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Engel gibt es (nicht)

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Eine Engelstatue auf dem Invalidenfriedhof (Berlin, Oktober 2019)

Eine kursorische Betrachtung der himmlischen Wesen im Leben, in der Religion und der dichtenden Kunst sowie des Englischen in uns selbst.

Plötzlich sieht man ihn irgendwo stehen, vielleicht an einer sonst leeren Metro-Station, wie eine unerwartete, ganz gesunde und kräftige Blume in der Wüste: Wer hat ihn dorthin gestellt? Er steigt in die Bahn ein, läuft sanft wippend wie auf Federn, ist in seine vermutlich frohen und zugleich unergründlichen, weil nie mit anderen geteilten Gedanken versunken, die sich doch nur auf das Paradies beziehen können, aus dem er stammt und in das er sicherlich bald zurückkehren wird: Er ist immer bloß für eine kurze Zeit auf Erden, vielleicht, damit man ihn nicht ganz vergisst, vielleicht, weil er darüber hinaus noch himmlische Aufträge auszuführen hat; auch die weißen Flügel, die man ihm so gern andichtet und die er manchmal möglicherweise wirklich besitzt, zeigen sich im Moment nicht. Man kann sich seine Erscheinung selbst nicht ausdenken, und doch ist sie wie ausgedacht: Wie sieht die Welt aus, aus der er stammt, wie ist dieses Paradies beschaffen und wer hat ihn gemacht – so vollkommen, so rein, ohne Tadel, glanzüberströmt? Anders als die unsrige Welt gewiss, und doch ist er gerade hier. Ist er denn wirklich hier, können ihn auch die anderen Reisenden sehen? Nein, sie sehen ihn nicht, sehen nichts außer ihre mit ihnen inbrünstig schwatzenden Begleiter, ihre dicken Koffer, ihre stets nach Aufmerksamkeit heischenden lärmenden und blinkenden Telefone und die verdorbene städtische Landschaft, durch die sich der Zug routiniert und mühelos seinem Plan gemäß schiebt, denn Engel gibt es doch nicht. Sie sind eine Erfindung – sie sind am Ende nur ein Begriff, mit dem wir das unerwartet auftretende Außermenschliche als ein Menschliches beschreiben, das vielleicht doch bloß eine schöne Einbildung ist, die zerstiebt, wenn man sie berührt: Etwas, das zutrifft und zugleich nicht zutrifft, das mit einer Silbe “Ja”, mit der anderen “Nein” sagt, das anwesend und doch nicht anwesend ist.

Engel als Botschafter Gottes
Laut Thomas Hobbes sind Engel gemeinhin Botschafter, genauer gesagt Botschafter Gottes, und Botschafter Gottes machen sich durch ihre außerordentliche Erscheinung bemerkbar, nämlich durch die außerordentliche Manifestierung seiner Macht, insbesondere durch einen Traum oder eine Vision. Zunächst hielt Hobbes, wie er uns im Leviathan darlegt, Engel nur für übernatürliche Erscheinungen der Phantasie, die durch das Werk Gottes hervorgerufen würden, um seine Gegenwart und seine Gebote der Menschheit bekannt zu machen, insbesondere seinem auserwählten Volk, aber aufgrund von Textstellen des Neuen Testaments und der Worte des Erlösers selbst, die in diesem wiedergegeben werden, ist er doch zu der Anschauung gelangt, dass es auch diesweltliche und dauerhafte Engel gibt: Dass Engel sich an keinem Ort, sprich nirgends befinden und körperlos seien, kann Hobbes´ Auffassung nach nicht durch die Heilige Schrift bewiesen werden, also haben sie einen Körper, der sich an einem konkreten Ort befinden muss.

Die Bibel kennt Engel im Psalm 91 auch als sich kümmernde Behüter der Menschen:

Zitat:

Denn er [Gott] hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.


