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Dilemma der Anti-Kriegslyrik

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Soldatengräber auf dem Lytschakiwski-Friedhof in Lwiw, Ukraine (August 2014)

Das Schreiben und häufige Scheitern neuer Gedichte gegen den Krieg

Lyrik ist heutzutage ein Randgenre – sie begeistert nur noch wenige Menschen und wenn sie in Buchform erscheint, muss sie (oder besser: ihr Autor / Verleger) um jedes einzelne verkaufte Exemplar froh sein. Natürlich gibt es auch ein paar Ausnahmen, die Dichterin Mascha Kaléko ist tatsächlich ein Verkaufsschlager, sie belegt bei amazon zurzeit die ersten vier Plätze in der Kategorie “Lyrik des 20. Jahrhunderts”, damit steht sie neben (oder genauer: noch vor) Erich Kästner, Hermann Hesse und Rainer Maria Rilke. Es gibt jedoch auch viele Menschen, die hobbymäßig oder semi-professionell Gedichte verfassen und diese vor allem im Internet veröffentlichen.

Aufblühen der Anti-Kriegslyrik
Ich habe mich in den letzten Wochen ein wenig in Literaturforen umgesehen. Anti-Kriegslyrik findet man dort gerade erstaunlich häufig, selten aber ist sie wirklich überzeugend. So sah ich beispielsweise ein Gedicht, das wohl als Satire gedacht war und in einer länglichen Aufzählung alle vermeintlichen Kriegsgründe Russlands darlegte. Handwerklich war es nicht besonders gut gemacht (holprige Reime) und letztlich hatte ich auch Schwierigkeiten, einzuordnen, ob es sich wirklich um Satire handelte. Also, die Sache ließ sich aufklären: Es sollte Satire sein, aber irgendwie hat der Text dann doch vor allem die russische Propaganda weitertransportiert. Das ist ja gemeinhin ein Problem: Auch wenn man sich bemüht, Propaganda zu widerlegen, verschafft man ihr häufig noch mehr Reichweite, wenn man sie dabei zitiert.

Eigene Erfahrungen
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht einfach ist, ein Anti-Kriegsgedicht zu schreiben. Intensive Emotionen und Gedanken werden zu Gedichtzeilen geformt, die sowohl wahrhaftig sein als auch einen gewissen literarischen Anspruch haben sollen. Konzentriert man sich zu sehr auf die Form, schreibt man schnell an der Realität vorbei. Ohnehin fühlt es sich für mich als nicht direkt Betroffenen etwas seltsam an, über den Krieg zu schreiben, auch wenn ich eine starke Bindung an die Ukraine habe und unter anderem viele Orte kenne, die inzwischen zerstört worden sind. Schließlich gebe ich den Impulsen aber doch immer wieder nach … Vollkommen überzeugt bin ich am Ende von meinen eigenen Gedichten über den Krieg nicht. Woran könnte das liegen?

Das Scheitern der Worte
Die Worte, mit denen man den Krieg in einem Gedicht beschreibt, sind nie angemessen, vielleicht oft unnötig pathetisch oder gar etwas beschämend, auf jeden Fall machtlos / ohnmächtig, sie ändern weniger als nichts an dem grausamen Geschehen – und wollen doch geschrieben sein. Haben Gedichte über den Krieg trotzdem irgendeinen “Nutzen”?
Über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gibt es aktuell nur zwei Meinungen: Die einen sehen ihn als das, was er ist: ein abscheuliches Verbrechen, die anderen sind staatstreue Russen oder russenfreundliche Menschen. Die Fronten sind geklärt, man wird niemanden, der heute der Tyrannei die Daumen drückt oder ihr durch Nichtstun und Ausbremsen von Gegenmaßnahmen in wichtigen Ämtern indirekt hilft, überzeugen können, auf die Seite des Lichtes zu wechseln. Es gibt nämlich Zeitgenossen, die blind sind für die menschlichen und tierischen Leiden in Mariupol, Butscha, Borodjanka und all den anderen ukrainischen Orten, in denen russische Mörderbanden gewütet haben oder immer noch wüten.
Wenn Anti-Kriegsgedichte heute etwas wie Sinn haben, dann für den Schreibenden womöglich in der Verarbeitung des Gefühlten / (medial) Erlebten, die ja eine gewisse Katharsis darstellen kann, und darin, es mit anderen – Lesern – zu teilen. Auch das kann die Solidarität derer stärken, die für die Ukraine, für Menschlichkeit und gegen den russischen Faschismus sind. Solidarität macht uns stark – vor etwas mehr als drei Jahrzehnten hat sie schon den russischen Kommunismus besiegt!

Veröffentlicht am 06.04.2022

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