Erwin Sommer, der freimütige Erzähler in Hans Falladas “Der Trinker” (1944,
Erstveröffentlichung posthum 1950), ist Anfang 40 und kinderlos mit seiner
Frau Magda, mit der er ein Ladengeschäft führt, verheiratet. Erwin ist ein
wenig zufällig und damit – wie es scheint – nicht ganz typisch zu seinem
gravierenden Alkoholismus gekommen. Für viele ist diese Krankheit eine
lange, in die Hölle führende Rutsche, auf der sie über Jahre hinweg immer
tiefer und ohne Hoffnung auf Umkehr hinabgleiten, bis sie eines Tages nach
ungezählten körperlichen und seelischen Qualen endlich verbrennen und ihre
finale Ruhe finden; Erwin Sommer aber, der sich für ziemlich schlau und oft
auch überlegen hält, ist anders, er nimmt eine Abkürzung: Es ist, als hätte
er auf seinem bis dahin recht angenehmen Lebensweg ein Loch gefunden, in
das er nur hineinspringen musste, um sich selbst und auch das Leben seiner
Frau Magda zu ruinieren:
Zitat: Ich habe natürlich nicht immer getrunken, es ist sogar nicht sehr lange her, dass ich mit [dem] Trinken angefangen habe. Früher ekelte ich mich vor Alkohol; allenfalls trank ich mal ein Glas Bier; Wein schmeckte mir sauer, und der Geruch von Schnaps machte mich krank. Aber dann kam eine Zeit, da es mir schlecht zu gehen anfing. Meine Geschäfte liefen nicht so, wie sie sollten, und mit den Menschen hatte ich auch mancherlei Missgeschick.
Der Alkoholiker Hans Fallada wusste, wovon er schrieb: Während er an dem
Manuskript arbeitete, aus dem “Der Trinker” wurde, saß er im Altstrelitzer
Gefängnis wegen eines mutmaßlichen Totschlagversuches an seiner ehemaligen
Frau. Als nicht zurechnungsfähig verurteilt, musste er dort dreieinhalb
Monate in Unfreiheit verbringen. In dieser Zeit schrieb Hans Fallada seinen
Roman heimlich, und so einiges, was darin geschieht, hat autobiographische
Züge, einschließlich des Totschlagversuches an der Frau, die einst treu und
fest an seiner Seite stand – die vielleicht größte Sünde des Erwin Sommer,
aber nicht die einzige des Hans Fallada!
Auf dem Strom des Vergessens
Der erste Teil des Buches ist ganz dem Rausch gewidmet, stellenweise
erinnert er an die viel später geschriebene “Reise nach Petuschki” von
Wenedikt Jerofejew, er vermag es, einen als Leser selbst in einen Rausch zu
versetzen, so dass man vielleicht stundenlang nicht davon lassen kann, bis
man endlich alles erfahren hat, was da vor Jahrzehnten im Elend einer Zelle
an den aufmerksamen Augen der Wärter vorbei niedergeschrieben worden ist:
Zitat: Rausch, Vergessen, auf dem Strome des Vergessens dahintreiben, in die Dämmerung hinein, tiefer in die Schwärze hinab, dorthin, wo es weder Versagen noch Reue gibt …
Einmal auf den Geschmack der starken gefährlichen Getränke gekommen, kennt
Erwin Sommer kein Halten mehr, er begibt sich direkt auf den Highway to Hell, alles dreht sich bei ihm nur noch um das Trinken, und alles andere, mit
Ausnahme einer Schankfrau, hat keinen Reiz mehr:
Zitat: Erst als ich mich im Badezimmer zurechtmache, fällt mir ein, daß ich soeben Magda verraten habe. Verraten und betrogen. Betrogen und belogen. Aber gleich zucke ich die Achseln: Recht so! Immer tiefer hinab. Immer schneller hinein. Nun gibt es doch kein Halten mehr!
Wen hat Magda geheiratet?
Zuerst versucht Erwin noch, seine Krankheit vor allem vor seiner Frau zu
verbergen, sein Gewissen peinigt ihn, aber die leeren Flaschen, sein
alkoholischer Atem, sein verändertes Gemüt, sein aufgedunsener und zugleich
mehr und mehr zerfallender Körper, seine ungewohnten Müdigkeiten verraten
immer wieder und ständig seine Sucht: Das ist nicht mehr der Mann, den
Magda einst geheiratet hat, das ist keine Ehe mehr, zu den beiden ist nun
ein Dritter getreten, aber es ist kein Kind, es ist eine starke Kraft, die
Erwin nach unten zieht, während sie ihm vorgaukelt, ihm Auszeiten im Himmel
zu gewähren.
Magda versucht zu helfen, aber sie ist hilflos: Ihr Mann will sich nicht
helfen lassen, sie steht ihm im Weg in das Verderben. Auf diesen
festgelegt, schaltet ihr Mann in den höchsten Gang, alles wird immer
schlimmer und am Ende sitzt er dann im Gefängnis, später in einer
Heilanstalt.
Schreibend leben
Wahrscheinlich ist es längst eine Binse, obwohl es natürlich nur eine ganz
oberflächliche Diagnose ist, die auf falschen Annahmen beruhen kann, weil
ich nicht genug weiß, aber es scheint doch, dass, wenn es Fallada gut ging,
er schlechte Romane und wenn es ihm schlecht ging, er gute geschrieben hat
– als hätte er sich mit seinem Schreiben selbst aus dem Sumpf seiner Qualen
herausschreiben wollen. Wir Leser profitieren davon, als Menschen müssen
wir jedoch sagen: Ach, hätte der Fallada besser nur schlechte Romane
geschrieben, dann würde er ein besseres Leben gehabt haben, dann hätte er
seine Energie nicht an die Aneinanderreihung von Buchstaben verschwenden
müssen, sondern für die Sortierung und Besserung seiner Lage verwendet,
aber dazu war er wohl nicht fähig. Fallada hat sein kurzes, schwieriges
Leben für die Bücher, die er schrieb, gelebt.