Das Irdische nicht berühren
Bei dem christlichen Apologeten Lactantius (“Auszug aus den göttlichen Unterweisungen”), der zwischen 250 und 325 gelebt haben soll, entsendet Gott im Paradies-Kapitel Engel als Gegengewicht zur Schlange, die den Menschen fortwährend “das Gift der Bosheit in das Herz” gießt, so dass diese in Ungerechtigkeit und wie Ungeheuer leben. Die Engel sollen den Menschen helfen, ihr Leben edler zu gestalten und sie vor allen möglichen Übeln dieser Welt schützen – was im Einklang mit dem oben erwähnten Psalm wäre. Der Auftrag Gottes an die Engel enthält jedoch eine erschwerende Besonderheit: Sie müssen sich unbedingt der Berührung mit dem Irdischen enthalten, “damit sie nicht verunreinigt würden und der Auszeichnung der Engel verlustig gingen”. Aber es geht nicht gut, so selten geht es gut, wenn Versuchungen im Raum stehen, da das Fleisch im Willen so schwach und in der Erzeugung von Verlangen so stark ist: Die Engel vergnügen sich mit Weibern, beflecken sich mit ihnen, und wegen dieser körperlichen Sünden verstößt Gott schließlich die Engel, wie er auch schon die Menschen verstoßen hat, sie verlieren ihren Namen und ihre wesentlichen Eigenschaften, werden gar ein Anhang des Teufels. Später aber, am Ende von Lactantius´ Werk, als Gott die Welt erneuert, um sein Reich ohne Ende zu schaffen, wandelt er die Gerechten in die Gestalt der Engel um, auf dass sie ihm “im Gewande der Unsterblichkeit für immer und ewig” dienen. Die Klasse der Engel stellt sich durch diese Verwandlung als rehabilitiert heraus.

Bei Dionysius Areopagita (ca. 1 Jh. n. C.) erscheint der Kosmos in einer vernünftigen Ordnung, die von oben nach unten durchgebildet ist. Zuerst kommen bei ihm die Engel, dann die Menschen-, Tier- und Pflanzenseelen, dann die seelen- und leblosen Wesen:
Alles hat sein “Sein durch das Gute und ist durch dieses seines Wesenszustandes teilhaftig geworden”.

Insgesamt aber bleibt das, was über Engel gemeint wird – und es wird häufig und vieles, jedoch meist vage gemeint –, widersprüchlich, und so heißt es auch in einer Einleitung zu Origines bei Paul Koetschau (1857–1939):

Zitat:

Nach der kirchlichen Lehre gibt es Engel und gute Mächte; nirgends jedoch wird gesagt, wann sie geschaffen und von welcher Art und an welchem Orte sie seien.


Schon Jakob Böhme (1575–1624) wusste in seinem Text “Von [der] Erschaffung der heiligen Engel – Eine Anweisung oder offene Porte des Himmels”, der sich in “Aurora oder Morgenröte im Aufgang” findet, von den Schwierigkeiten zu berichten, die Engel den bisherigen Interpreten bereitet haben – aber auch wenn es Gottes Sache sei, Aufklärung darüber zu bringen, so macht sich Jakob Böhme doch kurz darauf selbst daran, von “Von [der] Erschaffung der Engel” zu berichten, wobei es ihm nicht gelingt, sonderlich konkret zu werden und viel Licht in diese Frage zu bringen.

Engel in der Dichtung
Die Dichter hatten und haben es stets einfacher, wenn sie über Engel sprechen, ganz gleich, ob sie nun an sie glauben oder nicht: Ihre künstlerischen Äußerungen unterliegen anderen Gesetzen als die Äußerungen der Kirchenväter und Philosophen, sie haben viel mehr Freiheiten, da sie weder durch institutionelle Überlieferungen noch strikte Logik gebunden sind. Engel sind den Dichtern mächtige, ihren gestalterischen Absichten dienstbare Figuren, die sie phantasievoll handhaben können, sie sind bereits im Voraus, also vor der Lektüre, stark aufgeladene und dabei doch polyvalente Symbole, die bei gebildeten und dafür empfänglichen Lesern die unterschiedlichsten Assoziationen auslösen können. Natürlich finden sich auch Menschen, die aus der Verwendung von Engeln bei Dichtern wiederum eine Wissenschaft machen, so hat beispielsweise Romano Guardini eine Monographie verfasst, welche sich allein mit dem Engel in Dantes Göttlicher Komödie befasst. Bei Georg Trakl ist der Engel gern schwarz, ein ziemlich unheimlicher Bote, der vor allem mit dem Tod, mit den Friedhöfen in Verbindung zu stehen scheint. Der vom eben erwähnten Österreicher beeinflusste Johannes R. Becher hat das in seinem Frühwerk gern aufgenommen, wenn er hier in einem jedoch Baudelaire gewidmeten Gedicht schreibt:

Zitat:

Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
Bruder, den ich aufgelöst umarm.
Atem feucht, den ich erschauernd spür.
Schwarzer Engel meine Schritte leitet.


