Lyrik ist heutzutage ein Randgenre – sie begeistert nur noch wenige
Menschen und wenn sie in Buchform erscheint, muss sie (oder besser: ihr
Autor / Verleger) um jedes einzelne verkaufte Exemplar froh sein. Natürlich
gibt es auch ein paar Ausnahmen, die Dichterin Mascha Kaléko ist
tatsächlich ein Verkaufsschlager, sie belegt bei amazon zurzeit die ersten
vier Plätze in der Kategorie “Lyrik des 20. Jahrhunderts”, damit steht sie
neben (oder genauer: noch vor) Erich Kästner, Hermann Hesse und Rainer
Maria Rilke. Es gibt jedoch auch viele Menschen, die hobbymäßig oder
semi-professionell Gedichte verfassen und diese vor allem im Internet
veröffentlichen.
Aufblühen der Anti-Kriegslyrik
Ich habe mich in den letzten Wochen ein wenig in Literaturforen umgesehen.
Anti-Kriegslyrik findet man dort gerade erstaunlich häufig, selten aber ist
sie wirklich überzeugend. So sah ich beispielsweise ein Gedicht, das wohl
als Satire gedacht war und in einer länglichen Aufzählung alle
vermeintlichen Kriegsgründe Russlands darlegte. Handwerklich war es nicht
besonders gut gemacht (holprige Reime) und letztlich hatte ich auch
Schwierigkeiten, einzuordnen, ob es sich wirklich um Satire handelte. Also,
die Sache ließ sich aufklären: Es sollte Satire sein, aber irgendwie hat
der Text dann doch vor allem die russische Propaganda weitertransportiert.
Das ist ja gemeinhin ein Problem: Auch wenn man sich bemüht, Propaganda zu
widerlegen, verschafft man ihr häufig noch mehr Reichweite, wenn man sie
dabei zitiert.
Eigene Erfahrungen
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht einfach ist, ein
Anti-Kriegsgedicht zu schreiben. Intensive Emotionen und Gedanken werden zu
Gedichtzeilen geformt, die sowohl wahrhaftig sein als auch einen gewissen
literarischen Anspruch haben sollen. Konzentriert man sich zu sehr auf die
Form, schreibt man schnell an der Realität vorbei. Ohnehin fühlt es sich
für mich als nicht direkt Betroffenen etwas seltsam an, über den Krieg zu
schreiben, auch wenn ich eine starke Bindung an die Ukraine habe und unter
anderem viele Orte kenne, die inzwischen zerstört worden sind. Schließlich
gebe ich den Impulsen aber doch immer wieder nach … Vollkommen überzeugt
bin ich am Ende von meinen eigenen Gedichten über den Krieg nicht. Woran
könnte das liegen?
Das Scheitern der Worte
Die Worte, mit denen man den Krieg in einem Gedicht beschreibt, sind nie
angemessen, vielleicht oft unnötig pathetisch oder gar etwas beschämend,
auf jeden Fall machtlos / ohnmächtig, sie ändern weniger als nichts an dem
grausamen Geschehen – und wollen doch geschrieben sein. Haben Gedichte über
den Krieg trotzdem irgendeinen “Nutzen”?
Über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gibt es aktuell nur
zwei Meinungen: Die einen sehen ihn als das, was er ist: ein abscheuliches
Verbrechen, die anderen sind staatstreue Russen oder russenfreundliche
Menschen. Die Fronten sind geklärt, man wird niemanden, der heute der
Tyrannei die Daumen drückt oder ihr durch Nichtstun und Ausbremsen von
Gegenmaßnahmen in wichtigen Ämtern indirekt hilft, überzeugen können, auf
die Seite des Lichtes zu wechseln. Es gibt nämlich Zeitgenossen, die blind
sind für die menschlichen und tierischen Leiden in Mariupol, Butscha,
Borodjanka und all den anderen ukrainischen Orten, in denen russische
Mörderbanden gewütet haben oder immer noch wüten.
Wenn Anti-Kriegsgedichte heute etwas wie Sinn haben, dann für den
Schreibenden womöglich in der Verarbeitung des Gefühlten / (medial)
Erlebten, die ja eine gewisse Katharsis darstellen kann, und darin, es mit
anderen – Lesern – zu teilen. Auch das kann die Solidarität derer stärken,
die für die Ukraine, für Menschlichkeit und gegen den russischen Faschismus
sind. Solidarität macht uns stark – vor etwas mehr als drei Jahrzehnten hat
sie schon den russischen Kommunismus besiegt!
