Gerade in einer Zeit, als es hieß, dass Käfige gefährliche Orte seien, die man meiden müsste und in der sie dann auch über Jahre meistens gemieden wurden, hatten sie den schönsten, den imposantesten und vielleicht auch größten Käfig, der in den letzten Dekaden in diesem ganzen weiten Land gebaut wurde, fertiggestellt. Ein mit vielen Preisen gekrönter Meister seines Fachs hatte ihn zusammen mit seinen immer emsig schuftenden Gesellen entworfen, Arbeiter aus ganz Europa hatten ihn anschließend errichtet und er wird seinem Bauherrn weit über seinen noch fernen Tod hinaus ein würdiges Denkmal sein: Ein sichtbares, greifbares Zeichen seiner dann einstigen irdischen Stärke, die doch wundersam fort und fort wirken wird; aber am Ende ist es eben nur ein weiterer Käfig, der da jetzt in einer Stadt des Landes steht: Einer von vielen, die, da sie nun einmal existieren, auch bevölkert sein wollen, vielleicht sogar müssen. Man darf das, was bisher angeführt wurde, jedoch nicht falsch verstehen: Der Käfig beeindruckt, gewiss, wer bleibt schon unbeeindruckt beim Anblick der Größe und Einzigartigkeit eines Pharaonenbaus, und wer, dem der Bau in seine Augen tritt, dächte zuerst an seine menschlichen Kosten, nur – das muss man sich bewusst machen – steht er dort, wo er steht, nicht zur Feier des Lebens! Er ist ein Ausdruck unheimlicher Macht, und man wird – wenn auch nicht in jedem Fall sofort – nicht umhin können, immer wieder an deren düstere Seiten zu denken.
Eine nicht geringe Schar Vögel immerhin war froh, dass sie, obwohl sie dieser Macht diente, nicht gezwungen war, dies in dem neuen Käfig zu tun, den man ihr als Aufenthaltsort bestimmt hatte. Die Vögel dieser Schar genossen draußen, also außerhalb des Käfigs, ihre zahlreichen Freiheiten, die meisten von ihnen dienten der Macht seit vielen Jahren nur noch aus der Ferne, und das taten sie genauso gut, vielleicht sogar besser, weil sie sich eben nicht in dem innen doch sehr unpraktisch angelegten Käfig aufhalten mussten, und auch der leidige, zeitraubende Hin- und Rückflug entfiel. Was hatte das für ein kreatives Potential bei den Vögeln freigesetzt, wie waren ihre Federn bunter und ihre Gesänge noch heller, um wie viel reicher war ihr Leben dadurch geworden, dass sie jede Woche viele Stunden nicht durch diese Flüge vergeuden mussten! Sie hatten ja in allen Winkeln des Landes ihre Nester gebaut, hatten Familien gegründet oder erweitert. Dem Hüter des Käfigs aber bereitete der Leerstand einigen Kummer: Hatte er ihn bauen lassen, damit er größtenteils ungenutzt bliebe, und konnte der Hüter den Vögeln, die eigentlich für ihn da sein, ihn mit ihrem Gefieder und ihren Gesängen erfreuen sollten, überhaupt vertrauen, hintergingen sie ihn nicht die ganze Zeit über in ihrer gewonnenen und von ihnen so viel gepriesenen Freiheit?
Nicht jedem schmeckt diese alte Klage, aber früher war eben doch alles besser, fand der Hüter des Käfigs: Früher, als es die Norm war, dass sich die Vögel in ihren Käfigen wochentäglich einfanden, ihre Pracht zeigten, ihre Stimmen zu stundenlangen gemeinsamen Konzerten erhoben, die doch immer recht chaotisch, ja, geradewegs ohne Plan, ohne Partitur, waren. Mochten auch zahlreiche Studien jetzt das Gegenteil behaupten, mochten die Vögel nun ihren Gesang einstellen, ihre Gesichter verdüstern, nur noch unzufrieden gurren, mochten ihre einst schillernden Federn rasch ausbleichen: Es half ihnen nichts, der Hüter hatte die Rückkehr sämtlicher Vögel, die bei ihm unter Vertrag standen, in den Käfig zum angesetzten Stichtag befohlen. Sie mussten sich beugen – oder sich einen anderen Hüter suchen.
Der Hüter des imposanten Käfigs, ein feinfühliger Mann von großer Bildung, hatte immerhin so viel Einsehen, dass er zuvor schnell ein paar Gitterstäbe gülden färben ließ: Was konnten die Vögel jetzt noch gegen den Käfig haben? Wie er es plante, war es doch für alle das Beste. War es das? Nun, wir müssen zweifellos erkennen, dass die verwöhnten Vögel sehr vieles gegen die Rückkehr in den Käfig hatten und es mag auch verständlich sein:
Wer die süße Freiheit einmal gekostet hat, wird sie nur schwerlich und zumeist unter Tränen wieder aufgeben können. Sein Leben wird ein anderes und er nicht mehr derselbe sein.
Aber halten wir uns nicht mit diesem traurigen Fall auf, der vielleicht ein wenig wie eine kaum gehemmte Phantasie eines Dichters aussieht und den wir womöglich schon zu lange betrachtet haben, schauen wir einmal ungefähr einhundert Jahre zurück:
Zu Lebzeiten Kafkas war die Welt vergleichsweise einfach, auch wenn das damals kaum einer so gesehen haben wird, da ging nämlich ein Käfig noch einen Vogel suchen, einen einzigen Vogel suchen. Wir wissen nicht, ob er erfolgreich war, da uns Kafka nicht mehr zu dieser Sache mitteilte, und wir mögen uns vielleicht wundern, dass der Käfig von sich aus aktiv wurde, als wäre er ein Subjekt, dass er also keinen Herren hatte, dass es keinen Vogelhüter gab, aber als Kenner des Menschengeschlechts und seiner Geschichte müssen wir davon ausgehen, dass dieser Gang des Käfigs nicht umsonst war, oder weiss jemand einen einzigen Fall, in dem ein Käfig keinen Vogel gefunden hätte? Alle finden sie einen – heute, morgen, wahrscheinlich zu allen Zeiten. Das ist das Gesetz der Käfige.