Später steht in Bechers Gedichtband “Verfall und Triumph” (1914) gleich ein ganzer Chor aus schwarzen Engeln blonden Engeln gegenüber, aber das Ganze wirkt doch recht unreif: Da hat jemand unter Zuhilfenahme eines kräftigen Mittels viel gewollt und trotzdem nicht sonderlich viel erreicht. Ein verzeihbarer Fehler der Jugend!
Bei Baudelaire erfährt man im Gedicht “Der Rebell”, dass Engel nicht nur gütig sein können, sondern zuweilen wütend aus dem Himmel stürzen, um Ungläubige zur Vernunft, d.h., zum Glauben zu bringen. Natürlich wirkt das grotesk – und wird auch nicht von Erfolg gekrönt, denn der Gottverfluchte, auf den es der Engel hier abgesehen hat, wiederholt nur sein »Nein!«.

Zitat:

Ein Engel stürzt sich wie ein Aar zur Erde
Und rauft des Glaubenslosen Haar voll Grimm:
»Ich will, dass dem Gesetz Gehorsam werde!
Dein guter Engel bin ich, drum vernimm


In Hölderlins Gedichten gibt es Engel des Hauses, des Jahres und des Vaterlandes – aber auch Engelfreuden, die sich harmonisch in die Natur einpassen, insgesamt aber weniger dieser Figuren, als man vielleicht vermuten mag:

Zitat:

Engelfreuden ahndend wallen
Wir hinaus auf Gottes Flur
Wo die Jubel widerhallen
In dem Tempel der Natur;

Hölderlin – Lied der Liebe


Klopstock, der Verfasser des biblisch geprägten Monumentaldichtwerkes “Der Messias”, hat sich viel ausgiebiger mit Engeln beschäftigt als Hölderlin. Hier benutzt er die Figur in einem Liebesgedicht, das etwas kryptisch nur “An Sie” (1752) betitelt ist:

Zitat:

Und doch komst du! O dich, ja Engel senden,
Engel senden dich mir, die Menschen waren,
Gleich mir liebten, nun lieben
Wie ein Unsterblicher liebt.

Auf den Flügeln der Ruh, in Morgenlüften,
Hell vom Taue des Tags, der höher lächelt,
Mit dem ewigen Frühling,
Kommst du den Himmel herab.


Das Englische in uns
Vielleicht sind wir, wenn wir geboren werden, alle kleine Engel, oder zumindest engelhaft, und erst die Schwierigkeiten und Mühen des irdischen Lebens führen dazu, dass wir von dieser lichteren Existenz abfallen und uns der Dunkelheit zuwenden, ob bewusst oder nicht: Das ist ohne größere Bedeutung, aber es muss nicht so sein, und wenn es doch so geworden sein sollte, muss es schließlich nicht so bleiben.

Engelwärts schreiten
“Lenk deinen Schritt engelwärts” hat uns Rose Ausländer (1901–88) einst in einem ihrer Gedichte empfohlen, und selbst wenn wir nicht unbedingt wissen sollten, wo Engel wohnen und vielleicht nicht einmal an sie glauben, weil uns eventuell auch noch keiner auf unseren bisherigen Wegen begegnet ist, so dürfen wir uns doch eingeladen fühlen, diesen Rat dahingehend zu verstehen, dass wir uns dem Guten zuwenden sollten, denn die Bewahrung und Mehrung des Guten ist es, auf die es in unserem menschlichen Leben zuallererst ankommt, auf dass wir das Gift der Bosheit nicht in unsere und andere Herzen lassen.

Veröffentlicht am 01.06.2025

© 2025 by Arne-Wigand Baganz

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