an ihm vorbeifahrende, von Menschen gesteuerte Blech auf Rädern an, das sich – weil wir uns in einem Stau befanden – lediglich in Schrittgeschwindigkeit vorwärts quälte. Ungeduldig und ein wenig missmutig waren die Menschen, sie hatten sich festgefahren, dabei hatten viele von ihnen nicht nur reisen, sie hatten rasen wollen! Auch dieser Falke hier konnte ja nur denken: Wahnsinn! Einfach nur Wahnsinn, sonst nichts. Keine Adjektive, keine anderen Worte davor oder dahinter – ganz gleich, was seriöse oder unseriöse Ornithologen meinen. Wahnsinn! Eine stumme, tiefbohrende und alles durchdringende Klage, die mich wie ein geworfener, seltsamerweise aber körperloser Speer, der trotzdem sehr hinterhältig im Kopf stecken bleibt, traf. Eigentlich war es jedoch eine Einnistung, wie ich oben schon um einiges passender erwähnte. Und dann sah ich etwa einhundert Kilometer weiter ostwärts einen zweiten Falken – oder war es gar derselbe, der uns in diesem Falle unglaublicher- und ungebetenerweise gefolgt wäre, und zwar nicht fliegend gefolgt, sondern in einem einzigen unsichtbaren, natürlich unmöglichen Sprung? – … ich sah also wieder einen Falken (den ersten erneut oder den zweiten erstmals) in der gleichen Positur auf einem Pfahl dieses Maschendrahtzaunes sitzen, der auch hier, diese einhundert Kilometer weiter im Osten, die Autobahn begrenzte. Der Vogel saß und schaute. Er saß und schaute. Er saß und schaute und dachte: Wahnsinn!
Ihren, das heißt: unseren menschlichen Wahnsinn denkend, blicken mich diese zwei oder drei Vögel heute noch an.
[Die Skizze, auf der dieser Text basiert, datiert auf den 25.06.2021]