Insassen, die es miteinander treiben
In der Haft des Erwin Sommer thematisiert Fallada einmal mehr die
Homosexualität, und das sogar sehr ausführlich, indem er erotische
Beziehungen verschiedener Insassen schildert. Natürlich spart Fallada nicht
damit, diese zuverlässig abschätzig zu bewerten, aber es ist doch
auffällig, wie sich das durch sein Werk zieht, als wäre es mehr als nur
eine Nebensächlichkeit, als welche sie sich meist nur zaghaft hier und dort
zu erkennen gibt. Hat nicht auch der nicht ganz erfolgreiche
Doppelselbstmord von Fallada und seinem frühen Freund und Mitschüler Hanns
Dietrich (nur Dietrich starb) eine gewisse homoerotische, zumindest jedoch
dunkel-romantische Anmutung, selbst wenn der äußere Anlass, nämlich die
Ablehnung von Manuskripten, ein anderer gewesen sein soll? Beide schwärmten
für die Schriften von Oscar Wilde, Hugo von Hofmannsthal und Friedrich
Nietzsche …
Keine Heilung in der Anstalt
Zurück zur Geschichte des Trinkers: Aus dem Gefängnis kommt Erwin Sommer in
eine Heilanstalt, die auch ein Gefängnis ist und in der fürchterliche
Zustände herrschen. Unter den Insassen kommt es zu Gewalt, sie hungern
ständig, leiden an Furunkeln. Anfangs hofft Erwin noch, dass er bald
entlassen wird, aber den einmal eingeschlagenen Weg in die Hölle kann er
nicht mehr verlassen – nicht zuletzt, weil er für schlechten Rat immer ein
sehr offenes Ohr hat.
Wie oben bereits angedeutet, zähle ich “Der Trinker” zu Falladas guten
Romanen, auch wenn naturgemäß der zweite Teil, in dem Erwin Sommer seine
bürgerliche Freiheit verloren hat, nachdem er seine persönliche Freiheit
bereits im ersten Teil an den Alkohol verloren hatte, etwas abfällt und
sich auch ein paar Unkonzentriertheiten in der Erzählung, vor allem, was
die Chronologie betrifft, bemerkbar machen, aber diese lassen sich
sicherlich durch die Entstehungsumstände entschuldigen.
Von Flasche zu Flasche
Niemand, der Falladas Trinker liest, wird sich dadurch aus seiner Sucht
befreien können. Ein Trinker, der heute noch stolz damit prahlt, einmal gar
kein Bier getrunken zu haben, wird sich morgen schon wieder einen ganzen
Schnaps reinhelfen, und so geht es von Glas zu Glas, von Flasche zu
Flasche, bis irgendwann, oft nach vielen Jahren, nichts mehr geht. Es gibt
nicht wenige Menschen, die den Weg des Erwin Sommer wählen, weil in ihnen
nicht genug Kraft ist, ihm zu widerstehen, und sie den Alkohol einsetzen,
um ihre Gefühle zu regulieren und sich aus dem Leben, das sie eigentlich
führen müssten, stehlen. Dadurch betrügen sie sich nicht nur selbst,
sondern auch ihre Mitmenschen.
Alkoholismus in Deutschland
Zur Prävalenz des Alkoholismus in Deutschland lassen sich die
verschiedensten Zahlen finden, die zumeist im niedrigen Millionenbereich
liegen. Folgt man einem Artikel des Deutschen Ärzteblattes aus dem Jahr
2019, so wiesen im Jahr 2018 insgesamt 3 Millionen Erwachsene zwischen 18
und 64 Jahren eine alkoholbezogene Störung auf, wobei dort noch einmal
zwischen Alkoholmissbrauch (1,4 Millionen) und Alkoholabhängigkeit (1,6
Millionen) unterschieden wurde. Die Realität scheint diese Zahlen zu
bestätigen: Gibt es jemanden, der keinen Alkoholiker kennt oder nicht
zumindest regelmäßig Alkoholiker in der Öffentlichkeit sieht? Vielleicht
gehört man sogar selbst schon dazu?
Fazit
“Der Trinker” ist eine mahnende Beichte des Hans Fallada (1893–1947):
Der hässliche Spiegel einer Wirklichkeit, die wir Menschen häufig durch
Schwäche und Sündigen erschaffen. Es liegt jedoch immer auch an einem
selbst, was man aus dem einem Gegebenen macht. Niemand ist von Natur aus
dazu verdammt, sein Leben vom Alkoholangebot der Läden, Supermärkte,
Kioske, Kneipen, Bars und Lounges abhängig zu machen: Genau wie die Tiere
könnten wir statt Bier, Sekt, Wein, Likör und Schnaps tatsächlich auch nur
Wasser trinken.
Zitat: Sah ich mich jetzt gelegentlich im Spiegel an, so betrachtete ich mit grausamer Wollust mein Gesicht, das, von alten Bartstoppeln bedeckt, gedunsen und doch abgezehrt, ja wie ausgebrannt aussah. ›So zerstört man sich selbst‹, sagte ich mir dann frohlockend. Und gleich dachte ich weiter an Magda und wie sie erschrecken würde, wenn sie mich in diesem Zustand sähe, und wie ich es ihr dann ins Gesicht schleudern würde, daß sie, sie allein die schmähliche Ursache dieser Veränderung sei!
